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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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Verkehr und in öffentlichen Vorträgen erzählte er den unter mancherlei Druck und Kummer lebenden orientalischen Juden von den freien, kriegerischen Stämmen im fernen Süden. Ans dem gebildeten Kairwan erging seinetwegen eine Anfrage an das Schulhaupt Zemach in Sura. Dieser erwiedert, er habe schon früher niündliche Nachrichten von Männern erhalten, die mit Eldad verkehrten. Das Schulhaupt findet die Abweichungen, welche die von Eldad mitgetheilten religiösen Uebungen von den rabbinischen Satzungen aufweisen, nicht so sonderbar und verwerflich. Er sagt, die Erklärungen der Rabbinen und der rabbinischen Schulen divergiren auch nicht selten. Auch mag Eldad manches vergeffen haben. Die erste knappe Zusammenfassung der Lehrsätze, die kodifizirte Mischna, haben wohl Alle gemein. *) Die später» Lehrer des Mittelalters beriefen sich auf Eldad, behandelten seine Lehrsätze mit dem ganzen Ernst der Gesetzesforschung und nur wenige — wie Abraham ibn Esra — stellten Eldads Erzählungen in die Reihe der unglaubwürdigen Schriften. Herr Epstein spricht seine Meinung aus, indem er einen klaren, historischen Standpunkt einnimmt. Es wäre unrichtig geurtheilt, meint er, wollte man die in Bezug auf die Speisegesetze vorgebrachten Lehren Eldads nach dem Maßstabe des Talmud und der rabbinischen Ausführungen beurtheilen. Unter den Juden, welche so weit ab von den Centren der jüdischen Schulen in Palästina und Babylon lebten, konnte und mußte sich die Uebung und Praxis der Religionsgesetze ganz anders entwickeln. Die angenommenen und überkommenen Lehren gelangten in diesen Theil der Diaspora nur auf Umwegen und nicht in voller Sicherheit und Klarheit. Die Ausbildung derselben vollzog sich daher oft unter ganz veränderten Motiven. Alte, aus Urzeiten stammende Bräuche blühten da neben den Sätzen der mündlichen, in den großen Heimathsländern fortgebildeten Lehre. Herr Epstein führt den Gedanken Zemach Gaons wiffenschaftlich aus. Einen guten Beweis für diese Auffassung bilden die Falascha mit ihren Bräuchen und Uebungen?) Dem Briefe, in welchem die Bewohner Kairwans bei dem Schulhaupte wegen Eldad des Daniten anfragen, legten sie deffen Darstellung gesetzlicher Anordnungen betreffs der Schlachtung der Thiere, ihrer Untersuchung nach krankhaften Erscheinungen der einzelnen Glieder derselben und weniger Speisegesetze bei. Wir wissen nicht bestimmt, ob dem Briefe noch viele Aussprüche Eldads über andere religiöse Uebungen seiner ostafrikanischen Heimath beigegeben waren, welche die Abschreiber jenes Briefes später nicht ansetzten. Jedenfalls werden dies nur einzelne Ausführungen gewesen sein. Den Männern Kairwans, welche Eldads Ritual für Thierschlachtungen und Krankheitsuntersuchungen dem Schulhaupte vorlegten, scheint es darauf angekommen zu sein, diesem ein System der Bräuche jener verschollenen Stämme in Bezug auf einen Theil der religiösen Uebung vorzutragen, aus welchem der Geist der religiösen Entwickelung um so eher ersichtlich werden konnte, als gerade die Schulhäupter in Babylon zu jenen Zeiten sich darin gefielen, solche Lehrsätze über die verschiedenen Fragen der religiösen Uebung in kurzen Aussprüchen übersichtlich zusammenzustellen. Bon den sonstigen Aeußerungen des Daniten über religiöse Einrichtungen der in ferner Zone lebenden Israeliten weist, außer der Mittheilung eines karaitischen Schriftstellers^), daß sie in der Berechnung der Monate andern kalendarischen Bestimmungen folgen — noch die Notiz des Briefes der Kairwaner, daß jene Daniten die Estherrolle nicht lesen, da sie zur Zeit der in« Estherbriese verzeichneten Ereignisse schon im fernen Welttheile lebten, und daß sie die Klagelieder Jeremias nicht vernehmen, da die Jammertöne den, Muthe des