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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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181 Die Wissenschaft des Indenthums. Von Prof. Dr. David Kaufmann.') Die Geschichte des Judenhasses soll erst noch geschrieben werde». Sv viel kann jedoch auch heute schon behauptet werden, daß unter Len Hauptquellen desselben das feindselige Verhalten der Litteratur in erster Reihe zu nennen ist. Wenn alles Schriftthum dazu dienen soll, Licht zu verbreiten und Vornrtheile zu zerstreuen, so muß wohl der Mehrzahl der Schreibenden in älterer Zeit mit Rücksicht auf die Juden das Bewußtsein dieser Aufgabe abgesprochen werden, da wissentliche Verdummring und vorsätzliche Rührung des blutsaugendsten Wahnes vielfach als Merkmal frommer Gesinnung anzutreffen sind. Das geht freilich auf die Zeiten zurück, da die Litteratur in den Händen der Geistlichkeit das gefügige Werkzeug der Bekehrerei rnrd der Herrschsucht darstellte, aber cs ist auch später nicht viel besser geworden, als die selbstständige Wissenschaft sich zu ihrem Befreiungsgange über die Erde anschickte; die süße Gewohnheit wirkte nach, denn mehr noch in der Welt des Geistes als in der Welt der Körper herrscht das eiserne Gesetz der Trägheit. Es war ein frommes Werk, über Juden und Judcnthum die albernsten Lügen in Umlauf zu setzen, und wenn sonst ein ehrenhafter Mann sich besinnt, ehe er Schmähungen nachschreibt, ohne ihren Grund geprüft zu haben, so bestand den Ausgestoßenen gegenüber keine Regel des guten Tones, und mit rührender Gläubigkeit werden die Ammenmärlein von Hand zu Hand, von Mund zu Mund, von Geschlecht auf Geschlecht fortgepflanzt. Es ist leicht zu behaupten, wo cs kein Widerlegen giebt. Die Juden waren geknebelt; Folter und Ceusur sorgten für eine vollständige Mundsperre. Das frühere Spiel mit öffentlichen Disputationen hatte man nachgerade gefährlich gefunden; auch Daumenschrauben sind zwingende Argumente, und in den Kerkern des Halsgerichts war mehr Muße geboten, von den Heilswahrheiten sich zu überzeugen, als beim Getöse eines Wortgefechts, lieber die Lehre der Juden verbreitete man die abenteuerlichsten Gerüchte, von ihren Büchern sprach man wie von wilden Einöden, in denen Strolche und Wegelagerer neben anderem Gethicr Hausen und von denen nur eine übergelaufene Judenseele Bericht zu erstatten wisse, die sich in die große Seligkeits-Versicherungsanstalt glücklich hinübergerettct. Die Unduldsamkeit gedieh prächtig im Schatten der dichtesten Unwissenheit. Und um allenfalls der Unannehmlichkeit einer möglichen Widerlegung überhoben zu sein, besann man sich des Holzes in den Wäldern, und lustig praffcltc es auf tausend Stößen von der Juden Schriftthum, um nur um so greller die tiefe Finsterniß zu beleuchten, die ringsum brütete. Man hat weder die Juden ausgerottet, noch das jüdische Schriftthum zu vertilgen vermocht. Eine Zeit ist gekommen, welche die Blinden im Geiste nicht geahnt haben, ein Sturm ist hereingebrochen über den völkerverbindenden Ozean, hinweggefcgt wie Spreu waren die Spinngewebe der Vorurtheile, die Eulennestcr des Wahnes, mit Tiegel und Retorten verfolgte man die Gespenster in ihre Schlupfwinkel, man zwang den Teufel, aus der Welt zu fliehen, und die Opfer, die er mit Vorliebe geritten, konnten frei aufathmen; 1783, 1793, 1848, dröhnende Schläge a» der Sturmglocke einer untcrgehenden Welt — und die Emanzipation der Juden war eine Thatsache von erdumspannender Geltung. Man kann trotz aller Rückfälle im Einzelnen kühn behaupten, daß sie auf allen Gebieten in der 9 Dieser Aufsatz ist 1878 auf Veranlassung von LeopoldKompert geschrieben worden. Es ist betrübend, aber wahr, daß er auch heute nach fast dreizehn Jahren noch nicht einen Buchstaben von seiner Aktualität eingebüßt hat. ' Die Red. Durchführung begriffen sei; nur ein Gebiet