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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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166 Werden, im Laufe der Zeiten in ihre Kreise zu ziehen wifsen. Aber auf die Millionen in Rußland blicken wir mit Wehmuth hin. Nur wenig, nur matt wird namentlich in unserm Vaterlande ihrer gedacht, von ihnen gesprochen. Der edlen Geister, die sich ihrer annehmen, die es versuchen, die Jugend dieser Unglücklichen zu bilden, die es als ein edles, hochherziges Werk betrachten, sich der Verstoßenen anzunehmen, zählt man nicht allzu viele. Und wer fühlt sich so tief erschüttert, daß er dlirch das aufgerüttelte Gemüth zu Thaten bestimmt würde, um jenen Heimathlosen ein Heim mit schaffen, mit erringen zu helfen, Umschau in allen Enden der Erde zu halten, wo sic sich niederlaffen, wo sie ein neues Leben beginnen könnten! Tie That eines Mannes, und wäre seine Spende noch so groß, reicht nicht hin. Das Aufflammen des Geistes einiger Hochsinnigen rettet nicht die Millionen unserer unglücklichen Brüder. Oder wären sie nicht unsere Genossen? Nennten wir sie nicht mit einigem Gefühl Brüder? Stünden wir hinter dem Geschlecht des 9. Jahrhunderts zurück, welchem die Kunde von weit entfernten Söhnen Israels das Herz erhob und die Seele erglühen ließ? Trägt nicht die Fahne aller unserer Glaubensgenossen, wie im 9. Jahrhundert, auch heute noch au ihrer Spitze das: „Schema Israel"? d FEUILLETON Gott ist die Liede. Novelle von O. Bach. I. Samuel Herzfcld galt als einer der frömmsten Juden in der Gemeinde des westpreußischen Stüdchens M., und wenn es sich um religiöse oder rituelle Fragen handelte, dann galt den Meisten der Ausspruch Herzfelds mehr, als die wiffenschaftliche Allseinandersetzung des Rabbiners Dr. Leonhard, welcher mit dem alten Herzfeld auf etwas gespanntem Fuß stand, während er sowohl der alten Frau Herzfeld, wie dem Sohne und den beiden Töchtern ein freundliches Wohlwollen entgegenbrachte. Leonhard huldigte in etwas der modernen Richtung; seine ernsttheologischen Studien hatten ihn in jeder Beziehung gereift, während der alte Herzfeld in strenger Orthodoxie ergraut, auch seine Kinder vor jedem freinden Einfluß behüten wollte. Ihm galt die Religion der Väter, die heiligen Traditionen mehr als alles Andere, und eine mangelhafte Bildung trug dazu bei, ihn unzugänglich für Neuerungen zu mache». Der einzige Sohn des alten Herzfeld mußte auf den Befehl des Vaters das Gynmasiuni verlassen und ganz gegen Wunsch und Neigung als Volontair in ein kaufmännisches Geschäft einzutreten. Dr. Leonhard hatte den talentvolle» jungen Mann sehr lieb; ihm, dem hochgebildeten, denkenden Manne, hatte Josef Herzfeld seine Hoffnungen, aber auch den resignirten Entschluß, dem Vater Gehorsam leisten zu wollen, anvertrant. Frau Herzfeld war das Prototyp einer braven Gattin und sorgsamen Mutter. Sie lebte nur für ihre Familie. — Dem Mann gehorsam zu sein, sich in seinen Dienst zu stellen, galt ihr als heilige Pflicht; ihre Kinder waren ihre Freude, besonders Joseph und ihre jüngere Tochter betrachtete sie mit Stolz; ihr wäre es gerade recht gewesen, wenn Josef ein studirter Mann geworden wäre; aber daß er den Muth nicht fand, diesen Wunsch dem Vater gegenüber geltend zu machen, fand sie nur zu begreiflich. Sie selbst wagte es auch niemals, an der Autorität ihres Gatten zu rütteln. Ihre Augen hingen oft wehmuthsvoll an der hochaufgewachsenen Gestalt