Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227892--47838-3270324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

165 von ihnen stellt sich tausend Feinde». Im Lande der Chaldäer lebt Simon und die zweite Hälfte'Manasse's. Ihr Gebiet zu durchwandern bedarf es der Zeit von sechs Monaten. Sie sind sehr zahlreich. Fünfundzwanzig Herrschgebiete zahlen ihnen Tribut, darunter auch einige muhammedanische. Von Euch, Ihr Brüder, welche die Röiner, als sie den Tempel zerstörten, in fernere Länder trieben, von Euch in Europa glauben wir in unserm Lande nach alten Nachrichten, daß ihr dem Stamme Juda und Benjamin angehört. Wir Söhne Dans sind nach diesen Nachrichten zur Zeit Jerobeams ansgewandert, als wir uns dem Könige des Nordens nicht anschließen wollten, da er zum Bruderkampfe gegen Rehabeam, den Sohn König Salomos von Juda, aufforderte. Wir zogen über Aegypten nach Antiochien, wo wir uns niederließen und eigene Gebiete gewannen. Völkerschaften jener Länder waren uns tributpflichtig. — Als Sanherib, der assyrische König, die Stämme des israelitischen Nordreiches besiegte und wiederholt in die Ferne drängte, da zogen diese weit umher, um eine Heimath zu suchen und zu gewinnen. Sie wohnen in Sennar und im Somalilande,') treiben Ackerbau, leben in Zelten, nennen große Heerde» ihr Eigenthum und sind auch reich an Silber, Gold und Edelgestein. Sie werden von einem Könige beherrscht. Ihre Kriegssahne ist von weißer Farbe; auf ihr prangen in schwarzen Buchstaben die Worte: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist der Einigeinzige." Die Armeeabtheilungen haben kleine weiße Fahnen. Unter den Tapferen ragten die Tapfersten, Nachkömmlinge des heldenhaften Simson, hervor. Ihr Handwerk ist der Krieg. Sie fliehen niemals. Das „Schema" ist ihr Kampfesruf; ihr Schlachtgesang lautet: Nimmer verlasset die Reihen, Stehet zusammen in heiliger Gluth, - Eile, auch dich dem Tode zu weihen, Sohn ruhmreicher Väter voll Muth! Heb' zum Himmel das Auge voll Macht, Preise den Herrn am Tage der Schlacht, Sieh, es blinket das Schwert, Dein Geist fühlt sich bewehrt, Schlachtroß stampft, will dich tragen Zu dem tapfern Wagen, Scheint dir zu künden: Aeihiopierfrau'n wirst finden. Eigentümlich und noch märchenhafter klingt der Bericht, welchen Eldad von den Abkömmlingen Moses giebt. Sie wohnen in einem Lande, welches reiche Gewässer umziehen. In herrlichen Häusern und Palästen wohnen sie, und an den Freudentagen schwingen sie sich auf Thürme empor, welche von Elephanten getragen werden. Unreine und wilde Thiere, Fliegen und Schlangen kennt das glückliche Land nicht. Zweimal im Jahr gewinnen sie reiche Ernte. Hundertfach lohnt sich die Aussaat, von den Bäumen winken die herrlichsten Oliven. Granaten und Feigen, und zur Labung reifen tausend herrliche Melonen auf dem Grunde der duftenden Gärten. Sie bauen auch Flachs, kleiden sich in wunderbar prachtvolle Hüllen und Wollgewänder. Sie sind sehr fromm. Ihre Ausführungen zu den Gesetzen sind in hebräischer Sprache abgefaßt. Ihre Weisungen gründen sich auf Ueberlieferungen Josuas, des Eroberers. Sie werden über hundert Jahre alt, sind untereinander Alle gleich, arbeiten emsig, halten weder Sklaven noch Sklavinnen. Sie kommen mit Menschen andern Stammes gar nicht zusammen, da ein mächtiger Strom ihre Gebiete trennt. Die Nachrichten, welche sie den vier früher genannten jüdischen Stämmen zukommen kaffen, rufen sie ihnen entweder über die Breite des Flusses zu, oder sie senden ihnen die Mittheilung durch abgerichtete Brieftauben. Dieser Strom, Sambation, welcher diese drei Millionen Menschen umschließt, ist zweihundert Ellen breit, führt große und kleine Steine und ist daher in seinem Flusse sehr geräuschvoll. Nur am