Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227891--47826-3270311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gesunden hat, sondern zugleich einen Bericht über die segenvolle Thätigkeit während des ganzen Zeitraumes. Da ist es erfreulich, zu konstatiren, daß in dieser Zeit 2095 Schüler den Segen des Unterrichts in der Apstalt genossen haben. — Der israelitische Studien - Beförderungs -- Verein für Ost- und Westpreußen giebt den 19. Bericht heraus, der. eine Einnahme von 5234.75 Mk., eine Ausgabe von 2609.42 Mk. und ein Vermögen von 42,000 Mk. aufweist. Die Zahl der mit Stipendien Bebetrug 42., SS Rybrrik, 20. März. Der hiesige „Krankenpflege- und Beerdigungsverein" beging am letzten Dienstag fein 26. Stiftungsfest. Da unser langjähriger Rabbiner Dr. Fränkeb iur letzten Jahre verstorben ist, lud der Vorstand Herrn Rabbiner Dr. Blum enthal aus Ratibor zur Festpredigt, die beim feierlichen Nachmiltagsgottesdienst in der Synagoge gehalten wurde. In ergreifenden Worten schilderte der Redner das herrliche Wirken des Vereins, anknüpfend an das Dichterwort: „Drei Gebote sind die höchsten: Gastrecht üben, Kranke Pflegen Und zum Grabe hin den Todten Mit Gebeten zu geleiten." Tiefe Rührung ergriff die Versammelten, als der Redner des so jäh uns entrissenen Dr. Daniel Frankel gedachte, der noch vor einem Jahre von der Kanzel herab zu seiner Gemeinde gesprochen und nunmehr im „Reiche der Glücklichen" weile. Bei der Festtafel brachte Herr Rabbiner Dr. Blumenthal unter jubelndem Beifall der Versammlung den Kaisertoast aus, während der Vorsteher der Chewra Kadischa mit begeisterten Worten einen Trinkspruch auf das Wohl des Festredners aus brachte. 35 Stadt Lerrgsfeld, 20. März. In dem Artikel „DieRabbiner der Zukunft" in Nr. 11 heißt es: Wir wissen nicht, ob ein solches Verhältniß (daß im Schulvorstand neben den christlichen Geistlichen ex oflleio ein Rabbiner sitzt) schon irgendwo auf der Erde existirt." Ein solches Verhältniß besteht seit dem 1. Januar 1875 in Sachsen- Weimar, auf Grund des Gesetzes über das Volksschulwesen im Großherzogthum Sachsen vom 24. Juni 1874. Die betr. Bestimmung lautet: „Der Schulvorstand besteht a) aus dem Bürgermeister und dessen Stellvertreter, b) aus dem oder den Geistlichen des Ortes, in deren Konfession Unterricht in der Volksschule ertheilt wird; wo mehr Geistliche Je einer solchen Konfession im Orte sind, bestimmt die oberste Schulbehörde n. s. w." So sitzt denn hier seit 16 Jahren der Rabbiner neben einem evangelischen Pfarrer im Schulvorstand, aber die Schwierigkeiten, welche in dem genannten Artikel befürchtet werden, sind bis heute noch nicht eingetreten. Es haben weder persönliche Reibungen zwischen dem jüdischen und dem christlichen Geistlichen stattgefunden, obgleich seit Einführung jenes Gesetzes der zweite Rabbiner und der dritte Pfarrer dem Schulvorstand angehören, noch kommt es vor, daß die beiden Geistlichen gemeinschaftlich Front gegen die übrigen Mitglieder des Schulvorstandes machen. Es ist ein einträchtiges Zusammenwirken aller Mitglieder wahrzunehmen. Die Beobachtung der Schulgesetze seitens des Rabbiners und die Art und Weise seines Studiums der jüdischen Theologie haben sich dabei nicht als störend unb hinderlich erwiesen. Ja, noch mehr. Seit dem Jahre 1883 bildet der Rabbiner dahier als grobherzoglicher Landesrabbiner mit dem Direktor (Landrath) eines jeden Verwaltungsbezirks, in welchem Israeliten wohnen, die „Großherzogliche Aufsichtsbehörde über die israelitischen Angelegenheiten". Diese Behörde hat über die ganze Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinden, die israelitischen Armenanstalten und milden Stiftungen die Aufsicht zu führen, die Rechnungen zu prüfen, die Gemeindewahlen zu bestätigen und die Gewählten zn verpflichten, über Beschwerden, Streitfälle rc. innerhalb der Gemeinden zu entscheiden, überhaupt alle ihre Angelegenheiten zu beaufsichtigen, soweit sie nicht „kirchliche Dinge im strengsten Sinne" betreffen, diese gehören unter Oberaufsicht der Regierung vor den Landesrabbiner allein. Aber auch bei diesen oft schwierigen und peinlichen Amtsgeschäften ist uns von Reibungen zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Mitgliede der Aufsichtsbehörde nichts bekannt geworden, auch nicht, nachdem auf einen über vier Jahrzehnte sungirenden Rabbiner der radikalsten Glaubensrichtung, dein ersten, der jenes Staatsamt bekleidete, Männer mit konservativen Grundsätzen gefolgt waren. Meinungsverschiedenheiten können selbstverständlich unter mehreren Mitgliedern einer Behörde nicht ganz ausbleiben, und bei solchen entscheidet das Ministerium in Weimar als zweite und letzte Instanz. Persönliche Reibungen unter Mitgliedern einer