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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-27 · Heft 13 (27.3.1891) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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154 traut und durften eine höhere gesellige Achtbarkeit und gewisse. Vornehmheit in Anspruch nehmen. „Sie waren überaus betriebsam und hielten sich fern von Wucher und Trödel und jedem nieder» Kram, so daß sie mit den unteren Volksklassen wenig in Berührung kamen. Ihre äußere Haltung war diesem Sinne gemäß, ihre bloße Erscheinung gab zu erkennen, daß sie nicht in Abgeschiedenheit erzogen waren." Die Spaniolen in Saloniki haben bis auf den heutigen Tag sich die Eigenart ihrer Abkunft bewahrt. Sie sprechen und schreiben die Sprache ihrer Heimath, ein veraltetes, mit hebräischen Bestandtheilen versetztes Spanisch, das von den Spaniern unserer Tage ohüe besondere Schwierigkeit verstanden wird. Ihr Aeußeres macht im Allgemeinen einen sehr guten Eindruck. Sie sind fleißig und arbeitsam und scheuen auch die°schwersten körperlichen Anstrengungen nicht. Der Apostel Paulus schrieb einst an die Bewohner von Saloniki, an die Thesialonicher: „So Jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen." Die Spaniolen scheinen diese Mahnung an die christliche Gemeinde zu beherzigen,' obwohl sie die Sache eigentlich gar nichts angeht. Sie sind die Lastträger, die Hafenarbeiter, die Kahnführer. Man findet unter ihnen Männer von herkulischer Körperkraft. Sie sind mit einem Wort die Handarbeiter und Handwerker, während die Griechen nur die leichteren Geschäfte betreiben, die Bulgaren hauptsächlich die Feldarbeiten besorgen, die Albanesen vorzugsweise als Galadiener den Reichthum des Hauses, in dem sie angestellt sind, repräsentiren und die Türken auch hier, wie überall, so viel wie möglich faulenzen. Die Spaniolen gelten als absolut zuverlässig, treu und redlich. Zu großen Reichthümern haben es nur einige Wenige gebracht, die Großhändler und Bankiers Ällatini und Modiano vor Allen. Auch die Zahl derer, die sich eines relativen Wohlstandes erfreuen, ist eine ziemlich kleine; die Meisten leben in großer Dürftigkeit. Daß die Juden in Saloniki trotz ihrer Verstandeskräste, die gewiß nicht geringer sind als die ihrer Stammesgenossen in anderen Ländern, trotz ihrer.körperlichen Ueberlegenheit, trotz ihrer unermüdlichen Thätigkeit und Tüchtigkeit, im Allgemeinen ein recht kümmerliches Leben fristen, wird verschiedenen Umständen zugeschrieben; vor Allem der türkischen Mißregierung, der bisherigen Absperrung Salonikis von dem eigentlichen Weltverkehr, und dann auch dem überreichen Kindersegen der jüdischen Ehen. Aber wenn es ihnen auch nicht allzu gut ergeht, sie machen doch im Gegensatz zu den schläfrigen und immer gelangweilt aussehenden Türken und zu den zurückhaltenden anderen Völkerstämmen der Balkanhalbinsel einen recht vergnügten und lustigen Eindruck. Mit einer Naivetät in der Zudringlichkeit und Neugier, die sich gar nicht beschreiben läßt, umdrängten sie uns, folgten uns auf Schritt und Tritt, erboten sich zu allerlei Liebesdiensten, die wir nicht begehrten, lachten vergnügt, wenn wir sie von uns wiesen, und nahmen es auch nicht übel, wenn ein mit den Sitten des Landes vertrauterer Glaubensgenosse ihnen einen gehörigen Puff oder eine Ohrfeige gab. Solche körperlich fühlbaren Aeußerungen des Unwillens wurden ohne besondere Erregung gegeben und ohne Erbitterung entgegengenommen. Am possirlichsten waren die jugendlichen Stiefelputzer, die uns straßenlang verfolgten und, sobald wir irgendwo unvorsichtiger Weise den Schritt verlangsamten oder gar stehen blieben, mit ihren Brettchen vor uns niederknieten, um den immer vergeblichen und immer erneuerten Versuch zu machen, die genügend blanken Stiefel doch noch zu putzen. Die Männer sind fast durchweg stattliche Erscheinungen, und - namentlich unter den Kindern und den -Greisen findet man auffallend schöne