Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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162 für gesorgt hat, daß sein Rath bei keinem Schritte auf diesem Felde entbehrt werden kann, ebensowenig wie sie Moritz Steinschneider dazu erwählt haben, obzwar er das ganze Grenzgebiet, aus dem die jüdische und die Weltlitteratur sich berühren, der trefflichsten Erforschung unterzogen hat. Es könnte geschehen, daß ein Gelehrter für die Zigeuner und das Zigeunerische von irgend einer Regierung dekorirt würde, man hat aber nie davon gelesen, daß der geistvolle Geschichtsschreiber der Juden, H. Grätz, oder sonst ein in der jüdischen Wiffenschaft ergrauter Kämpe dafür ausgezeichnet worden wäre. Die Erfindung der Honorar- oder richtiger Nichthonorar- Professuren ist ein Schritt der Verzweiflung von Seiten des Staates gegen das Andringen der immer lauter werdenden Forderungen. Diese scheinbaren Aeußerlichkeiten haben jedoch eine Reihe sehr unangenehmer Folgen. Zunächst ist es ein öffentlicher Skandal, daß keine Universitäten oder Akademieeu, die man sonst als die oberste maßgebende Behörde in allen Fragen zwischen Himmel und Erde betrachtet, in der Lage ist, über eine Juden betreffende Angelegenheit ein zuverlässiges fachmännisches Urtheil abzugeben. Nur so ist es gekommen, daß ein Mann, dessen Namen man nicht nennen kann, ohne an seine Rohheit erinnert zu werden, die Stirn heben konnte, seine über den Talmud verbreiteten, aufwieglerischen und gemeinschädlichen Lügen, die von vielen jüdischen Gelehrten längst zerschlagen wurden, als unwiderleglich hinzustellen und sogar mit mehr als gewöhnlicher Unverfrorenheit einen Preis auf deren Widerlegung auszuschreiben. Wohl hat ein edler christlicher Gelehrter, wie Franz Delitzsch, dagegen seine Stimme erhoben, aber der Mahnruf des Einzelnen im Winde verhallte, und eine Körperschaft ist nicht vorhanden, die Lust und Fähigkeit hätte, den Fälschungen die Larve abzurcißen. Belustigend sind die Beispiele, in denen gelehrte Häupter, akademische Würdenträger, die possirlichsten Schnitzer begehen, wo sie in Büchern und Vorlesungen ans jüdische Dinge zu sprechen kominen, wo sie Männer mit Werken vertauschen, Büchertitel mißverstehen und Jahrhunderte dnrcheinanderwerfen. Den Talmud hält man nicht gerade mehr für einen bärtigen Rabbiner, wie es jener Mönch im Mittelalter gethan, aber er ist noch der alte unheimliche Geselle, von dem man nicht eben viel auszusagen weiß. Man ist auch schon über den Bossnet hinausgekommen, der in seinen 'Anfragen an Leibnitz Mischna und Talmud gar ergötzlich verwechselt und Namen nennt, die nie ein jüdisches Ohr gehört, aber den Ehvschen Mischpat, das Civilgesetzbuch der Juden, als einen Hebräer des sechzehnten Jahrhunderts nuszugeben, das hat noch ein Universitätslehrer unserer Tage fertig gebracht. Es ist noch heute wahr, was Zunz vor sechsundvierzig Jahren geschrieben, „das; selbst schätzbare Schriftsteller, sobald das Judenkapitel herankommt, eine ganz andere, man möchte sagen, gespenstische Natur annehmen; daß alle Eitate aus den Quellen den Subsidienwerken des 16. und 17. Jahrhunderts nachgeschrieben werden; daß man längst siegreich widerlegte Einfälle wie unsterblichen Kohl auftischt, und verlassen von aller ivissenschaftlichen Thätigkeit, von allem zeitgemäßeil gehörigen Apparat, das Orakel der Wichte befragt." Wie zur Bestätigung dieser Worte hat nach einem halben Jahrhundert derselbe Zunz einen sonst zuverlässigen und geachteten Schriftsteller, wie Karl Blind, barer Unwissenheit in jüdischen Dingen öffentlich geziehen. Wohl blicken wir heute wie auf eine überwundene Brutalität auf die Thatsache zurück, daß noch vor drei Jahrzehnten eine deutsche Regierung „an hundert Leichensteine in die Festungswerke von Erfurt eingesentt" hat, weil sie nur jüdische Grabschriften enthielten, wohl verwenden heute öffentliche Bibliotheken, allen voran England und Rußland, bedeutende Summen zum Ankauf jüdischer Manuskripte und'Druckwerke, aber was nutzt es, wenn trotz alledem die Arbeiten der jüdischen Wissenschaft unbeachtet bleiben und es nach wie vor keine Schande ist, in allen Fragen, die Juden und Judenthum angehen, die rührendste Unwissenheit an den Tag zu legen. 