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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-27 · Heft 13 (27.3.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Rabbiner Kahn von Laupheun ein Gebet, worauf Lehrer Haymann namens des württembergifchen israelitischen Lehrervereins, Rechtsanwalt Dr. A. Mayer namens des israelitischen Lesevereins, Oberlehrer Ramsler namens der Ulmer Lehrer und der Vorstand des israelitischen Frauenvereins Kränze am Grabe niederlegten. Oesterreich - Ungarn. 33 Wien, 22. März. Nach den Aufregungen der Reichsrathswahlen Plagen uns in Wien jetzt schon wieder die Gemeindewahlen für Groß-Wien, welche in den dritten Wahlkörpern am 2. April beginnen. Das Gedränge der Kandidaten ist um so lebhafter, als die bisherige Zahl der Stadtregenten, ungeachtet der Stadtvergrößerung um mehr als eine halbe Million Vorortbewohner, nur wenig vermehrt wurde, nämlich von 120 auf 138 Häupter. Die herrschende liberale Partei hofft, von diesen 138 Sitzen 75 bis 80 für sich zu behaupten, doch machen die vereinigten Antisemiten und Klerikalen besondere Anstrengungen, um die Mehrheit zu gewinnen, und lassen bereits den Prinzen Aloys Liechtenstein als künftigen antisemitischen Bürgermeister hoch leben. Der Kampf dreht sich hauptsächlich um die zweiten Wahlkörper, in welche das neue Gemeindestatut für Groß-Wien neben den Steuerträgernmittlerer Stufe zur besseren Sicherung alle Diplomirten und Studirten, Ingenieure, Beamte aller Art, auch Volksschullehrer und kleine Gemeindebeamte der Vororte untergebracht hat. Da jedoch der Antisemitismus hier gerade unter den „kleinen Leuten" sehr verbreitet ist, bleibt der Erfolg fraglich. * Lemberg, 20. März. Berichten aus Kolomea ist zu entnehmen, daß dort nunmehr zwar wieder Ruhe eingekehrt ist, aber jene unheimliche Ruhe, die beklemmt und niederdrückt. Bei dem mit großer Erbitterung geführten Wahlkampfe sind die Leidenschaften und der Fanatismus der Massen gar zu stark entstammt worden, als daß sich die Aufregung so rasch wieder legen könnte. Es wurde bereits berichtet, welche Szenen während des Wahlaktes in Kolomea stattgefunden hatten. Auch nach den Wahlen überfiel das aufgehetzte Bauernvolk haufenweise die Häuser der jüdischen Bewohner, wobei die Fensterscheiben zertrümmert wurden. Namentlich in den Vorstädten haben sich die beklagenswerthen Szenen mehrmals wiederholt. Der jüdische Friedhof wurde verwüstet und dessen Umzäunung niedergerissen. Die betrunkenen Bauern verbreiteten auf ihrem Streifzuge durch die Stadt überall Angst und Schrecken. Juden, die diesem Hausen ahnungslos entgegenkamen, auch viele fremde, in Kolomea weilende Kaufleute wurden überfallen und mit Knütteln mißhandelt. Es sind bereits fünf Tage seit den Wahlen verflossen, und noch immer trauen sich die Juden nicht, Abends die Häuser zu verlassen. Unter denjenigen, welche an der Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung ein Interesse zu haben schienen, haben sich durch maßlose Agitationen insbesondere ein entlassener Gymnasial-Supplent und ein Neophyt hervorgethan. In den polnischen Blättern wird indeß der Sachverhalt so dargestellt, als wenn die Juden durch ihr provokatorisches Vorgehen diesen Zustand hervorgerufen hättendes Umstandes, daß die Geistlichkeit durch Predigten aufreizenden Inhalts sehr viel zur Erregung der ohnehin schon gereizten Gemüther beigetragen hatte, wird mit keinem Worte Erwähnung gethan. Wohl werden aber die Juden beschuldigt, daß sie die Kirchen mit Steinen beworfen hätten. Nach den letzten Meldungen ist es zu neuerlicher: Ausschreitungen nicht mehr gekommen. Militär-Patrouillen durchziehen noch immer Nachts die Straßen. Aehnliche Vorgänge werden aus Sniatyn gemeldet, doch wird übereinstimmend konstatirt, daß sich beide Parteien großer Uebertreibungen in der Schilderung des Sachverhaltes schuldig machen. In Sloboda-Rungurska haben es, dem Dziennik Polski zufolge, die Grubenarbeiter als eilte Herausforderung angesehen, daß die Juden nach dem errungenen Wahlsiege Hochrufe auf den neugewählten Abgeordneten Dr. Bloch ausbrachten. Samstag Nachts überfielen die in den dortigen Naphtagruben beschäftigten Arbeiter ungefähr vierzig Häuser, deren Thüren und Fenster eingebrochen wurden. Aus den Wohnungen und Kaufläden wurde Alles, was nur irgend einen Werth hatte, auf die Straße .