Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Tschinovniks vom Zaren so empfangen wurden. Am nächsten Tage sei Herr Manassein zum Kaiser berusen worden, und dieser habe ihm gesagt: „Wie? der Mann, welchen ich gestern empfangen habe, der Graßmann ist ja ein Jude!" — „Nein, Majestät, er ist Christ; er war Jude, ist aber vor einigen Jahren getauft worden." Der Zyr habe den Kopf geschüttelt, die Achseln gezuckt und ausgerufen: „Nette Christen das und kein Mißverständniß!" Diese Worte hätten das Schicksal Graßmanns besiegelt; derselbe könne nun ebensowenig wie andere getaufte Juden auf Beförderung im Staatsdienste rechnen. — Ein Herr Günsburg hat fünfzehn Jahre als Notar fungirt, die letzten neun im Bureau eines fcefamiteit Petersburger Advokaten. Nun ist er ausgewiesen worden, obgleich der Stadthauptmann Gresser ihm günstig gesinnt zu sein schien. — Eine Ungerechtigkeit andererseits wird aus Krementfchug gemeldet. Ein zehnjähriger jüdischer Knabe, Jankel Leiba, war dort 1877 gestorben und auf dem jüdischen Friedhofe beerdigt. Zehn Jahre später wurde Jankel Leiba zum Militär berufen; und da er natürlich nicht erscheinen konnte, sein Vater mit 300 Rubel gestraft. Letzterer appellirte gegen dieses unsinnige Urtheil, allein nach einem Jahre entschied das Gericht, daß er zahlen müsse, weil nur bewiesen sei, daß sein Sohn Jakow gestorben sei, Jankel daher erscheinen müsse. Dieses Urtheil stützte sich auf die Aussage eines Zeugen, welcher in Betreff des Namens des Verstorbenen einen Jrrthum begangen hatte! Amerika. * New-Aork, 14. März. Der hiesige Bankier Herr Jesse Seligmann vom Hause Seligmann u. Co. trassirte gestern per Kabel auf Baron Hirsch in Paris die Summe von 12 Millionen Francs. Es ist dies der Betrag, den Baron Hirsch zur Unterstützung jüdischer Auswanderer in den Vereinigten Staaten angewiesen hat. Die Tratte wurde ohne Weiteres honorirt und der Betrag zur Verfügung gestellt. 9 Von Nah und Fern. ---- Wie aus der „Kreuzzeitung" ersichtlich, ist deren Mitarbeiter, der bekannte Morris de Jouge zum Christenthum übergetreten. Wir empfinden eine aufrichtige Befriedigung darüber. — Herr Lehrer Fleischhacker. bisher in Hirschberg, übernimmt am 3. April das Amt eines Inspektors der Jacobsohn-Schule in Posen. — Einer der ältesten, wenn auch nicht der älteste Bewohner der Mark hat dieser Tage in Berlin geweilt. Es ist dies der Kaufmann M. T. Cohn, welcher am 25. d. M. 100 Jahre-alt wurde. Der alte Herr ist geistig noch so frisch und rege, daß er sich sein Brod noch heute selbst verdient. — Bei der Beerdigung des Abgeordneten Windthorst war die jüdische Gemeinde in Hannover offiziell vertreten. — Der Oberrabbiner Don Altona, Herr Dr. Löb, ist in Folge seines leidenden Zustandes vom Vorstande pensionirt worden. - Der Mehgermeister Louis Wenzel in Neunkirchen hatte vor einigen Tagen an seinem Laden ein Schild angebracht mit der Inschrift: „Hier hat kein Jude Zutritt!" Einige Tage ließ die Polizei die Demonstration unbehelligt, dann wurde das Plakat polizeilich entfernt und beschlagnahmt; gegen Wenzel soll Anklage wegen groben Unfugs erhoben worden sein. Ein weiterer Erfolg ist indeß nicht ausgeblieben: die dortigen Arbeiter haben ihn mit dem Spitznamen „Hepp, Hepp" ausgezeichnet, und wenn sie Morgens V*6 Uhr auf die Schicht gehen, daun klingt dieser Ruf ans Hunderten von Kehlen vor der Wohnung Wenzels. Herr Wenzel ist dieselbe Person, die jüngst bewirkte, daß eine Versammlung des Volksvereins, in der Herr Rechtsanwalt Kohn aus Dortmund sprechen wollte, der Auflösung verfiel. Er hatte eine Anzahl halbwüchsiger Buberl engagirt, die bei der Rede Kohns fortwährend „Hepp Hepp!" schreien mußten; wegen dieses Lärms wurde die Versammlung aufgelöst und geschlossen. — Donnerstag und Freitag, den 12. und 13. Marz, fand im P hilanthropin (Realschule der israelitischen Gemeinde) zu Frankfurt a. Main die Abgangs- Prüfung statt. Derselben unterzogen sich 36 Schüler der ersten Klasse, von denen 32 das Examen bestanden und damit die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst erwarben. Ein Schüler war von der mündlichen Prüfung dispenfirt. — Aus Hamburg wird berichtet: Heute kamen 23 jüdische Auswanderer, die vollkommen verarmt aus Amerika zurückgekehrt sind, hier an. Das israelitische Hilfskomitee übernahm die Leute und beförderte sie in ihre Heimath, theils nach Böhmen, theils nach Galizien. — Am 29. und 30. d. Mts. findet in Bielefeld ein Vorstandstag der jüdischen Gemeinden Westfalens