hat sie noch nicht entschieden genug anerkennen wollen, von dem man es am allerwenigsten freilich erwarten sollte —die Wissenschaft, lind da zeigt es sich denn wieder einmal, daß in dem frischen Zugwind des Lebens der Modergeruch sich weniger zähe erhalten kann, als in den zugfreien Räumen der Buchweisheit. Die Juden auf dem Markte der Oeffentlichkeit haben es zur Freiheit rmd Anerkennung gebracht, die Wissenschaft des Judenthums harrt noch der Emanzipation in dem großen Haushalt der Wiffenschaften. Was das nun wohl für ein Ding sei, diese Wiffenschaft des Judenthums? Zuvörderst der Nachweis, daß die Juden nicht zu allen Zeiten von alten Hosen und vom Wucher gelebt haben, daß der Stamm der Propheten und der Psalmendichter auch nachmals nicht aufgehört hat, Blüihen von zauberischem Dufte hervorzutreiben, daß der Löwenmuth der Makkabäer nicht erstorben war in ibrem Volke, sondern oft aufgeflammt noch in der Nacht des Mittelalters, in den Vertheidigern von Neapel, in den Helden von Prag nicht minder als in der ungezählten Schaar der Blutzeugen, die nicht vor jedem hep-hep-schreieuden Angreifer das Banner ihres Glaubens senkten, sondern aufrecht und standhaft bei ihrer Ueberzeugung blieben in tausend Tode». Dann aber auch die Kunde von dem Geistesleben der Verfolgten, von dem Antheil, den sie an der Ausbreitung der Wissenschaften genommen, von den Thränen und Seufzern in ihren Liedern und Gebeten, wie von dem Scharfsinn und der Spannkraft in den Erzeugnissen ihrer Rechtslehrer, ihrer Aerzte und Naturforscher, ihrer Mathematiker und Philosophen. Diese jüdische Wissenschaft ist ein Kind unseres Jahrhunderts. Im ersten Morgengrauen der dämmernden Freiheit, als die Augen der lange Gefeffelten an das Licht deutscher Forschung sich zu gewöhnen begannen, erwachte ein ungeahntes Leben voll Regsamkeit und Schaffensdrang in der Judenheit vorzüglich Deutschlands und Oesterreichs, ein Heer rüstiger Knappen und Steiger bohrte sich ein in den Schacht der Vergangenheit, eine Reihe goldführender Gänge war bald entdeckt, und seitdem ist die Arbeit des Schurfens nicht zu Ruhe gekommen, obwohl bereits eine Fülle ausgemünzten Goldes aus jenen Tiefen hervorgeholt und in Umlauf gesetzt war. Kaum hat eine andere Wissenschaft in diesem Jahrhundert ein so schnelles WachSthum aufzuweisen, wie die jüdische; gleichsam über Nacht, wie es in jeglichem Frühling aus dem Boden zu treiben pflegt, erstand eine Litteratur, die heute bereits allein ein Menschenleben reichlich in Anspruch nehmen kann. Sie sind allgemach ins kühle Grab gesunken, die ersten Hammerschwinger, das erste Geschlecht jener wackeren Bergmanner lebt nicht mehr, aber das Werk ist gesichert, die Alten haben eine Nachfolge gefunden, ein munteres Heer thätiger Kräfte fetzt die begonnene Arbeit fort, immer neues Edelmetall kommt zu Tage, aber — der Markt will sich nicht erschließen, die Waare steht niedrig im Preis. Die große Oeffentlichkeit hat von dem wiffenschastlichen Leben im Judenthum wenig oder gar keine Kenntniß, die Wissenschaften verschließen sich dagegen, wie gegen einen eindringenden Proletarier, und der Staat zieht nur die Folgen aus diesem Verhalten des Büchermarkts und der Gelehrsamkeit, wenn er den Vertretern dieses Gebietes seine Anerkennung und Unterstützung versagt. Ich will dies zuvörderst auf sehr äußerliche Weise bekräftigen. An unseren Universitäten sind Lehrstühle für alle möglichen Disziplinen errichtet, die jüdische Wissenschaft wird man vergeblich unter den vertretenen Fächern finden. Ich habe nichts davon gehört, daß eine von den Akademieen und gelehrten Gesellschaften der alten und der neuen Welt Leopold Zunz zu ihrem Mitglied ernannt hätte, obwohl er als rechtmäßiger König die gesammte jüdische Litteratur beherrschte und für immer durch seine Riesenwerke daä

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