Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Was jetzt beginnen? Mechanisch fuhr er mit beiden Händen sich in die Taschen; aber schon nahet wie das Verhängniß der Führer der einen Partei heran, und schon fühlte er die Hand desselben auf seiner Schulter. „Also, Sie gehen jetzt wählen?" fragte er. „Ja, wählen ..." tremulirte der Arme und immerfort ruderte die Hand in der Tasche herum. „Doch sicher meinen Kandidaten?" „Sicher . . . sicher," zitterte der Arme, während er fort und fort mit der Hand in der Tasche herumwühlte. „Da sollten Sie mir aber auch Ihren Wahlzettel zeigen, Freundchen," lächelte der Anführer. „Den Zettel ... den Zettel ... ja bald, bald;" und auf gut Glück machte er einen energischen Griff in eine seiner Taschen; aber in dieser befanden sich nicht blos jene Zettel, denn sie bildeten vielmehr die Gräber verschiedener Alterthümer, die seit alten Zeiten in stiller Vergeffenheit dort dahinmoderten. Und so kamen bei den verschiedenen Ausgrabungen/die er dort vornahm, die verschollensten Dinge auf die Oberwelt. Vorerst erschien die Hand mit dem Knochenstück einer gottseligen Novelle, die seit vielen Jahren dort begraben war und sich bereits in einzelne Atome, auflöste; dann kamen Ueberreste eines einst gewesenen Zeitungsblattes, dann störte er aus der heiligen Ruhe ein Gedicht auf, das in dem ersten Stadium der Verwesung sich befand, dann verschiedene Notizen und noch viele andere vorsündflnthliche Dinge. Jedesmal, so oft die Hand mit einem neuen. Ausgrabungsstück auf die Oberfläche tauchte, machte sich das Zittern um so mehr bemerkbar, von welchem dieselbe ergriffen war. Da ließ Gott ihm zur rechten Zeit Hilfe und Rettung erstehen. Von der Ferne nämlich bemerkte der Führer der zweiten Partei, wie ihn der der ersten für sich zu gewinnen suchte, und um das rechtzeitig zu verhindern, eilte auch er auf ihn zu. Bei seinem Erscheinen fühlte sich Trachtenberg wie von einem Alpdruck befreit und trug den Kadaver irgend eines Schriftstückes, den er noch in der Hand hielt, wieder in die selige Ruhe zurück. Da keiner der Anführer das Feld dem zweiten überlaffen wollte, so führten sie Beide wie unter Eskorte den armen Trachtenberg bis an die Thür des Wahllokals. Hier mußte er sich noch zum Abschiede von einem Jeden einen tüchtigen Puff gefallen lassen, der ihn daran mahnen sollte, ja keinen anderen Kandidaten zu wählen und sein Versprechen zu halten. Damit aber nahmen auch seine Leiden ein Ende, denn nach dieser letzten Ermahnung überließen sie ihn seinem Schicksal. Enthoben der scharfen Kontrole beider Parteigänger, gewann Trachtenberg nun Zeit, beide Wahllisten herauszusuchen, und damit er weder gegen die eine noch gegen die andere Partei verstoße, wattirte er die eine Wahlliste mit der zweiten und warf sie so in die Wahlurne hinein. Bis in die späte Nacht hinein ging es heiß und stürmisch beim Wahlkampf zu. Die Agitatoren liefen wie besessen in den Gaffen umher. Die Dienstmänner verschwanden beinahe ganz unter einem Berg von Kandidatenlisten, den sie mit sich herumtrugen. Jede paar Minuten brachte ein Wagen eine Ladung Wähler, die man in den entlegensten Winkeln der Stadt um gutes Geld aufgelesen hatte. Gegen Mitternacht erst ließ sich aus dem Gemeindehause ein helles Jauchzen vernehmen. Das Skrutinium entschied den Sieg für die eine Partei. Ach, wie viel gebrochene Herzen! Wie viel getäuschte Hoffnungen: Herr Ehrdurst krümmte sich zu Hause unter rasenden Schmerzen, die ihm sein unbeftiedigter Drang verursachte, und Herr Schreivogel tvieder knirschte mit den Zähnen und