kriegerischen Stammes sich nicht anpaffen, und eine Bemerkung Zemachs des suranischen Schulhauptes, darauf hin, daß auch weitere vorgelegte Mittheilungen über religiöse Angaben Eldads nicht ohne Bedeutung waren. Der Gaon schreibt: „Eldad giebt an, daß sie in seiner Heimath im Gebete zuerst die Lehrer in Babylon und nachher die gesammte Diaspora nennen. Dieser Gebrauch ist wohl begründet, denn die großen Gelehrten und Propheten wurden ja in den Zeiten des jüdischen Königs Jehojachim nach Babylon gebracht, und diese legten Hierselbst den Grund zur Gesetzeskunde...." Wir wissen nicht, ob diese, in dem Antwortschreiben ausgesprochene Meinung des Meisters dem Brauche zur Unterlage diente, auch in den Babylon fern liegenden Ländern Europas und Nordafrikas bei segenerflehenden Gebeten zuerst die Meister Babels zu nennen. In dem uns vorliegenden Gebetbuch — einem Formular Amrames, eines Vorgängers Zemachs, welches dieser nach Spanien sandte, findet sich das Gebet noch nicht.') Und sollte es sich in Handschriften dieses Gebetbuches finden, so mag es, wie manches andere Gebet, später hinzugeschrieben worden sein. Man wird hierbei diese Antwort Zemachs im Auge zu behalten haben. Was in Eldads Erzählungen sonst von den Sitten der Stämme, die in seiner Heimath wohnen, von der strengen Rechtlichkeit mitgetheilt wird, die unter ihnen waltet, so daß Niemand selbst einen auf offener Straße gefundenen Gegenstand zu sich nimmt, von dem frommen Sinne der Nachkommen Moses, welche sich sorgsam vor jeder unnöthigen Nennung des Gottesnamens zurückhalten, von ihrer Scheu vor dem Eide, von der Strenge, mit welcher sie die Reinheitsvorschriften beachten, stimmt mit Lehren zusammen, welche den rabbinischen Ausführungen und Schriften geläufig sind. Die Erzählungen selbst, welche Eldad von seiner Reise und seinen Abenteuern giebt, klingen höchst sonderbar. Im Jahre 883 ergeht sein Sendschreiben an die spanischen Juden. Er berichtet: Ich kam von jenseits der Ströme Aethiopiens. Ich und ein Jude aus dem Stamme Ascher gingen zu Schiffe, um Geschäfte zu machen. Ein heftiger Sturm erhob sich. In dem Schiffbruch retteten wir uns und hielten uns an einein schwimmenden Brette fest. Wir wurden zu einem menschenfreffcnden Negervolke getragen. Mein Genoffe wurde verspeist. Mir wurden reiche Mahlzeiten geboten, damit ich, mageren Körpers, erst fett werde. Inzwischen kam ein feindlicher Stamm, bekriegte dieses wilde Volk, führte viele Gefangene mit sich, unter denen auch ich mich befand. Bei diesem Stamme, er betete das Feuer an, blieb ich vier Jahre. Man brachte mich als Sklave nach Agania an der Küste des indischen Meeres. Dort kaufte mich ein Jude aus dem Stainme Jsachar. Er brachte mich in seine Heimath an der Küste in der Nähe Persiens. Dieser Stamm lebt in Frieden. Sie lesen viel in den biblischen Schriften. Sie treiben viel Viehzucht, doch haben sie keine Pferde. Ihre Rechtlichkeit ist bewunderungswürdig. Sie haben Truppen und Heeresoberste, allein sie führen keine Kriege. Niemand greift sie an, obwohl böse Feueranbeter in ihrer Nachbarschaft wohnen. Sie sprechen hebräisch und persisch und verhängen gegen Verbrecher Todesurtheile, die in biblischer Form ausgeführt werden. An dies Gebiet grenzt der Wohnsitz des Stammes Sebulun. Ihre Heimath ist das Gebirge Parouta'J bis zum Euphrat. Ihre Hauptbeschäftigung ist der Handel. Mit diesen in enger Freundschaft, zum Kampfe und bei Streifzügen geeint, lebt der Stamm Rüben in der Ebene hinter jenen: Gebirge. Die Beute theilen sie redlich. Der Stamm Ephraim und die Männer aus dem halben Manaffestamm leben in den Gebirgen in der Landschaft Mekka. Sie sind tapfer, muthig, ziehen ans ihren Rossen nach Beute aus und leben von dieser. Ihr Heldenmuth ist strahlend, einer von '-Seite 7. -) Seite XXVI. ») S. 65. ') Jekum purkan. -) Daselbst.

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