Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 er thatsächlich auch auf die weltlichen Angelegenheiten einen mächtigen und bestimmenden Einfluß aus. In kleinen und sogar in sehr großen Streitfällen, und nicht blos zwischen den Juden, sondern auch zwischen Juden und Andersgläubigen, wenden sich die Parteien lieber an die Weisheit und Gerechtigkeit des Großrabbiners, als an die türkischen Gerichte, die ihres Amtes sehr saumselig walten, an die klagenden Parteien sehr bedeutende Geldansprüche stellen und schließlich wegen der Gerechtigkeit ihres Urtheilsspruchs noch stark angezweifelt werden. Die Entscheidung des hohen religiösen Schiedsmannes soll, wie man mir gesagt hat, unbedingt respektirt werden. In Saloniki giebt es noch eine Sekte, die aus den Spaniolen hervorgegangen ist. Die Anhänger werden Dönmeh, Mamini oder Dölmes genannt. Den Bemerkungen, die ich über diese eigenthümlichen Sektirer in den Mittheilungen aus dem Orient von Karl Braun, Julius Grosser u. s. w. gelesen habe, liegen die Angaben des gediegenen Kenners des Orients I. S. von Hahn zu Grunde. Demnach wäre die Sekte im Jahre 1667 von dem gelehrten Rabbi Sabatai Sevi gestiftet worden. In der „Geschichte des Judenthums" von Jost wird der Stifter Schabbathai Zwi geschrieben und keineswegs als ein gelehrter Rabbi, sondern als ein halb verrückter Schwärmer und Fanatiker geschildert, der schon als kleiner Junge von acht Jahren Zeichen einer großen religiösen Ueberspanntheit gab, sich als kaum Heranwachsender Jüngling für den Messias erklärte und 1659 in Saloniki als Messias einzog. Er war damals achtzehn Jahre alt. Er fand unter den Juden des Orients zahlreiche Anhänger. Im Herbst 1662 zählten die Anhänger Zwis über 75,000 Seelen. Die Bewegung, die Zwi angeregt hatte, erschien schließlich auch der türkischen Regierung bedrohlich. Zwi stellte sich dem Sultan Muhamed IV. und antwortete auf die Frage des Sultans, ob er der Messias sei, daß seine Anhänger ihn als solchen erkannt hätten. Darauf sprach der Sultan: „Ich will Dein Messiaswesen prüfen. Es sollen drei vergiftete Pfeile auf Dich abgeschossen werden; wenn sie Dich nicht tobten, halte auch ich Dich für den Messias." Da erbebte Zwi. Der Dolmetsch gab ihni den guten Rath, er möge erklären, daß er die Juden zum Islam bekehren wolle. Und um der Gefahr des Todes zu entgehen, befolgte Zwi die Weisungen des Dolmetsch. Er nahm einem Hofbedienten den Turban ab und setzte ihn sich auf. Damit war der Sultan zufrieden, beschenkte ihn und gab ihm eine angesehene Stellung am Hofe. Biele Anhänger des Zwi traten nun auch, von der Roth gedrängt, zum Islam über; aber dieser Uebertritt war eben ein rein äußerlicher und erzwungener. Die Sekte hat sich durch zwei Jahrhunderte behauptet. Sie hat auch in Deutschland vereinzelte Anhänger gezählt. In Saloniki hat sie bis auf den heutigen Tag eine gewisse Bedeutung beibehalten. Man beziffert die. Zahl der Anhänger des Zwi noch immer auf 4000 Seelen. Aeußerlich bekennen sie sich zum Islam, sie besuchen von Zeit zu Zeit die Moskee, aber man glaubt, daß sie im Geheimen Juden geblieben sind. Natürlich wollen die Juden nichts von ihnen wissen und die Muhamedaner auch nicht. Die Sekte selbst ist noch in zwei Gruppen getheilt, die sich gegenseitig ebenfalls feindlich gegenüberstehen. Die Dölmes heirathen nur unter sich, und zwar innerhalb ihrer eigenen Gruppe. Jnfolgedeffen ist die Raffe körperlich heruntergekommen. Die jetzt noch lebenden Anhänger des Zwi sollen sich indeffen durch besondere Gelehrsamkeit und geistige Tüchtigkeit auszeichnen. Wir waren von alledem, was wir in Saloniki sahen, von diesenr Farbengeflimmer, diesen verwunderlich schönen Erscheinungen wie berauscht. Und dabei dieser herrliche Himmel und diese goldene Sonne, und dieses Leben und Treiben auf der Straße, von dem wir uns, auch wenn wir Süditalien gesehen, doch nichts