Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Wehen eines frischen Geistes bekunden. Da ist es denn endlich Zeit, das seit zwei Jahrzehnten ruhende Werk wieder in Angriff zu nehmen und zur dritten Synode zu schreiten. Möge sie die ihr von der zweiten überlassenen Aufgaben und die inzwischen neu herangetretenen, aufnehmen, möge sie endlich dem deutschen Judenthum die Einrichtungen dauernd sichern, deren es dringend bedarf — nach innen wie nach außen, zur Kräftigung gegenüber den Antisemiten schlimmster Art, denen im eignen Heerlager. Es widerspricht dem Geiste des Judenthums, die wichtigsten Anliegen einseitig den Rabbinern zu überlasten, es kann diesen selbst nicht wünschenswerth erscheinen, ohne den im Laienclement — sei mir dieser unjüdische Ausdruck verziehen — überwiegenden praktischen Umblick und lediglich nach alten talmudischen Grundsätzen zu entscheiden. Das Leben fordert sein Recht — die Religion soll für das Leben sein, nicht für Säulenheilige, noch weniger fiir Scheinheilige. Es widerspricht ebenso sehr dem jüdischen Geiste, eine Hierarchie, eine festelnde Oberinstanz für religiöse Angelegenheiten zu schaffen. In der freien Synode, bestehend aus berufenen Gemeindevertretern, aus den geistigen Führern ihrer Glaubensgenossen, ist das allein sach- und zeitgemäße Band gegeben, das die Gleichgesinnten, die nach Entfaltung der herrlichen, im Joche veralteter Formen schlummernden Kräfte des unvergleichlichen Judenthums streben, die Begeisterung und Liebe, nicht Knechtssinn und Mitleid für das Judenthum in sich tragen — zu einem erfolgreichen Wirken vereinigen könnte. Es gilt zugleich unfern Nachkommen gegenüber, das große Unrecht einer zwanzigjährigen Unterbrechung bald zu beseitigen. Es gilt nicht minder, den edlen Heimgegangenen die herrlichste Gedüchtnißfeier zu halten. Nicht klagen — sondern handeln, in ihrem Sinne, auf ihrer Bahn. Wirke Du, lieber Freund, dafür in Deinem Kreise und thue das Deine — dann können wir uns im Laufe dieses Sommers, will's Gott, in der dritten Synode in Berlin Wiedersehen. * Mirakeim und das Indenthum. (3«m 2. April J«9J.) Von Eduard Mue n z. Ein Jahrhundert ist vergangen, seit der unermüdliche redegewaltige Vorkämpfer der Volksfreiheit die Augen geschlossen, seit das hehre Panier der Hand des unentwegten Streiters für Menschenliebe und Duldung entsunken. Mag man über den „Riesen der Revolution" urtheilen, wie man will, mag man mit einem moralischen Achselzucken auf die Fehler und Verirrungen seiner Jugend herabblicken, mag man angesichts seines unsicheren, zweideutigen Schwankens zwischen König und Volk in den Tagen, da sein Stern zu erbleichen begann, zweifelnd den Kopf schütteln und der paradox klingenden Entschuldigung: „Man kauft mich, aber ich verkaufe mich nicht!" nachdenklich gegenüberstehen. Eines ist unbestreitbar, sein Todestag bildet eine Epoche in der Geschichte der großen Erhebung. Mit ihm schied der einzige Mann aus dem Leben, dem es bei längerem Wirken vielleicht gelungen wäre, die Brücke, die von der alten Zeit zur neuen hinüberleitete, zu finden, dein sinnlosen, alles Ueberlieferte zerstörendem Taumel Einhalt zu gebieten, aus den Trümmern des bankerotten Despotismus die angestammte Monarchie zu retten und sie mit den berechtigten Forderungen eines jüngeren Geschlechtes zu versöhnen. In diesem Sinne konnte der strebende Champion der politischen und religiösen Freiheit, in trüber aber richtiger Voraussicht der kommenden Dinge, von sich sagen: „Ich nehme das Trauergewand der Monarchie mit mir, in seine Fetzen werden sich die Empörer theilen." Der Man», der ati seinem eigene» Leibe die Schwere des verrotteten Systems erfahren, den die grillenhafte Tyrannei des leiblichen