Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227892--47840-3270326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

167 freut, und die bleichen Gesichter der drei Frauen, welche sich bei dem Eintritt Leonhards respektvoll von ihren Plätzen erhoben hatten, sprachen die Frage aus: „Was bringst Du uns? Etwas Gutes schwerlich, denn wir sind schon daran gewöhnt, zu den Stiefkindern des Schicksals zu gehören." Der alte Herzfeld war im Laden, welcher an die sogenannte gute Stube grenzte, beschäftigt; er betrat das Zimmer erst, nachdem ihm Doris von dem seltenen Besuche Kunde gegeben und seine Stelle hinter dem Ladentisch eingenommen hatte. Nachdem die beiden Herren sich flüchtig die Hände gedrückt, ließen sie sich nieder. Rosa entfernte sich auf einen leisen Wink der Mutter, und nach einer kurzen Pause begann Dr. Leonhard, indem er seine weiße, wohlgepflegte Hand vertraulich auf den Arm das bedeutend älteren Mannes gelegt, die Unterhaltung. „Setzen Sie sich zu uns, liebe Frau Herzseld. Was ich Ihrem Manne mitzutheilen habe, betrifft Sie ebenso sehr wie Ihren Gatten. Sehen Sie mich nicht so erschreckt an, beste Frau; es ist nichts Schlimmes, — im Gegentheil hoffe ich, daß es Ihrem ganzen Hause zum Segen gereichen wird!" Der alte Herzfeld strich sich durch den graumelirten Vollbart; ein mißtrauischer Blick streifte die Gestalt seines Nachbars, der sich bequem in die Polster des mit schwarzem Roßhaarstoff bezogenen Sophas lehnte. Das scharf markirte Gesicht Leonhards hatte einen wohlwollenden Ausdruck; die von dunklen Brauen beschatteten Augen: blitzten heiter! unter der etwas niedrigen Stirn hervor; er bemühte sich, einen bei ruhigenden Eindruck auf das Ehepaar zu machen, welches dicht! nebeneinander, die Hände verschlungen, dasaß. j „Wenn sich der Herr Doktor selbst zu dem alten Herzfeld be-! mühen, muß die Mittheilung wichtig sein. Oft haben wir ja nicht 1 die Ehre, den Herrn Doktor bei uns zu sehen," klang es traurig über die Lippen des Mannes. „Meine Zeit ist geinessen, das wissen Sie," entgegnete Leonhard etwas kühler. „Allein, wenn ich einem Mitgliede der Gemeinde! rathen oder nutzen kann, bin ich stets bereit, und aus diesem Grunde sehen Sie mich hier. Also um es kurz zu machen, es handelt sich um Ihren Josef." — Frau Herzfeld sprang mit einem leisen Schrei auf; ihr Sohn, ihr Josef war ja der Abgott ihres Herzens; eine namenlose Sorge malte sich in ihren gutmüthigen Zügen und die Frage: „Um Gottes Willen, es ist unserem Josefleben doch kein Unglück begegnet?" drang leise über ihre bleich gewordenen Lippen. Auch der alte Herzfeld hatte erschreckt zu dem Rabbiner aufgesehen; er fühlte instinktiv, daß ihn: die Botschaft, welche Leonhard brachte, nicht angenehm sein würde. Als der Doktor jetzt beschwichtigend fortfuhr; „Hätten Sie mich allsreden lassen, liebe Frau, dann würden Sie sich die Frage erspart haben," da strich Herzfeld sich über die Stirn, als könne er dalnit einen fatalen Gedanken veri scheuchen, und sich erhebend, meinte er hastig: „Was ist mit dem j Josef? lassen Sie hören, ich hasse, daß mein Sohn nichts Böses! oder Dumnles wird begangen haben." (Fortsetzung folgt.) Kr1eam. Eine semitische Stimme. — Ans dem Nachlasse voll Leopold Stein. Es geht ein wüster Zug durch's Land Und antisemitisch ist er genannt; Und „Liga" — .ja, Antisemiten lüg e, Wie rings das leichtgläubige Volk man betrüge! Wer hätte je solcher Kunde geglaubt? Ich greife an mein staunendes Haupt; Du zischelnde Schlange, du zischender Haß, Tolltaumelnder Neid, so hohl und blaß, Was habe:: dir meine Brüder gethan, Daß wider sie du hetzest den Wahn? Wohin bist du, o schöner Traum, Geträumet unter dem Freiheitsbaum? — Ein Strom aus Westen einst kam geflossen, Hat über die Gauen in Ost sich ergossen, Und Früchte der Freiheit hat er gezeitigt Hub Menschen zu Menschen in Liebe vereidigt, Daß wurzle und wachse das göttliche Reich, Worin die Menschen im Rechte gleich. — O Reich, das wir so nahe erblickt, Bist nebelhaft wieder uns fern du gerückt?