träumen lassen! Alles, geschieht bei offener Thür und auf der Straße. Da wird gebacken, gebraten, gekocht, gehämmert und geschmiedet. Werkstatt. Laden und Schaufenster, Alles ist vereinigt. Alles ist entweder auf der Straße unter freiem Himmel oder wenigstens bei offener Thür. Und dabei dies Geschrei, dies Ausbieten der Waare! Es ist ein einziges Schauspiel. Alle unsere Nerven werden angespannt, und die Geruchsnerven nicht am wenigsten. Ich kannte den merkwürdigen, süßen, widerwärtigen itnb doch balsamischen Geruch, der in den engen Straßen Salonikis aus den Häusern drang. Ganz ähnlich roch es im Chinesenviertel von San Francisco, wenn auch da der Mohngeruch des Opiums stärker war. Hier war es ein merkwürdiger Mischmasch von peruanischem Balsam und Faulbaumblüthe, Exercierplatz und überfülltem Omnibus im Sommer und besonders von Hammelfett. Aber Alles das waren nur leise Vorgerüche; der richtige Orient sollte mir erst in den engen Straßen von Konstantinopel entgegenduften. Durch den Umstand, daß Saloniki bisher von dem eigentlichen Weltverkehr so gut wie abgeschieden war, erklärt es sich, daß sich diese eigenthümliche Stadt den orientalischen Charakter viel reiner, vollkommener und echter erhalten hat, als die anderen uns ohne besondere Mühe erreichbaren Städte des Ostens. Selbst die alte Türkenstadt in Konstantinopel, Stambul, wirkt viel europäischer als Saloniki; denn auch in Stambul sieht man mehr schwarze Röcke als orientalische Trachten. In Saloniki aber gehört der schwarze Rock noch zu den seltenen Ausnahmen. Die schöne Eigenart, die Saloniki bis zur Stunde sich noch bewahrt hat, wird freilich dem heftigen Ansturm vom Westen und Norden her nicht allzu lange mehr trotzen können. Unsere europäische Kultur besitzt ja leider eine widerwärtige Kraft des Uniformirens. Der neue Schienenweg, der Saloniki in unmittelbaren Zusammenhang mit den Hinterländern bringt, und der die so überaus interessante und sehenswerthe Stadt zu einem leicht erreichbaren Reiseziel für Touristen macht, wird in wirthschaftlicher Beziehung unzweifelhaft dem wichtigen Hafenplatze des Orients die größten Vortheile bringen. Aber dieser Nutzen wird nicht erreicht werden können, ohne dem besonder» Gepräge der Stadt erheblich zu schaden. Ein serbisches Sprichwort sagt: „Von Belgrad bis Saloniki braucht man hundert Brode." Jetzt würde ein genügsamer Mensch allenfalls mit zwei belegten Butterbroden durchkommen. * Litterarische Mitteilungen. ---- „Magyar - Z sid 6 Szemle“ („Ungarisch - jüdische Revue") Herausgegeben von Dr. Ludwig Blau und Dr. Franz Mezey. Mit der Gründung der Rabbinerschule in Budapest hat die ungarische Regierung den sichersten Weg zur Magyarisirung der jüdischen Bewohner des Landes eingeschlagen. Der Staat erfaßte die Bedeutung einer ungarischen Erziehung der israelitischen Seelsorger und hat auch thatsächlich sein Ziel erreicht. Doch muß anerkannt werden, daß die Regierung auch'dem wissenschaftlichen Ziele Rechnung trug. Durch Heranziehung der besten einheimischen Kräfte für die sogenannte untere Abtheilung, das Gymnasium, und Berufung von zwei vielversprechenden jungen Gelehrten des Breslauer Seminars ward diese mustergültige Rabbinerschule gegründet. — Daß eine solch' emporstrebende Anstalt ein beiden Zwecken entsprechendes Organ gründet, ist selbstredend. So entstand die „Ungarisch - jüdische Revue" unter Redaktion der Professoren Dr. Bacher und Dr. Bändczi. Die Monatsschrift sollte in erster Reihe die jüdische Wissenschaft der ungarischen Litteratur einverleiben, sodann zur Magyarisirung der jüdischen Gesellschaft beitragen. Beides hat sie vollständig erreicht, ganz besonders das zweite Ziel. Eilt Zweig der Wissenschaften kann jedoch nur dort voll erblühen, wo reges wissenschaftliches Leben im Allgemeinen herrscht, es war und ist die große uilgarisch-jüdische Litteratur eine Utopie. Unser