Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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55. Lahrgang. Nr. 13. ßerlin, 27. Mär; 1891 Weitcrge zur „Attgemernen DeiLung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X. Beettu, 22. März. Die heutige, kaum etwas mehr als eine halbe Stunde dauernde Sitzung der Repräsentanten-Versamml u ng bot nicht viel des Interessanten. Abgesehen von einer Petition betreffs Abschaffung der Mikwahgelder beschäftigte sie sich Lediglich mit der Entgegennahme von Verwaltungsberichten und der Decharge - Ertheilung. Bei der Besprechung der genannten Petition führte der Referent Herr Heilmann aus, daß der Vorstand, welcher um Stellungnahme ersucht worden war, sich gegen die Petition entschieden habe; ebenso schlage die Petitionskommission die Abweisung vor, weil sonst der mit der Mikwah verbundene religiöse Charakter bedroht und diese mehr zu einer Volks-oder Armenbadeanstalt herabgedrückt würde. Nachdem auch vom Vorstandstisch aus noch einige Bedenken gegen die Petition ins Treffen geführt worden waren, beschloß die Versammlung rm Sinne der Kommission. — Es folgten nun in der gleichförmigen geschäftsmäßigen Art und Weise die Berichte der verschiedenen Revisoren. Die Decharge ward auch,, trotz mancher Ueberschreitungen des Etats, zu die eine oder die andere Kommission genöthigt war, jedesmal debattelos ertheilt. An die öffentliche Sitzung schloß sich eine geheime an, die mehr als zwei Stunden in Anspruch nahm. * Berlin, 25. März. Der bekannte Genremaler Professor Max Michael, Lehrer an der königlichen Akademie der Künste, ist gestern, entert Tag nach seinem 68. Geburtstage, plötzlich in Folge eines Herzschlages gestorben. Seit 1875 dem Lehrerkollegium der Berliner Akademie angehörend, hat er sich bald einen weiten Äreis von Freunden und Verehrern geschaffen, die seinen jähen Tod tief beklagen werden. In Hamburg geboren, bezog Michael, achtzehnjährig, die Dresdener Akademie und gittg 1846 nach Paris, wo er Schüler von Lehmann und Couture wurde. Im Anfang der fünfziger Jahre begab er sich nach Italien und lebte mit geringen Unterbrechungen bis 1870 in Rom. Er malte fast nur Genrebilder aus dem italienischen Volks- und Klosterleben, vorzugsweise Szenert aus dem Leben der untersten Volksklassen, die er mit ungeschminkter Wahrheit und treffertder Charakteristik schilderte. Zu seinen besten Werken gehören die Mädchenschule im Sabinergebirge, neapolitanische Fischer, eine Bauernfamilie in ärmlicher Behausung, Mönche auf dem Chor und „Pietro da Cortona malt ein Altarbild in einem Kloster". Sein letztes Bild war das 1880 entstandene „Htob mit seinen Freunden disputirend". Michael war aus fromment jüdischen Hause, hatte in feiner Jugend Talmud studirt ttnd bis in sein Alter sich ein lebhaftes Interesse für alle jüdischen Angelegenheitetr bewahrt. Friede seiner Asche! 18 Berlin, 23. März. In der gestrigen Generalversammlung der Gesellschaft Magine-ReNn, welche im Lokale des Brüdervereins stattfand, wurden die ausscheidenden Vorstandsmitglieder. Dr. D. Cassel, B. Croner ttnd Kommerzieurath S. Leviwiedergewählt. Aus dem Bericht sei erwähnt, daß die Zahl der lebenden Mitglieder der Gesellschaft 862, der Hilfsanstalt 763 beträgt. Die Gesellschaft hat im Jahre 1890 eingenommen 19,274.18 M., ausgegeben 17,010.99 M. Das Vermögen derselbert beträgt 149,645.97 M. Die Einnahmen der Hilssanstalt für Wittwen und Waisen beliefen sich auf 7530.50 M., die Ausgaben auf 8308.90 M., der Vermögensstand der Nebenanstall ist 71,750.46 M. O Berlin, 23. März. Die Alterverso rgungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde hat auch im abgelaufenen Jahre eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet, irtdem sich wiederum die Zahl ihrer ver- Pffegten Hospitaliten vermehrt hat. — Von der hochseligen Kaiserin Augusta, welche der Anstalt seit Jahren eine Gönnerin war, sind derselben letztwillig 4000 Mk. vermacht worden, und erhielt das Legat die landesherrliche Genehmigung. — Art Stelle des verstorbenen Herrn Josef Cohn wurde Herr Albert Leviu in den Vorstand gewählt. Durch Gaben zum eisernen Fortds und andere Einnahmen vermehrte sich das Grundvermögen der Anstalt im abgelatlfenert Jahre um 129,150.45 Mk. und betrug das Grundvermögen