Sabbathtag fließt er ruhiger und rollt kein Gestein. — Die Schilderungen Eldads gaben den Forschern unseres Jahrhunderts wohlbegründete Veranlassung, ihn einen Märchenerzähler oder einen Betrüger zu nennen. Auf seine Zeitgenossen machten sie, wie Herr Epstein nachweist, gewaltigen Eindruck.') In dem Bewußtsein, daß es in fernen Ländern Söhne ihres Stammes gebe, horchten die Juden der nördlichen Länder auf die Berichte des fremden Mannes, liehen seinen Erzählungen gern ein geneigtes Ohr, freuten sich darüber, daß man Juden nenne, welche ein selbstständiges, heldenhaftes Leben fuhren. Auch die Berichte von dem idealen, überglücklichen, frommen Eden, in welchem die Söhne Moses weilten, weckte die geheimen Töne des Herzens der zerstreuten Israeliten, deren ganzes Leben eine Hingabe an das Ideale bildete. Herr Epstein sieht in Eldad nicht glattweg einen Betrüger. Er faßt ihn milder auf. Nach ihm steht Eldad mit allen Reisenden der alten Zeit, welche orientalische Länder sahen und beschrieben, auf gleicher Linie. Manches von dem, was er aus dem Leben der vier Stämme und ihren Gebräuchen -berichtet, scheint auf Wirklichkeit zu beruhen. Allerdings ist Uebertreibung in der Zeichnung, und manche Erfindung ward mit eingeflochtcn. Der historische Roma», wie er früh bei den Arabern zur Blüthe kam, tritt auch in dieser litterarischen Erscheinung auf.') Für die Auffassung Herrn Epsteins spricht die gründliche Abhandlung über die Falascha, welche er seinein Buche angeschlossen hat.") Das Leben der Falascha weist manche Eigenthümlichkeit auf, welche jenen, die Eldad von seinem Stamme erzählt, sehr nähe kommen. Auch in den religiösen Gebräuchen der Falascha finden sich Spuren rabbinischer Ueberlieferung ebenso oft wie Zeichen einer eigene», selbstständigen, unabhängigen, der karäischen Interpretation ähnlichen Ausbildung des Gesetzes. Mitunter wurde dieser Stamm für identisch mit Eldads Daniten gehalten?) — Wer kennt das Geschick, welches über die Söhne des Südens seit dein 9. Jahrhundert wechselnd dahinzog? In jenen Tagen schöpften die vieliimstürmten jüdischen Männer Aegyptens und Babylons aus den sagenhaften Erzählungen, welche Eldad vortrug, Labsal, Trost und Freude. In die Düsterniß ihres Daseins, in den knappen Raum, auf den: sich die Bewegungsfreiheit der Eingeengten geltend machen konnte, leuchtete ein Strahl der Gnade. Wie auf die Wonnen des Paradieses horchten sie auf die farbenreiche Darstellung des fremden Erzählers, der in hebräischer Sprache zu berichten verstand. — Das Bild hat sich gewandelt. Wir, die wir in den Ländern der gebildeten Welt an den Wohlthaten der bürgerlichen Rechte theilnehmen, wir, die nunmehr nur einzelne Feinde zählen, uns aber dessen bewußt sind, daß aufgeklärte Fürsten und hochsinnige Völker unsere Tugend, unsere Treue und Vaterlandsliebe anerkennen, wir haben denen, die noch im Düstern wohnen, nicht märchenhafte Kunde, sondern thatkräftige Unterstützung an Bildung, Rath und an Opfern zu bieten, uni ihren Geist zu kräftigen, um es ihnen möglich zu machen, aus Noth und Drangsal sich einem besseren Geschick entgegenzuringen. Jenen Juden des 9. Jahrhunderts pochte das Herz, da sie vernähmen, es leben in einem Winkel der Erde Nachkominen Israels, die froh und freudig den Tag begrüßen. So mögen wir denn auch unfern unglücklichen Stammesgenossen Hoffnung entgegenbringen. Nicht nach den fernen Gestaden des rothen Meeres, nicht nach den Höhen Abessiniens haben wir unser Auge gewendet. Die Kultur, welche ihre ersten Spatenstiche in Afrika vollzogen hat, tvird die Falascha, wird die Söhne Dans, wenn sie etwa aufgefunden ') Seite 33, 37. ') Seite XXI. ») Seite XXXV. »j Seite 141 ff. *) Seite 183 ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.