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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
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163 Darum kann man denn auch nur noch in ihr allein Entdeckungen machen; sie ist gleichsam Afrika in Eunpa. Als der verstorbene Kustos am britischen Museum, Emanuel Deutsch, seinem Vortrag über den Talmud, den er in Royal Institution gehalten, die Abhandlung in Quarterly Review Oktober 1867 voranschickte, erregte diese formvollendete, aber keineswegs bahnbrechende Schrift ein so unerwartetes Aufsehen, als wäre das Weltrüthsel darin gelöst oder eine segensreiche Erfindung dadurch bekannt worden. Der Talmud ist eben der große Unbekannte der Weltlitteratur, und ob auch schon das klebrige der jüdischen Litteratur kaum bekannter ist, so hat doch gerade für dieses Werk ein Interesse sich herausgebildet, welches der böse Leumund nicht beabsichtigt hat. Die geläufigsten Thatsachen der jüdischen Geschichte, daß es z. B. im Mittelalter jüdische Minister gegeben, daß das Judenthum bei einem Volke zur Staatsreligion erhoben wurd', indem das Fürstenhaus sich zu ihm bekehrte, enthalten für die Mehrzahl der Lesenden eine Ueberraschung. Um aber die geringe Bekanntschaft der Oeffentlichkeit und der allgemeinen Wissenschaft mit den Thatsachen der jüdischen Forschung voll und und unmittelbar hervorstechen zu lassen, ist in neuerer Zeit (1878) ein litterarischcs Ereigniß in der Gestalt zweier Schriften eingctreten, in denen ein ehrlicher Mann und ein bekannter Gelehrter es zu schildern unternimmt, was er beim Eintritt in die ihm unbekannte Welt des jüdischen Geschichts- und Geisteslebens geschaut und empfunden hat. Ich spreche von Matthias Jakob Schleiden und seinen letzten Aufsätzen. (Schluß folgt.) U Gin jüdischer Ksrika-Ueisender inr nennten Jahrhundert. Von Dr. Joel Müller. Wenn uns tiefer Kummer beschleichen will, nicht über die Angriffe der Judenhetzer unserer Zeit, welche an dem gesunden Menschenverstände und an der Tugend unserer Mitbürger scheitern müssen, sondern über die anderweitigen Zustände und Verhältnisse Israels, so vermag uns ein Blick in die Geschichte der Juden zu beruhigen und trostreichen Ausblick in die Zukunft zu gewähren. Zwei große Gefahren erschüttern tief das Leben und den Glauben der Juden unserer Zeit. Auf der einen Seite die seit Jahrhunderten unerhörte Bedrückung in Rußland, welche vielen Hunderttausenden unserer Glaubensbrüder den Wanderstab aufnöthigt. Werden sie die Brüder nicht verlaßen, durch deren Gebiet sie ihr weiter Zug führt? Werden sie in dem entlegenen Lande gedeihen? Werden sie sich in die neuen Verhältnisse finden? Wird dem Geschlechte dieser neuen Diaspora eine freudige Zukunft blühen? Wenden nur unser Auge dem religiösen Leben der Israeliten in den aufgeklärten, gebildeten Ländern des Westens zu. Da sind die Männer Israels als Bürger des Staates anerkannt und erweisen sich eifrig in dem Bestreben, mit ihren Kräften der Gemeinsamkeit zu nützen und sich als der Werthschätzung ihrer Mitbürger würdig zu erproben. Allein sie sind in ihrem Glaubensleben tief zerklüftet. Die Gemeinden selbst haben sich an vielen Orten gespalten. Sinkt die Hütte Davids? Also möchten wir fragen. Ist es nicht mehr ein Glaube? Kann der Aufblick zu dem Gott des Geistes, den Israel verkündet hat, daß er siegend die Menschenherzen bezwang, nicht die Gesonderten zusammenhalten? Vermag der Strahl des Sittengesetzes, welches Israel besitzt und welches die Glaubens- und Staatensysteme der gebildeten Welt angenommen haben, nicht mehr die Herzen aller Söhne Israels in heiliger Harmonie zu vereinigen? Fragen wir also, hinaussehend dort in den Jammer der Verstoßenen, hier in die gährende