Gesichter. Noch entzückender sind die kleinen Mädchen mit ihren schwermüthigen, wundervollen Augen, die reizend und scheu unter langen Wimpern aufblicken, — mit tiefbraunen und blauen Augen, blonde, goldige und schwarze Lockenköpfe. Die Mädchen heirathen sehr früh und verblühen schnell. In den Jahren, in welchen sich bei uns die Frauenschönheit zur vollsten Blüthe entfaltet, sind die Schönheiten unter den Jüdinnen in Saloniki sehr spärlich. Aber ich habe doch einige auffallende Ausnahmen gesehen: junge Frauen mit herrlichen, ausdrucksvollen Augen, edelgeschnittenen Nasen, frischen Lippen und von jener zauberhaften, in der That nur den: Orient eigenen topasartigen mattgelben Hautfarbe, ohne die wir uns eine Schöne des Morgenlandes gar nicht vorstellen können. In« Gegensatz zu meinem Freunde Ludwig Pietsch, mit dem ich den unvergeßlichen Psingsttag in Saloniki verbrachte, und dem ich in künstlerischen Fragen ganz unbedingt mich unterordne, muß ich doch gestehen, daß mir auch die Tracht der Weiber durchaus nicht mißfallen hat, und daß ich bei der Betrachtung der Jüdinnen von Saloniki nicht, wie Pietsch, den Mangel des europäischen Korsets schmerzlich empfunden habe. Die Frauen wirken etwa wie Gestalten aus der Zeit des Direktoriums, wie die „Merveilleuses“ mit modernem, herzförmigem Ausschnitt. Das Haupthaar ist völlig bedeckt durch einen gewöhnlich mit Stickereien, bisweilen auch mit Edelmetall verzierten Kopfschmuck von schreiend grüner Farbe, der sich dicht an die Kopfform anschließt und über den Stücken ähnlich wie ein großes Crapaud aus der Zopfzeit herabfüllt. Ich will gern zugeben, daß diese Haarverhüllung die weibliche Schönheit nicht hebt, aber auch dieser viel verlästerte Kopfputz macht doch einen gewissen Eindruck, den ich nicht als unschön bezeichnen möchte. Viel reicher ist die Tracht der Männer. Die Männer der ärmeren Schichten, Handwerker, Händler, tragen gewöhnlich die breite, farbige Pluderhose, die bis unterhalb des Knies reicht und von dem breiten farbigen Shawl, der um die Hüften geschlungen, gehalten wird, über dem Hemd die kurze Jacke, Alles in bunten Farben, und auf dem Kopf entweder das Fez oder ein mehr oder minder künstlich geschlungenes buntes Kopftuch. Bei den vornehmeren und begüterteren Spaniolen, die die Tracht ihrer Väter noch nicht abgelegt haben, fällt die Pluderhose weg. Sie tragen ein langes Kleid, das bis auf die Knöchel reicht und aus grellfarbigem, bisweilen gestreiftem Seidenstoff gefertigt ist. Man sieht diese Männerkleider in allen möglichen Farben: in leuchtendem Goldgelb und weichem Himmelblau, auch in tiefem Scharlachroth. Auch dieses Kleid wird um die Hüfte von einen: buntfarbigen breiten Shawl gegürtet. Ueber diesem Unterkleide tragen sie eine Jacke mit ziemlich breiten Aermeln, die nicht geschloffen ist, ebenfalls aus farbiger Seide, aber immer in einer andern Farbe, als das seidene Untergewand, und über dieser Kleidung den offenen Kaftan, ebenfalls in buntfarbiger Seide und mit Pelz besetzt. Dieser Ueberwurf wird auch von den Aermeren viel getragen, und an der Qualität des Pelzes erkennt der Kundige auf den ersten Blick den ungefähren Vermögensstand des Besitzers. Der Fuchs liefert den gewöhnlichen Besatz. Bei den Vornehmeren ist das turbanartige Kopftuch seltener. Sie tragen fast allesammt das Fez. An der Spitze der jüdischen Gemeinde in Saloniki steht der Großrabbiner, der mit sehr weitgehenden Machtbefugnissen ausgestattet ist und unter allen Bekennern des mosaischen Glaubens im Orient das höchste Ansehen genießt. In Konstantinopel und neuerdings, soviel ich weiß, in Sofia giebt es zwar auch Großrabbiner, die ideell an Macht und Würden dem von Saloniki gleichgestellt sind, in Wahrheit nimmt jedoch der jüdische Papst von Saloniki den hervorragendsten Rang ein. Wenn er von Rechts wegen eigentlich nur auf religiösem Gebiete der oberste Leiter und Ordner sein soll, so übt

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