- Und du, mein Führer, o Mendelssohn, Der Weisheit geschöpft an Gottes Thron; Der, in svkratischer Milde verklärt, Reindeutschen Ausdruck die Deutschen gelehrt, Den Lessing als den treusten Genoß Ans Bruderherz so innig schloß, Der Völker und Völker zu einen gestrebt, Hast, Mendelssohn, umsonst bu gelebt? Wohlan, so hört mich, geliebte Brüder, Bewahret vom Hasse rein die Gemüther, Daß Jakob verharre auf den: Pfade, Ten uns geleitet die himmlische Gnade; Und zeiget das sittliche Element, Das gotterfüllt in Israel brennt, Daß sich an seinem Hochaltar Zu Liebe entzünde der Völker Schaar. — Ich will jetzt nach Pflicht und heiligem Recht Vertheidigen Dich, mein treues Geschlecht, Daß Deine Feinde mich vernehmen, Vielleicht des großen Unrechts sich schämen. * Ja, das ist wahr, beim ew'gen Leben, Ein Körnchen Verstand ward uns gegeben, Wie sonst entkamen wir Noth und Tod, Die tausendfach uns rings bedroht? So haben getrieben wir den Handel, Erprobend des Geschäftes Wandel; Da Ihr am Handwerk Euch gelabt, Das goldnen Boden noch gehabt, Wies man mit schnödem Spott und Hohn Von jeder Zunft den Judensohn Und rief: „hinweg, Du garst'ger Jude! Dein Platz ist dort in der Trödelbude"! — Und jetzt, da auf die Höhen der Welt Der blühende Handel ist gestellt, Jetzt sotten das Geschäft wir lassen Und Steine klopfen auf beu Gassen? Rein! das könnt Ihr im Ernst nicht meinen; Wohl schlägt der Hammer B r o d aus den Steinen, Doch lieb' ich nicht das trockene Futter; Hab' gern dazu ein Bischen Butter. Doch woll'n wir nicht unsre Fehler verhehlen, Was Mensch heißt, das wird jünd'gen und fehlen:! In mittelalterlich finstrer Zeit! Hat manch Gebrecheil uns sträflich entweiht. Doch wie sich der Reichthum bei uns gemehrt, Hat neidisch der Fürst darnach begehrt; Von Haus und Hof jagt' er uns fort, Zog ein beit gesammelten Silberhort, Sprach auch, mit Landesvaterhuld, Die Bürger frei von ihrer Schuld, Zog theilweis selber die Schulden ein; Kann man großmüthig fürstlicher sein?! So hat er die Juden selbst bestellt,! Zu preffen der Unterthanen Geld;! So hat er, mit heilig christlichem Lieben,! Den allerschnödestell Wucher getrieben.! Allein wie sehr das Geld wir geliebt,; Wir haben das Gute doch liebvoll geübt, j „Und wanket Dein Bruder, Dich seiner erbarm,! Faß ihn, den Sinkenden, unter dem Arm; j Neu lebe er auf; treu stehe ihm bei,! Ob er einheimisch, ob fremd er sei." — j Dort grämt sich ein Vater, ein armer Manll,! Der seine Tochter versorgen nicht kann;! Da nahet ein Bund, sie auszustatten, -Führt ehrbar sie zu dem würdiger: Gatten; j Denn unvermählt die Tochter zu (affen, l Das kamt ein jüdischer Vater nicht fassen; ’ Stets hat man gehegt in Israels Mitte i Die Ehe als eine Mauer der Sitte, j Und aus der reinen Jungfrau Gemnth | Ist stets die keusche Ehe erblüht,! Und war auf dem Haupte der Töchter nub Frauen I Die herrlichste Krone der Tugend zu schauen.! Und es blühte die Lieb, und es grünte der Frieden, Und wurde je eine Ehe geschieden, Da weinete Thränen Gottes Altar ' Ob solch nnjüdlsch entartetem Paar. —! Kein Kranker lag einsan: in seinem Leid, Ihm standen die frommen Brüder zur Seit; I Theilnahme war ihm ein Mosesstab,! Nahm einen Theil des Uebels ihn: ab.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.