am Jahresschlüsse 1,803,830.58 Mk. Im abgelaufenen Jahre starben 18 Hospitaliten im Alter von 65 bis 90 Jahren, 2 Hospitaliten schiedet! freiwillig aus der Anstalt, weil ihre Kinder jetzt in der Lage waren, sie zu sich zu nehmen, während eine Hospitalitin ihres körperlichen Zustandes wegen dem Siechenhause überwiesen werden mußte. Das Jahr 1890 begann mit einem Bestände von 153 Hospitaliten, der sich am Schlüsse des Jahres auf 163 erhöhte, und zwar 98 Hospitaliten in der alten und 65 in der neuen Anstalt. Während die Durchschnittszahl der Hospitaliten im Jahre 1889: 145 betrug, war sie im Jahre 1890: 154. Diese 154 Hospitaliten erforderten einen Kostenaufwattd von 82 321,82 Mk. oder 547 Mk. pro Hospitalit. Hierbei kommen 47,169.49 Mk. auf die Beköstigung, oder 72 Pf. pro Kopf und Tag. Beide Anstalten sind jetzt vollständig besetzt und die Möglichkeit ausgeschlossen, neue Aufnahmen ftattfinben zu lassen, während die Meldeliste die Namen von 79 Personen ausweist, welche sehnsüchtig harren, in die Anstalt ausgenommen zu werden. — Diese Thatsachen haben die Gemeindebehörden veranlaßt, den Bauplatz zu dem zweiten Artbau kostenfrei herzugeben, und haben Herr Moritz Manheimer und seine Gattin Frau Bertha Manheimer, geb. Lehweß, in hochherziger Weise' beschlossen, auch ben zweiten Anban an die neue Anstalt zu errichten und diesen Anbau schon im Frühjahr dieses Jahres in Angriff zrt nehmen. (D Berlin, 19. März. Ter Vorstand des „Jüdischen Mä dchenstift s" veröffentlicht seinen ersten Bericht über dieses der hauswirthschastlichen Ausbildung unbemittelter jüdischer Mädchen dienende Institut. Dasselbe, am 21. April v. I. mit zunächst sechs unentgeltlich unterhaltenen Zöglingen in den Miethsrüumen Oranienburgerstr. 73 eröffnet, füllt eine bisher in ben gemeinnützigen und wohlthätigen Bestrebungert innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde gebliebene Lücke zweckmäßig aus und erfreut sich vielseitiger fördernder Theilnahme. Die Summe der Jahresbeiträge ist auf 3669 Mk., der Kapitalfonds auf 12,733 Mk. 13 Ps. angewachsen. 4k Berlin, 24. März, linier der Spitzmarke „Cherchez la juive“ bringen hiesige antisemitische Blätter folgende liebenswürdige Notiz: „Alle Welt hat sich gewundert, wie der Name Gustav Freytags unter den „Jugendschutzverein" gekommen sei. Jetzt klärt sich das auf die natürlichste Weise von der Welt auf. Die jetzige dritte Gemahlin Freitags, Frau Anna Strakosch, die ihm schon seit Jahren freundschaftlich nahe stand und etwa 35—40 Jahre zählt, ist eine Jüdin von Geburt." Hierauf ist Folgendes zu bemerken: Schon vor fünf Jahren, als Freytag noch keine Ahnung von der Existenz seiner jetzigen Gemahlin hatte, sprach er sich dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber mit tiefster Eittrüstung über die antisemitische Hetze aus, die den deutschen Geist schände. Ferner hat er vor drei Jahren zu Pfingsten — auch da kannte er Frau Strakosch noch nicht — an die „Neue Freie Presse" in Wien jenen bekannten Brief geschrieben, in dem er das Treiben der Antisemiten mit den schärfsten Worten verurtheilte. Aber so sind die wackeren Antisemiten! Bisher galt Gustav Freytag als ein Hort deutscher Gesinnung, deutschen Geistes — heute ist er ein Judenknecht! X Seesen a. H., 20. März. Die unter Leitung des Herrn Direktor Dr. E. Philippson stehende Jacobson-Schule hat den Bericht über das Schuljahr 1890 91 veröffentlicht. Die Schule wurde in dem betr. Schuljahr von 231 Zöglingen besucht, die sich über sieben Klassen vertheilten. Der Konfession nach waren 127 Juden ttnd 104 Christen. Von den Schülern sind 152 Zöglinge des Alumnats. Aus den interessanten Mittheilungen, welche die einzelnen Theile des Berichtes enthalten, heben wir hervor, daß seit Beginn des Wintersemesters für die Alumnen Unterricht in der Knabenhandarbeit eingeführt ist. Königsberg 1.Pr., 20. März. Tie arrsgegebeneEinladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Religionsschule unserer Synagogen- Gemeinde ist als Jubelb ericht über das 25jährige Bestehen der Anstalt zu einer „Festschrift" erweitert worden. Der Leiter, Rabbiner Dr. Bamberger, giebt in derselben nicht nur eine Schilderung der Feierlichkeit, die am 17. Januar zu Ehren der Anstalt in unserer Synagoge statt-