ihres Sohnes. Sie verstand es, in den hübschen etwas scharf geschnittenen Gesichtszügen ihres Josefs wie in einem offenen Buche zu lesen. Sie wußte, wie viel es ihm gekostet, der Hoffnung Valet sagen zu müssen — der Hoffnung, das Feld bebauen zu dürfen, welches ihm bessere Früchte versprach, als ein ihm verhaßter, aufgedrängter Wirkungskreis. In Rosa fand Josef eine gleichgestimmte Seele, während Doris, die älteste Tochter, eingeengt in die häuslichen, oft drückenden, Verhältniffe, nach nichts Anderem verlangte, als nach Frieden und Ruhe, nach einem sorgloseren Leben, als es bisher ihr und den Ihren beschieden gewesen war. Doris war dem Vater in seinem Geschäfte, der von Allen zärtlich geliebten Mutter im Haushalte behilflich. Wenn dann der Abend kam, freute sie sich nach des Tages Last und Mühe der wohlverdienten Ruhe, ohne wie die jüngeren Geschwister noch Verlangen nach geistiger Anregung zu fühlen. Die Familie Herzfeld nahm in dein Städtchen, trotz ihrer bescheidenen finanziellen Lage, eine hochgeachtete Stellung ein. Die strenge Rechtlichkeit des Mannes, der unermüdliche Fleiß der Mutter, die Sittsamkeit der beiden Töchter, — die hübsche Erscheinung des Sohnes, der mit seiner Bildung ein bescheidenes Wesen vereinte, öffnete ihnen die angesehensten Häuser, ja selbst Christen, welche sich in M. gefliffentlich von den andern jüdischen Familien adsonderten, suchten Josef und Rosa Herzfeld in ihre gesellschaftlichen Kreise zu ziehen. Josef vermied es, die in der Schule angeknüpften Bekanntschaften fortzusetzen. Er war zu fest mit den in seiner Familie herrschenden Anschauungen verwachsen, um sich davon befreien zu können; er hielt sein Judenthum hoch und heilig, und wie sein Vater Alles haßte, was sich seinen Vorurtheilen entgegenstellte, so konnte auch Josef seine Abneigung gegen die nichtjüdischen Bewohner des Städtchens, in welchen die jüdische Bevölkerung überwiegend war, nicht besiegen. Anders dachte und fühlte Rosa, obwohl sie sonst in den meisten Dingen mit dem älteren, geistig hochstehenden Bruder sympathisirte. Sie fühlte sich zu den blonden und blauäugigen Söhnen und Töchtern der Stadt hingezogen, und um Rosa den Verkehr mit ihren Bekannten ganz zu verbieten, hatte Herzfeld einestheils keinen bestimmten Grund, anderntheils war er auch zu viel Kaufmann dazu. Er war von der Charakterfestigkeit seiner Kinder ebenso fest überzeugt, wie von ihren streng religiösen Gefühlen; der Einfluß, dem Rosa von Zeit zu Zeit unterworfen war, mußte ebenso spurlos an ihr vorübergehen, wie er an Josef vorübergegangen war, welcher jetzt, seit einem halben Jahre dem elterlichen Hause fern lebte. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf aber plötzlich die Nachricht ein, daß Josef seine kaum angetretene Stellung aufgegeben, um von Neuem das Gymnasium in Bromberg zu besuchen, wo er sich für das Abiturium vorbereiten wollte. Dem Rabbiner Dr. Leonhard war die Aufgabe zugefallen, den alten Herzfeld auf die Veränderung in dem Leben des Jünglings vorzubereiten und mit dem Entschlüsse Josefs auszusöhnen. Sobald sich der Rabbiner in eigener Person in das Haus eines seiner Gemeindemitglieder begab, mußte es sich um etwas Wichtiges handeln, lind da im menschlichen Leben die freudigen Botschaften gewöhnlich zu den Seltenheiten gehören, so klang der Gruß, mit dem er bei Herzfelds willkommen geheißen wurde, mehr erschreckt, als er-

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