zerwühlte sich den rothen Bart. Unterdessen vergaßen die Sieger in ihrem Freudenrausch auch nicht der an die Lehrer. : „Diese Schulmeister," sagte nämlich ihr Parteiführer; „haben ems nicht schlecht betrogen, aber wir haben auch ohne ihre Hilfe den Sieg erfochten. Ich habe es aber bald durchschaut, daß sie sich mit unseren Feinden zusammengethan haben. Uni so besser! Jetzt sollen sie aber unsere Hand fühlen, diese Schulmeister, die unser Brod effen!" In einem anderen Hause wieder saßen fünf bis sechs Männer, die Spitzen der besiegten Partei, die in stiller Trauer ihren Durchfall beweinten; aber auch sie vergaßen in ihrem tiefen Schmerze nicht der Lehrer. „Hat uns dieses Lehrergesindel betrogen!" knirschte einer von ihnen. „Ich hatte bald die Ahnung, daß sie uns hintergehen; sie sollen unfern Zorn aber noch einmal fühlen, wenn wir wieder ans Ruder gelangen!" U Me Leute von Saloniki.) Von Paul Lindau. Die Angaben über die Einwohnerzahl von Saloniki schwanken erheblich. Bei der Unvollkommenheit der türkischen Einrichtungen ist niemals eine genaue oder auch nur ungefähr genaue Volkszählung vorgenommen worden. Mitte der siebziger Jahre wurde die Zahl der Bevölkerung auf etwa 100,000 angenommen. Das war wahrscheinlich zu wenig. Jetzt schätzt man die Einwohner von Saloniki auf 130,000 bis 140,000 Seelen. Von diesen rechnet man nur etwa 20,000 auf die Türken und ungefähr ebensoviel auf die Bulgaren und die anderen Balkanvölker. Dazu kommen »och etwa 10,000 europäische Christen, und alle Anderen, also zwischen 80,000 bis 90,000, sind Juden. Die Juden sind hier also in einer alle anderen Konfessionen zusammengenommen überwiegenden Mehrheit. Saloniki ist wohl die ansehnlichste Judenstadt der Welt und jedenfalls die jüdische Hauptstadt des Ostens. Ein gelehrter Kenner des Orients wollte die Stadt deshalb auch Samäria genannt wissen. Schon in frühen Zeiten bestand in Saloniki, dem alten Theffaloniki, eine ansehnliche jüdische Gemeinde. Diese erhielt zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts durch die grausame Austreibung der Juden aus der Pyrenäenhalbinsel einen gewaltigen Zuwachs. Von den 300,000 Juden, die aus Spanien vertrieben wurden, wälzte sich ein großer Theil auf die europäische Türkei, wo sie die gastfreundlichste Aufnahme fanden, und das schön gelegene Saloniki bildete einen Knotenpunkt ihrer Ansiedelung im Osten. Die schon ansässige Judengemeinde ging allmählich in die Zuzügler aus dem Westen vollständig auf, nahm deren Sprache und Gebräuche an, und die jüdische Gemeinschaft in Saloniki ist seit Jahrhunderten eine einheitlich iberische. Die „Sefardim" (Sefard bedeutet soviel wie: Pyrenäische Halbinsel) oder Spaniolen, wie wir sagen, hatten in ihrer alten spanischen und portugiesischen Heimath hervorragende Stellungen eingenommen. I. M. Jost erzählt in seiner „Geschichte des Judenthums und seiner Sekten", Leipzig 1859, daß diese Sefardim meist Abkömmlinge und sogar Häupter reicher und angesehener Familien waren, theils Kaufleute, welche Seehandel trieben, theils Staatsmänner von umfassenden Kenntniffen und geschäftlicher Umsicht, theils Aerzte, theils Gelehrte von Ruf, welche an Hochschulen Lehrstühle bekleideten. Sie sprachen allesammt die spanische und die portugiesische Sprache, wie sie auf der Stufe der höheren Lebenskreise durchgebildet war, waren mit dem Schriftthum der Halbinsel ver- >1 Von den Schilderungen, welche Lindau aus dem Orient, den er vor Jahresfrist bereiste, entworfen hat, dürfte die obige für unsere Leser gewiß von besonderem Interesse sein. Die Red.