Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion ist der Atheismus, die Negation der Ideen, die das Judenthum als die heiligsten proklamirt hat, die Emanzipation des Fleisches, die Verrichtung der persönlichen Freiheit, kurz in Allem und Jedem das Gegentheil der Wahrheiten und Ueberzeugungen, auf denen die Größe und Würde des Judenthums beruht. Fragen wir uns nun aber zum Schluffe: Wie war es nur möglich, daß ein solches Ammenmärchen, wie das der unnatürlichen Verbindung von Judenthum und Sozialdemokratie, überhaupt aufkommen, und geglaubt werden konnte? Wer sich diese Frage selbst am besten beantworten will, der lese den von uns bereits wiederholt empfohlenen „Antisemiten-Katechismus". Es giebt keine Schlechtigkeit und keine Niederträchtigkeit, die dort nicht den Juden in die Schuhe geschoben wird. Auf der einen Seite werden sie als die Finnnzhelfer der Könige, auf der anderen als die Führer der Revolutionen dargestellt. Sie sind schuld an der wachsenden Verarmung, an der überhandnehmenden Unsittlichkeit, an der sich immer mehr ausbreitenden Unzufriedenheit. Und die Beweise? Die sind eitel Spreu und Wind und Lüge! Gefälschte Citate, Sprüche von Autoritäten, die kein Mensch kennt, statistische Daten, die wiederholt sich als unrichtig herausgestellt haben, Aufrufe, Proklamationen und Aussprüche, die unzählige mal als elende Fälschungen und Verleumdungen aufgedeckt wurde». Aus diesem Arsenal stammen alle Waffen, die gegen uns geschmiedet werden, und auch die der Verbindung des Judenthums mit der Sozialdemokratie, die als Schreckbild für ängstliche Gemüther immer von Neuem aufgewärmt wird. Der sicherste Beweis für den Zusammenhang zwischen der „rothen" und der „goldenen" Internationale» besteht nach der Behauptung antisemitischer Hetzer darin, daß die Sozialdemokraten sich nie und nirgends haben dazu verstehen wollen, den Antiseinitismus zu unterstützen. Und das ist am Ende die einzige Wahrheit in dem ganzen Lügengewebe. Die einzige Wahrheit — und zugleich des Pudels Kern! Ja, es ist wahr, die Sozialdemokraten haben entschieden gegen den Antisemitismus Front gemacht, aber nicht, weil sie mit den Juden zusammenhängen, sondern obgleich sie denselben genan so feindlich gegenüberstehen, wie der gesammten Bourgeoisie und der modernen Gesellschaft überhaupt. Sie würden ja gegen die obersten Forderungen ihres Programins, gegen das Wesen ihrer Idee sich vergangen haben, wenn sie anders gehandelt hätten. In dem gegenwärtigen Bourgeois-Staate müssen sie die Juden konsequenter Weise schützen, in ihrem sozialistischen Zukunftsstaate würden sie das Judenthum genau so perhorresziren, wie alle übrigen Religionen. Das ist die Wahrheit, das ist die Logik der Thatsachen, klar und überzeugend für Jeden, der die Verhältnisse so ansieht, wie sie wirklich liegen, und nicht durch die gefärbte Parteibrille. Aber freilich, was nützt alle Wahrheit und alle Logik einem Feinde gegenüber, dessen einzige Waffen die Lüge und die Verleumdung sind! U Briefe an einen Freund. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann. 3. Synode. Du hast Recht, lieber Freund. Es geht uns alten Synodalen von 1869, wie auf politischem Gebiet den alten Abgeordneten vom Frankfurter Parlament. Einer nach dem Andern scheidet von hinnen. Ja, schlimmer! Die Männer von 1848 erlangten Nachfolge, sahen ihre wesentlichsten Ziele im Reich und Reichstage erfüllt. Aber wir von der Synode? In jener herrlichen Habdalah - Rede, mit der Prof. Dr. Lazarus am 4. Juli 1869 die Leipziger Synode schloß, in der er onfforderte, Gott zu danken, „der das Feuer der Begeisterung, die Gluth der Gefühle, das Licht der Erkenntniß in die