statt. — In der Ersten Kammer zu Darmstadt legte der Prälat Habicht Verwahrung dagegen ein, daß in Hessen antisemitische Umtriebe von Geistlichen ansgingen. Seines Wissens habe sich kein evangelischer Geistlicher an der genannten Bewegung betheiligt. Staatsminister Finger konstatirte hierauf, es hätten sich allerdings einige Geistliche an der Bewegung betheiligt, dies müsse auch der Vorredner wissen. — Der. praktische Arzt und ärztliche Vorsteher am Krankenhause zu Bingen, Herr Dr. Isaak Ebertsheim, hochgeachtet und geehrt von seinen Mitbürgern, feierte am 14. d. M. im Alter von 72 . Jahren den Tag, an welchem er vor fünfzig Jahren von der Universität Gießen zum Doktor der Medizin promovirt wurde. — Herr vr. rneä. Leon Oppenheimer in Würzburg ist zum Hofrath ernannt worden. — Die bayerischen Rabbiner haben anläßlich des 70. Geburtstages des Prinz-Regenten Luitpold eine gemeinsame Glückwunschadresse an den hohen Herrn gerichtet. Verfasserderselben ist Herr Dr. Perles- München. — Die israelitische Waisenstiftung in München giebt ihren Jahresbericht für das Jahr 1890 heraus. Derselbe spricht auf sechs Seiten von den Einnahmen, dagegen nur in zwei Zeilen von den Ausgaben der Stiftung, läßt also über die Thätigkeit derselben keinen rechten Ueberblick gewinnen. — Die Wien er Gemäldeausstellung, welche vorige Woche im Künstlerhause eröffnet wurde, enthält im Pavillon IV ausschließlich Bilder des ausgezeichneten holländischen Malers Josef Israels. — Die Nachricht, daß Herr- Rabbiner Dr. I. Caro aus Pilsen nach Lemberg gehen werde, bestätigt sich nicht. Am 16. d. Mts. trat in der Statthalterei zu Lemberg eine Enquete-Kommission zur Feststellung eines Musterstatuts für die jüdischen Kultusgemeinden in Galizien zusammen. — Einige neue Sterne gehen am Antisemitenhimmel auf. Diesmal ist es ein brauner Pußtasohn auf der einen, ein deutschfresserischer Franzose auf der anderen Seite, die unseren Urgermanen die Bruderhand reichen. Graf Göza Zichy, der neue Intendant der Budapester Oper, mag keinen Juden um sich sehen, und hat daher sowohl den beliebten Heldentenor der Oper David Ney, als auch den Direktor Gustav Mahler plötzlich entlassen; der französische Deputirte L a u r wiederum glaubt überall Juden um sich zu sehen und entläßt daher bei seinen Kammerreden — seine ganze Wuth gegen das verjudete Ministerium. — In Paris ist durch Unvorsichtigkeit in der Synagoge der Chassidim Feuer ausgebrochen. Dem Brande sielen sämmtliche Synagogengeräthe und Thorarollen zum Opfer. — In Kopenhagen schenkte Bankier Martin Heymann der Synagoge 5000 Kronen zur Einrichtung einer elektrischen Beleuchtung für dieselbe. — Ein Kostümfest eigener Art wird im Mai in London stattfinden. Zum Besten des Baues einer Synagoge für Hampstead, eine Vorstadt Londons, wird unter dem Protektorat von Lord nnd Lady Rothschild ein Bazar in großartigem Stil arrangirt. Es soll eine Straße in Alt-Jerusalem dargestellt werden, und die ersten Künstler Londons sind damit beschäftigt, zu diesem Zweck Dekorationen anzufertigen und Zeichnungen für Kostüme zu entwerfen. Die Elite der Londoner Juden nimmt regen Antheil an den Vorbereitungen zu diesem Bazar, und es verspricht daher das Ganze einen glänzenden Verlauf, auch in Bezug auf das pekuniäre Ergebniß, zu nehmen. — Nach der „Nowoje Wremja" ist nun auch dem „Grashdanin" in Petersburg der Verkauf einzelner Nummern verboten. Sehr gut! — Ein in Berlin erscheinendes, angeblich aus „russisch-offiziösen Quellen schöpfendes" Organ hat die Welt mit der Nachricht überrascht, der Korrespondent des „Berliner Tageblatts" in Petersburg, unser Mitarbeiter Herr Dr. Raphael L öwenfeld, sei auf Grund der Judengesetze aus der russischen Hauptstadt ausgewiesen. Diese Meldung ist', wie Herr Dr. Löwenfeld selbst telegraphirt hat, falsch. — Zu Philippopolis ist am 18. Februar in den Räumen der Mädchenschule der Alliance ein Ball zum Nutzen der israelitischen Familien veranstaltet worden, welche unter der ausnahmsweisen Strenge des Winters litten. Man sah dort Notabilitäten der griechischen, armenischen und jüdischen Gemeinde, Beamte der Präfektur, des französischen Konsulats, die Konsuln von Oesterreich-Ungarn und Griechenland rc. Der Ertrag des Balles ist befriedigend gewesen. Der Prinz Ferdinand und die Prinzessin Clementine haben Beide je 100 Frcs. zu diesem wohlthätigen Werk beigetragen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für du Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.