Vaters ins Gefängnitz geworfen, beugte sich nicht resignirt seinem harten Geschicke. Mit gigantischer Wuth zerrte er an den Festeln, die ihn hemmten, mitten in den Schrecknissen des Kerkers gelobte er sich, gegen die Vorrechte und Vorurtheile, die wie ein halbmorscher, erratischer Block aus einer überwundenen geologischen Periode den Weg der Freiheit und Toleranz versperrten, mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft anzukämpfen, sich der Unterdrückten und Verfolgten anzunehmen, den Enterbten und Verkannten Schutz und Hilfe zu gewähren, in Wort und Schrift fiir sie zu wirten. Und er hat sein Versprechen ehrlich gehalten, hat es voll und ganz einzulöseir getrachtet. Es waren gerade die Tage, da von der Berliner jüdischen Gemeinde ein „Meer von Licht" ausging, dessen Strahlen bis in die entlegensten Winkel des Ghettos drangen, da Mendelssohn und sein Kreis den ersten Schritt thaten, um ihren Glaubensgenossen deutsche Kultur und deutsches Wissen zu erschließen, da der Geist einer neuen, einer besseren Zeit mit kräftigen Schlägen an die verwitterten Mauern des Judenviertels pochte. Das Leben des großen Königs ging zur Rüste; einer der letzten Ausländer, die ihn besuchten, war Mirabeau. Damals gewann er zuerst einen Einblick in die deutschen Verhältnisse. Als Friedrich Wilhelm II. den Thron bestieg, veröffentlichte Mirabeau cineu offenen Brief an ihn, in welchem er die Uebelstände des damaligen preußischen Staates mit seltenem Freimuthe in beredter, zu Herzen dringender Sprache schildert und den König auffordert, zum Wohle seines Volkes, zum Heile seines Landes die Bahn der Reform zu betreten. Auch für die Juden bricht er in diesem Briefe eine Lanze. Seine vierzehnte Forderung lautet: „Preußen möge für alle Zukunft allen Religionen unuinschränkte Toleranz gewähren." Eine natürliche und nicht wenig schützbare Gelegenheit böte ein Edikt, das den Jriden die bürgerliche Freiheit einräume. „Diese Wohlthat," fährt er mit Wärme fort, „wird Eure Majestät vom ersten Augenblick Ihrer Regierung Ihren erhabenen Vorfahren, den tolerantesten Fürsten, der jemals gewesen, übertreffen kaffen und wird sicherlich nicht unbelohnt bleiben. Außer der zahlreichen Vermehrung der Bevölkerung und der Kapitalien, welche dieselbe unfehlbar auf Kosten anderer Länder in das Ihrige ziehen wird, werden die Juden, von der zweiten Generation an, zu guten und nützlichen Bürgern des Staates. Es bedarf zu diesem Ende nur einer Aufmunterung, daß sie sich auf mechanische Künste und den Ackerbau, der ihnen bisher llntersagt war, verlegen; es ist nur nöthig, sie von den mannigfachen, demüthigenden Abgaben zu befreien, die jetzt auf ihnen lasten!" Das 1781 erschienene, epochemachende Werk des jungen Kriegsrathes Christian Wilhelm Dohm „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" eröffnete den Reigen. Eine Unzahl von jndenfrenndlichen und gegnerischen Flugblättern folgte, allerorten wurde das Für und Wider der Emanzipation erörtert. Was Wunder, daß sich auch der eingreifendste politische Schriftsteller der Zeit, der seine Feder in den Dienst der Humanität gestellt, daß sich auch Mirabeau der brennenden Frage des Tages bemächtigte und eine getreue Analyse der Dohmschen Schrift lieferte. „Die scharfsinnigste Vernunft, die menschenfreundlichste Philosophie wetteifern mit der kernigsten Dialektik, um dies Werk interessant z» gestalten. Niemals seit Menschengedenken wurde eine bessere Sache mit besseren Waffen verfochten." Mit diesen Worten charakterisirt ein Franzose das genannte Buch. „Leider," sagt er ferner, „wird es ob seiner vornehmen, maßvollen Sprache schwerlich in weitere Kreise Eingang finden. Wenn diese Arbeit auch in England bekannt