Menschenseele gelegt hat" — sprach der Redner die Hoffnung aus, daß die Synodal-Versammlungen von Jahr zu Jahr wachsen an Anzahl der Mitglieder, im Eifer des Geistes, in der Fähigkeit der Arbeit und in dem Erfolge, welchen sie dann für das ganze Judenthum haben werden, damit erfüllt werde an der Synodal- Versammlung das Wort: „ob auch sein Anfang gering war, seine Nachfolger werden wachsen, blühen und gedeihen", unsäglich edel, friedlich und freundlich, glücklich, fruchttragend. Und der leider längst Heimgegangene geistreiche Leopold Löw dankte für diese „prophetischen" Worte, und pries die Zeit als gekommen, „wo jüdische Theologen mit Nicht-Theologen über religiöse Fragen auf eine gedeihliche Weise berathen und Beschlüsse faffen können." Nur der große Krieg verhinderte, daß nicht schon 1870 die zweite Synode folgte. Sie ward 1871 in Augsburg abgehalten, freilich mit etwas geringerer Theilnehmerzahl: 52 gegen 83. Aber die zweite Augsburger Synode hat nicht minder wichtige Dinge berathen als die Leipziger (Eherechtliches, Sabbathgebräuche, Orgelspiel u. s. w.) sic betonte in trefflichen Sätzen, daß das Jndenthum seit frühster Vorzeit in fortdauernder Entwickelung auf dem Boden und nach dem Ziele wahrer Gottes-Erkenntniß und reiner Sittlichkeit begriffen ist, daß ein dringendes Bedürfniß der Umgestaltung vieler seiner Formen vorliege, daß die Synode Organ dieser Fortbildung sein wolle, daß, wenn ihre Beschlüsse auch keine bindende Geltung haben, doch die Kraft der Wahrheit, des heiligen Ernstes und der Ueberzeugung ihnen innewohne; daß sie in Wahrheit für Erhaltung des Judenthums wirke, wenn sie den Anforderungen der Zeit nachzukommen strebe. Als die Mitglieder dieser zweiten Synode — wieder nach einer ergreifenden und hoffnungsfreudigen Schlußrede des Vorsitzenden Prof. Dr. Lazarus am 17. Juli 1871 — den goldenen Saal zu Augsburg verließen, da hat wohl Keiner von ihnen an ein Scheiden auf Nimmerwiedersehen gedacht. Zehn Kommissionen waren eingesetzt, ihre Obmänner ernannt, für Ehe-, Kultus. Ritualien-, Unterrichts-, Priester-Fragen, für Einberufung der neuen Synode, für Statistik, für Finanzen u. s. w. Zwanzig Jahre sind darüber hinweggcgangen, die tüchtigsten, edelsten, tapfersten und begeistertsten Synodalkollegen sind Einer nach dem Andern zum lichteren Dasein abberufen worden. Am frühesten Geiger, in dessen Hände die Einberufung der dritten Synode gelegt war. Ein Blick auf die Mitgliederliste jener beiden Synoden umflort das Auge. Welche Männer waren da beisammen, von großem Wissen, von tiefer Begeisterung — und sie sind Einer nach deni Ander» dahingeschieden, wie Moses, im geistigen Anschaun einer lichteren, von ihnen geförderten, ersehnten Zukunft, aber ohne das beruhigende Gefühl ihrer baldigen Erfüllung. Ich will keine Namen nennen, sie glänzen in der jüdischen Kulturgeschichte, sie leben in den Herzen ihrer Zeitgenossen. Ein neues Geschlecht ward groß, von dem es vielfach heißen muß, daß es nichts wiffe von Joseph. Das erfolganbetende Streberthum und die antisemitische Verhetzung haben den Idealismus, wie auf andern Gebieten, so auch auf dem in den beiden Synoden gepflegten, zurückgedrängt, eine Formgläubigkeit ist erstarkt, und es will vielfach scheinen, als habe das in seinen Hauptträgern dahingegangene Geschlecht umsonst gestrebt und gelebt. Und dennoch — es will nur so scheinen. Gerade in neuerer Zeit mehren sich die günstigen Anzeichen, daß Männer, wie Geiger, nicht vergeblich wirkten. Gerade in diesen Blättern. Seit ihrer Verjüngung unter tüchtiger Leitung sind wiederholt Arbeiten erschienen, namentlich, wie ich ersreut hervorhebe, aus der Feder von Rabbinern, welche das