Zwietracht, welche Gegenwart und Zukunft bedroht, so läßt die Kunde früherer Jahrhunderte Trost und Ruhe in unsere Seele fließen. Die frühen Wanderungen und Züge unseres Stammes von Volk zu Volk, von Welttheil zu Welttheil haben die Natur dieses Geschlechts gekrüftigt, habe» es in seiner leiblichen Dulderkraft, in seiner geistigen Schwungfähigkeit mächtig und fest werden lassen. Sie könne», wenn sie ein Leben voll Maß und Reinheit bewahren, überall Wurzel fassen, sie vermögen es, wenn Unglück oder tyrannischer Muth ihnen den Boden der geliebten Heimath versagt, auf neuem Boden zu gedeihen. Und, wie immer die Männer Israels, die in den Hauptsätzen des Glaubens ihreni Stamme treu blieben, die religiösen Formen gestaltete», hielten und beachteten, sie wurden stets von ihren Brüdern als gleichwerthige Bekenner und Söhne der Religion angesehen und geachtet. Wo sich im heftigen Kampfe Parteien gegeneinander stellten, wo sich inmitten der Gemeinde die Lossagung unter dem Lärm des Streites, unter dem Schwirren der geistigen Waffen vollzog, da trat die Muttergemeindc verweisend und strafend auf. Wo leitenden Grundsätzen, auf welchen die Uebung der praktischen Glaubensbethätigung reihte, Widerspruch erwuchs, wo der Sitte allzu kühn und den Einmuth störend entgegengetreten wurde, da that sich — wie zwischen Rabbaniten und Karäern — eine Kluft auf. Dort aber, wo eine Ablenkung von dem Spruche der Lehrer und der Uebung der Rabbinen sich als eine geschichtliche Entwickelung erwies, wo mit einer alten Uebung ein anderer Brauch in Folge des Fernestehens, im Zuge der durch Zeitenläufe veränderten Lebensbedingung wechselte, da zeigte sich nicht nur bei dem Volke, sondern auch bei den tonangebenden Lehrern die mildeste Auffassung, da bewährte sich die Duldung als die Zier der jüdischen Meister. Ein sicherer Beweis hierfür ist die Beurtheilung der afrikanischen Juden von Seite der Rabbaniten im 9. Jahrhundert. Es hat sich der gelehrte Forscher Abraham Epstein in Wien um die jüdische Wissenschaft ein neues Verdienst erworben, indem er die Erzählungen von Eldad') dem Daniten gesammelt, sie nach Handschriften und seltenen Drucken herausgegeben, kritisch sorgsam beleuchtet und ihnen noch eine ausführliche Abhandlung über die Falascha angereiht hat. Eldad, welcher zur Zeit der späten Karolinger in Babylon, in Kairwan und in Nordafrika auftauchte, und wahrscheinlich auch Spanien besuchte, gab an, er käme aus Ostasrita, woselbst in der Nähe des Golfes von Aden seine Brüder, Männer aus dem Stamme Dan, ihren Wohnsitz hätten. Die Mittheilungen Eldads über seine Erlebnisse sowohl als auch diejenigen, welche er von den religiösen Bräuchen in dem fernen Lande giebt, fanden verschiedene Beurtheilung. Viele Forscher unseres Jahrhunderts hielten Eldads Angaben für Märchen, mit welchen er den Geist seiner Zeitgenossen zu beschwatzen verstand. Seine Angaben über gesetzliche Bestimmungen sollen, nach einer Meinung, in karäischer Weise den rabbinischen Auffassungen entgegentretcn, nach einer andern Ansicht gegen die karäische Sekte kämpfen und durch die angegebenen Hebungen der fremden Lande den Beweis liefern, wie nahe selbst diese, in einer andern Zone lebenden Israeliten dem rabbinischen Gesetz blieben. Nur Wenige sehen in den Berichten Eldads wohlbegründete Aufzeichnungen, welche der Geschichte der Juden in Abessinien entsprechen. Besser erging es Eldad in der Zeit seines Auftretens. Seine Zeitgenossen waren von der Wahrheit seiner Schilderungen überzeugt und nahmen seine Berichte gläubig auf. Er wußte überall die Herzen zu gewinnen. In privatem ') Eldad ha-Dani, von Abr. Epstein, Wie». CH. D. Lippe. S. 192. UI.

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