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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-03 · Heft 14 (3.4.1891) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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würde, — und es bedarf blos einer guten Üebersetzung, um derselben eine massenhafte Verbreitung daselbst zu sichern — es würde den Zeitpunkt beschleunigen, der de» Juden eine Heimath böte. Es wäre dies ein der freien Britannia würdiger Ruhm voll segensreicher Folgen für diejenigen, die cs verstünden, das Werk der Befreiung zuerst-in Angriff zu nehmen!" „Man ist in unserem Kreise eifrig bestrebt," schreibt Mirabeau am 16. August 1786 ans Berlin an Mauvillon, „den König für die gute Sache zu gewinnen und ihn zu einem Einschreiten zu Gunsten der Juden zu veranlaffen. Dohms ausgezeichnetes Wert wurde dem Herrscher in die Hand gespielt, und ich gehe eben daran — nach meinem besten Wissen und Gewissen — eine Denkschrift auszuarbeiten, um seiner Thatkraft, seiner Energie den nöthigen Sporn zu verleihen." Im weiteren Verlaufe erbittet er von Mauvillon Notizen über Mendelssohn, dessen Leben und Wirken, und beklagt sich, er könne nur wenig über den von ihm so hoch verehrten Mann in Erfahrung bringen, da es die Juden nach Thunlichkeit vermeiden, daß über sie gesprochen werde, sei es im Guten oder Bösen. In einem späteren Briefe heißt es, er wiffe wohl, daß ihm seine Schrift zu Gunsten der Juden, insbesondere die Vorrede, viele Feinde machen werde, allein dies lasse ihn gleichgiltig, er habe das wohlthuende Bewußtsein, einer edeln Sache zu dienen. Mauvillon, damals Major im braunschweigischen Jngenieurkorps, war nach Kräften bemüht, seinem bedeutenderen Landsmann und Freunde die gewünschten Materialien zu verschaffen, und binnen kurzer Zeit verließ Mirabeaus berühmte Flugschrift „lieber Moses Mendelssohn und die politische Reform der Inden" die Presse. Sie erregte ungeheures Aufsehen; von den Freunden des Fortschritts aufs Freudigste begrüßt, weckte sie einen Sturm von Entrüstung im feindlichen Lager, die Lavater, Michaelis e tutti quanti krümmten sich unter den wuchtigen Keulenschlägen des geistesgewaltigen Pioniers der religiösen Duldung, der politischen Gerechtigkeit. Vor Allem war es der „Groß-Lama von Zürich", mit dem er schon früher manch' heißen Strauß ansgefochten, dessen mystisches Christenthum er dem Sezirmeffer einer scharfen, mitleidslosen Kritik unterworfen, auf den in der Vorrede die Hiebe hageldicht herniedersausten. Dem unedeln, herausfordernden Benehmen Lavaters in Sache des bekannten Briefes an Mendelssohn, der diesen zum Abfall von dem Glauben der Väter verleiten sollte, stellte er den bescheidenen, sanften, wahrhaft philosophischen Ton der Antwort des Dessauer Weisen entgegen. Eine Gegenüberstellung, die wahrhaft vernichtend wirkte. „Ein Mann, von der Natur mitten unter ein geknechtetes, Jahrhrmderte lang verfolgtes Volk geschleudert, im tiefsten Elend geboren, von schwächlichen,, ja kränklichem Körper, von zagem, schüchternem Wesen, begabt mit einer fast zu übertriebenen Milde und Gelaffenheit, sein Lebelang an eine mechanische Thätigkeit gekettet, hat sich in die Reihe der bedeutendsten Schriftsteller des Jahrhunderts emporgeschwungen und hat, einer der Ersten, wenn nicht der Erste, einer Sprache, die nicht einmal seine Muttersprache war, Klarheit und Mannigfaltigkeit, Anmuth und Kraft gegeben. Bewundernswerther noch als die hervorragenden Gaben seines Geistes, ist er durch seine Tugenden, sein Lebenswandel ist so rein und fleckenlos, daß sich selbst der Geifer der Verleumdung nicht an ihn herangewagt!" — Mit so schlichten Worten, und doch so warm und wirkungsvoll, zeichnet Mirabeau das Charakterbild des jüdischen Philosophen, von dem er so unendlich weit