Körperschaft kommen unleugbar hierund da vor, Friktionen gab es schon im Schooße der höchsten Staatsbehörden, und Takt- und Pflichtgefühl werden auch den Rabbiner der alten Schule und von streng ritueller Lebensführung in einem Kollegium mit andersgläubigen Geistlichen oder Bürgern und Beamten den rechten Weg finden lassen. Lp. Samter, 20. März. Der hiesige israelitische Frauenverein soll auf Anregung des Herrn Rabbiners Dr. Wreschner hier eine Neugestaltung erfahren, weil die Tendenzen des Vereins sich den Bedürfnissen gegenüber, die innerhalb der Gemeinde hervortraten, als unzulänglich erwiesen. Zu den bisherigen Vereinszwecken soll noch der hinzutreten, in geregelter Weife Krankenbesuche und -Pflege zu üben, sowie bei der Todtenbestattung in all deren Theilen thätig zu sein. Mit dieser Wirksamkeit wäre einem seit langer Zeit in unserer Gemeinde gefühlten Uebel abgeholfen. # Düsseldorf, 24. März. Schön sind deine Feste, Jacob, herrlich deine Institutionen, Israel! Das war eine frohe Gesellschaft, die sich am 21. d. M. Abends in dem festlich geschmückten Saale des Herrn Peter Pütz versammelt hatte. Die 25 Lehrlinge des Vereins „zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden" veranstalteten eine Purimfeier, an der die hervorragendsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit ihren Damen Theil nahmen. Herr Rabbiner Dr. Wedell, dem die zukünftigen jüdischen Handwerker bei seinem Erscheinen eine stürmische Ovation darbrachten, hielt an die Versammlung eine schwungvolle Ansprache, die seitens der Festgenossen mit großem Beifall ausgenommen wurde. Das wettergebräunte Gesicht des jüdischen Kunstschlossers, Herrn Liebermann, unter dessen Obhut diese Lehrlinge stehen, wie auch der Letzteren frohes und selbstbewußtes Auftreten sind der beste Protest gegen die Behauptungen unserer Feinde: die Juden verspüren keine Lust zur körperlichen Arbeit. Was aber an diesen Lehrlingen besonders lobend hervorgehoben zu werden verdient, ist, daß sie von einer tiefen Religiosität durchdrungen und in ihrer Lebensweise solid und müßig sind. Die Leiter des Vereins haben durch ihre gottgefällige Thätigkeit ein großes Verdienst sich erworben und verdienen die größte Anerkennung. Freibrrrg u B., 18. März. Gestern Abend hat der Hofprediger a. D. Stöcker in der hiesigen städtischen Festhalle einen Vortrag gehalten. Inhaltsleer, konnte er der konservativen Partei nicht auf die Beine helfen. Denn Hinweise auf das Jenseits sind nicht die Medizin, welche die sozialen Uebel heilen können, auch wenn einzelne Hiebe auf das Judenthum die Himmelskost etwas materieller machen. Als dann ein ehemaliger Professor die beständigen Gehässigkeiten gegen die Juden mißbilligte, verwandelte sich der Verkünder des Himmelslohnes in einen Gift und Galle speienden Eiferer. Die Juden hätten die Keckheit gehabt, beim Magistrat zu bitten, man solle ihm den Saal nicht geben — das sei die Intoleranz der Juden! Es sei bemerkt, daß der Oberbürgermeister hier privatim auf die Gefahr, welche die Hetzreden Stöckers dem bisher bestehenden Frieden der Bürgerschaft bringen würden, aufmerksam gemacht worden ist; daß man bemerkt hat: Jeder politischen Partei, welcher Richtung immer, solle das städtische Haus offen sein — aber der Name Stöcker bedeute Judenhatz, Verfolgung und Beschimpfung, nicht Bekämpfung von Ideen, von Ansichten, sondern Aufreizung gegen Personen! Da ging's denn munter her über die Frechheit, über die unterwühlende Macht des jüdischen Großkapitals, über den Judenwucher und wie die abgedroschenen, durch den häufigen Gebrauch weder eleganter noch wahrer werdenden gemeinen Redensarten sonst lauten. Der Humor bei der Sache war, daß der Vorsitzende, ein hiesiger Fabrikant, der den ganzen Rummel arrangirt und bezahlt hat, ohne blaß zu werden auf das Großkapital schimpfen hörte, blos weil das Beiwort: jüdisch dabei ausgesprochen wurde. Er selbst aber, ein vielfacher Millionär, der allein mehr besitzt als alle Juden in Freiburg zusammen, ist der Sohn eines Mannes, der arm hierher gekommen war. Dem Redner erwiederte in geistvoller und durchdachter Weise Herr Professor v. Philippovich; — aber die Giftsaat des Hasses ist verstärkt, unb, da Unkraut nicht vergeht, wird die böse Ernte nicht ansbleiben! x. Ulm, 15. März. Ein zahlreiches Trauergeleite erwies heute dem in einem Alter von 68 Jahren verstorbenen Lehrer und Vorsänger Simon Einstein, der seit der Gründung der hiesigen israelitischen Gemeinde in ihr thätig war, die letzte Ehre. Vor dem Leichenzuge ging der hiesige Turnerbund, dessen Ehrenmitglied der Dahingeschiedene war, mit umflorter Fahne. Am Friedhof wurde die Leiche vom Lehrerchor empfangen. Dem Wunsche des Verstorbenen gemäß sprach am Grabe