1832 schrieb Zunz die Worte: „Mit der bürgerlichen Hintansetzung der Juden steht die Vernachlässigung jüdischer Wiffenschaft im Zusammenhang", 1845 erschien sein: „Zur Geschichte und Litteratur", ein monumentales Werk, dessen Titel schon andeuten soll, daß sein Urheber der jüdischen Geschichte und Litteratur eine Stelle in der Gesammtheit der Wissenschaften erstreiten wolle, wie ec im ersten, jedem Gebildetei; zu empfehlenden Kapitel des Näheren erörtert, aber 1865 konnte er noch die alte Klage über Unwissenheit bei den christlichen, Jüdisches berührenden Gelehrten erheben, und 1891 hat die Veranlassung zur Klage nicht abgenommen. Diese Vernachlässigung der Juden seitens der allgemeinen Wissenschaft wirkt aber auch auf die allgemeine Bildung und die Lehrbücher, in denen diese vermittelt wird, wie jede Stauung eines Stromes auf die Mühlen wirkt, die er in seinem Laufe treibt. Wenn nicht zufällig durch Leben und Mitschüler dafür gesorgt wäre, daß die Existenz der Juden kein Geheimniß bleibe, so könnte die Jugend unserer Schulen ruhig in dem guten Glauben leben, daß es nur in; Alterthum, ich möchte sagen, in der biblischen Geschichte Juden gab, daß sie aber seitdem nicht von sich reden gemacht haben, ebenso wenig wie Griechen und Römer u. A. mehr. Man sage nicht, daß zu ihrer Erwähnung keine Gelegenheit sei. Man ist längst davon zurückgekommen, in Namen und Zahlen das Wesen der Geschichte zu setzen, man sucht heute die Jugend auch über den Gang und die Fortschritte der Kultur in den einzelnen Jahrhunderten aufzuklären; es ist viel von altem Aberglauben und von Vorurtheilen die Rede: wäre es da nicht am Orte, auch von den Leiden eines Stammes zu sprechen, der in seinen Martern und Qualen die beredteste Warnung vor Glaubenshaß und Unduldsamkeit an die jungen Gemüther richtet, wäre es so unangemessen, ein Wort über die Greuel der Kreuzzüge, über die Schandthaten der Inquisition zu verlieren? Man ist heute bestrebt, den Gedanken der Weltlitteratur frühzeitig in die Geister einzusührcn, die Besten aller Völker, Denker und Dichter, Erfinder und Entdecker, werden oer Jugend vorgeführt, damit ihr Blick sich dehne, der Vorstellungskreis sich erweitere und das Wesen der wahren Bildung ihr aufgehe, die sich des Schönen freut, das allerorten gezeitigt wird, und die in der Liebe zu jenem allgemeinen Menschenthum gipfelt, in dem die einzelnen Völker uud Stämme erscheinen wie vielfarbige Blumen auf einer weiten Flur. Kann man die Forderung unbillig finden, daß da, wo man die besten Namen nennt, auch der Juden und ihrer Geister nicht vergessen werde? Man verlangt sonst von unseren höheren Töchtern und Söhnen, daß ihnen der Name Horazens, Kalidasa's, Firdusi's nicht minder geläufig sei, als der Shakespeare's oder Voltaire's; von großen Juden zu lernen, scheint nicht zur Bildung zu gehöre». Es ist schon lange her, seit Heinrich Heine den boshaften Vers gedichtet von den Ochsinnen, die auf dem Berge stehen, wenn man sie nach Salomo ben Gabirol, nach Jehuda Halewi oder Moses Jbn Esra fragt; mau hat aber nicht gehört, daß sie seitdem heruntergekommen seien, ja sie sollen einem frommen Gerüchte nach Gesellschaft erhalten haben. Man kann sehr gebildet sein, nach heutiger Anschauung, und braucht sich gar nicht vorstellen zu können, daß die Juden im Mittelalter etwas anderes gethan haben, als Psalmodiren und Wuchertreiben. Kein Geringerer als John Stuart Mill berichtet in seinen nachgelassenen Schriften, daß der Ausspruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" in den Büchern Mosis sich finden solle, als stünde dieser jedem Schulkinde als pentateuchisch geläufige Satz iir einem vergrabenen Runenstein eingcmeißelt. Für gewisse Kreise ist Alles, was aus jüdischer Litteratur berichtet tüird, eine Unerhörtheit.