^geworfen und ins Wasser geschleudert; viele Waaren wurden vernichtet. Aus Kolomea wurde Gendarmerie requirirt, welche in Folge der Widersetzlichkeit der Excedenten von den Waffen Gebrauch machen mußte. Zahlreiche Personen wurden dabei arg zugerichtet. Bei den Excessen erlitten drei Juden schwere Verletzungeneiner derselben ist bereits den Wunden erlegen. Ein Gensdarm wurde am Kopfe verletzt Die Verhaftung der Rädelsführer ging nur unter Schwierigkeiten vor sich. Schweiz. Zürich, 6. März. Frau Susanna Landau, Gattin des Herrn Dr. E. Landau, der seit einiger Reihe von Jahren an der hiesigen Gemeinde als Prediger und Religionslehrer wirkt — ist gestern ihren längen Leiden erlegen. Frau Landau wurde 1844 als Tochter der Gemeindebeamten Heymann Weill in Berlin geboren, wo sie während 8 Jahren als Lehrerin an der Töchterschule der jüdischen Gemeinde wirkte. Eine geistig hochbegabte Frau, war sie ihrem Galten als tüchtige Lehrerin eine treue Gefährtin. Sie verstand es, die jugendlichen Herzen ihrer Schüler für das Judenthum zu begeistern, den religiösen Sinn zu wecken und zu heben. Wie sie in gesellschaftlichen Kreisen zur Förderung alles Edlen und Schönen zur rechten Zeit das richtige Wort fand, war sie auch stets am Ort, wo Leidenden zu helfen war. Ein zahlreiches Geleit folgte der früh Dahingeschiedenen zur letzten Ruhestätte, nach dem am Fuße des Uetlibergs idyllisch gelegenen israelitischen Friedhof. Herrvr. phil. Sperber, d. Z. Lehrer am Gymnasium in Glarus, und Herr Abra mo vi ce stuck, polzck. gaben den Gefühlen der Trauer Ausdruck. Mit einem ergreifenden Gebet schloß Herr A. Lang, unser langjähriger Kantor, die Trauerfeier. Großbritannien. * London, 19. März. Das Parlamentsmitglied Mr. Mat her ist soeben aus Rußland zurückgekehrt, wo von ihm genaue Erhebungen über die berechtigten Beschwerden der Juden gepflogen wurden. Als Resultat feiner mit großer Gewissenhaftigkeit angestellten Beobachtungen führt Mr. Mather an, daß die Klagen der armen Unterdrückten weder gegen den Kaiser, noch gegen die griechische Kirche, noch gegen die bäuerliche Bevölkerung gerichtet sind, sondern einzig und allein gegen die untergeordneten Beamten, denen die Handhabung von Recht und Gesetz in den verschiedenen Distrikten obliegt. Allgemein heißt es, daß sie die gegen die Juden erlassenen Verordnungen mit barbarischer Strenge zur Ausführung bringen, und unter den am schwersten davon Betroffenen herrscht die Ansicht, daß diesem traurigen Zustande bald abgeholfen werden könnte, wenn derZar über die wahre Sach lag e info rmirt wäre. Nach der Meinung der höchsten jüdischen Autoritäten in Moskau und Petersburg wären jedoch die von öffentlichen Versammlungen in England angenommenen Resolutionen nur von geringem Nutzen, wenn sie mehr beabsichtigen, als blos ihrem Bedauern über die allzu große Strenge, mit der von den Unterbeamten die Verordnungen zur Ausführung gebracht werden, Ausdruck zu geben, zumal dies ja ohne Wissen des Herrschers geschehen soll. Rußland. * St. Petersburg, 22. März. Selbst den besten Freunden der Russen, den Franzosen, wird die schmähliche Verfolgung der Juden in Rußland zu arg. So sieht sich der Pariser „National" vom 9. März veranlaßt, wegen einer Verurteilung von zehn Jüdinnen, Frauen von Arbeitern in Kiew, den Russen ins Gewissen zu reden. Die Frauen sind nämlich wie die „Kiewljanin" kurz meldete, jüngst aus Kiew ausgewiesen worden, weil sie Milch, Töpferwaaren und Brod verkauft hatten, ohne dazu berechtigt zu sein. „Da hat man," bemerkt zu der diesbezüglichen Mittheilung des Kiewer Blattes der „National" entrüstet," in wenigen Zeilen den willkürlichen und tyrannischen Charakter des russischen Antisemitismus." Das französische Blatt wundert sich darüber, daß man den Frauen ehrenhafter Arbeiter, welche sich nicht genug zum Unterhalt ihrer Familien verdienen können, verbiete, ihren Männern beizustehen, und dieselben answeise, ohne ihnen vorher auch nur mitgetheilt zu haben, daß eine Bestimmung vorhanden sei, welche ihre Handlungen als strafbar erscheinen läßt. Ein solches Verfahren, meint das französische Blatt, sei unsinnig und unmenschlich. „Und alles das," so schließt der „National" seine Ausführung, „geschieht in einem Lande, welches von einem mächtigen und aufgeklärten Monarchen regiert wird! Sicher kennt der Zar solche Thatsachen, wie wir sie mitgetheilt haben, nicht, und deshalb Hallen wir es für unsere Pflicht, dieselben anzuzeigen." Sehr schön vom „National", aber helfen wird es nichts, denn das französische Blatt irrt sich. Es gehen in Petersburg selbst noch ganz andere Dinge vor. So erzählt der dortige Korrespondent des „Daily Telegraph", daß jüngst ein Herr Graßmann, welcher mit glänzendem Erfolge im Justizministerium gearbeitet habe, und vom Justizminister Man assein befördert, dem Zaren vorgestellt worden sei, von diesem aber nicht nur kühl, sondern geradezu feindselig empfangen worden sei, doch habe Herr Graßmann geglaubt, daß alle

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