durch Geburt und Lebensstellung, durch Temperament und Schicksal verschieden war, und mit dem er dennoch das Eine gemein hatte, daß sie Beide Pfadfinder des Lichtes, Vorkämpfer der Wahrheit gewesen. Uneingeschränkte Bewuiidemng zollt er Mendelssohns „Jerusalem", und er steht damit nicht vereinzelt da. Garde, Herder und Kant sind darin mit ihm eines Sinnes. Begeistert spricht er vom Verfasser des „Nathan", für Mendelssohns Studiengenossen Israel Moses (?) findet er freundliche Worte der Anerkennung; Dr. Hertz, den Uebersetzer von Manasse den Israels „Rettung", preist er als geschickten, überaus kritisch angelegten Geist. Die Berliner jüdische Kolonie ist ihm ein Beispiel, das zur Genüge beweist, was die Juden zu leisten vermögen, wenn ihnen ein menschenwürdiges Dasein verstattet wird. Für alle Zeit bahnbrechend bleibt sein denkwürdiger Ausspruch: „Ich will keine Toleranz, ich verlange Gleichstellung, Humanität." In der zweiten Hälfte seiner Schrift widerlegt er, zum Theil in direkter Anlehnung an Dohm, die gegen die Juden erhobenen Vorwürfe in meisterhaft gewandter, stark polemisch gefärbter Rede. Er weist »ach, daß man sie mit Gewalt durch Versperrung aller anderen Erwerbszweige dem Kleinhandel in die Arme getrieben und sie die Sünden, die man ihnen hinterher aufs Kerbholz schrieb, förmlich zu begehen gezwungen. Er ist voll Lobes für die Sparsamkeit und Ordnungsliebe, für die Sittlichkeit und Mäßigung der Juden, er gedenkt ihres regen Wohlthätigkeitssinnes, der es mit sich bringe, daß kein armer Jude dem Staate zur Last falle, wie auch ihres mustergiltigen Familienlebens, endlich ihrer Scheu vor blutigen Verbrechen, und erwähnt als Beleg hierfür, daß in England, Holland und Portugal seit Jahrhunderten kein einziger Jude zum Tode vcrurtheilt worden. „Verschließet Euch nicht länger", ruft er aus, „den Forderungen der Billigkeit, gebet dem Juden seine Menschenrechte wieder, und das Land, das er bewohnt, wird seine Heimath werden, er wird es wie ein lange und schwer verkannter Sohn betrachten, dem sich endlich wieder das Herz der Mutter in Liebe erschlossen. Die neuerlangten, langentbehrten Kindesrechte wird er gewiß nicht mißbrauchen, er wird sein Vaterland lieben und ihm dienen, die Erwartung des Messias wird ihn sicherlich nicht daran hindern, ein guter Bürger zu werden und seine Pflichten als solcher getreulich zu erfüllen, ebenso wenig als die Lehren Justinus Martyrs, Tertullians u. A. von der Wiederkehr des Heilandes die ersten Christen daran gehindert haben. Die vielgeschmähten Vorschriften der Talmudisten werden wohl, wenn sich erst die Juden völliger Gleichberechtigung erfreuen, nicht gefährlicher sein, als die der Kirchenväter!" Der Mann, dessen überlegener Geist, dessen ungewöhnlicher staatsmännischer Verstand die aus so heterogenen Elementen zusainmengesetzte Nationalversammlung in gährender Zeit zu beherrschen wußte, er stand mit in der ersten Reihe der Helden, die in den Wall veralteter Vorurtheile, überlebter Anschauungen Bresche legten, die an der Schwelle einer bessern Zeit für die mit Füßen getretenen Rechte Israels eintraten und ihm den Weg in eine verheißungsvolle Zukunft eröffneten. Allein auch heute noch — nach hundert Jahren — hat das Wort Mirabeaus seine Bedeutung nicht verloren: „Der Durchschnittsmensch kann selbst den größten Talenten, den hervorragendsten Männern das Unrecht nicht verzeihen, als Juden geboren worden zu sein!" Unter den Männern, welche im achtzehnten Jahrhundert für das gute Recht der Juden und die Anerkennung des Judenthums mit Kraft und Geist eingetreten, steht Mirabeau obenan. Darum geziemt es, an seinem hundertsten Todestage des edlen Vorkämpfers für Humanität und Geistesfreiheit in Ehren zu gedenken. U

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