Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 was hätten sie nicht darum gegeben, wenn sie es nicht wären, wenn sie ihrem Stimmrecht sich entziehen könnten — doch was half ihnen alles Sträuben? Die Parole lautet: „Wer nicht für uns ist, ift gegen uns! . . Als der Wahltag endlich da war, da konnten die armen Lehrer mit Recht von sich sagen, sie seien krank. Eduard Trachtenberg, der in so grausamer Weise aus seiner stillen Gedankenwelt herausgerissen wurde, vermochte an jenem Tage vor lauter Aufregung nicht aus dem Bette zu steigen. ... Aber die zukünftigen Vorsteher, von denen die Stadt heute wimmelte, gönnten einem nicht einmal das unschuldige Vergnügen, für eigenen Gebrauch ein bischen krank zu sein. Schon früh morgens klopfte es bei ihm an die Thür — natürlich ein Kandidat, denn wer ist es heute nicht? In der That stand bald vor ihm der in der Stadt bekannte ewige Kandidat, der seit fünfundzwanzig Jahren unverdrossen fortkandidatirt, trotzdem daß jede Neuwahl ihm einen neuen Durchfall bringt. Sein Gesicht verrieth einen schmachtenden Ehrgeiz, von dem breiten Munde angefangen bis zu der in Schweiß gebadeten Nase, die in seinem runden Zifferblattsgesicht sich wie ein großer Zeiger ausnahm, der auf halb blöde zeigte. Trachtenberg suchte bei seinem Anblick sich aus den Federn zu machen. „Aber bleiben Sie nur, mein lieber Herr," schmachtete der Kandidat. „Wenn es nur auch die beiden Parteiführer erlauben wollten," dachte wehnmthsvoll der arme Trachtenberg. Der Kandidat räusperte sich unterdessen und begann: „Ich bin gekommen, Sic zu bitten —" , „Um meine Stimme," beeilte sich Trachtenberg zu ergänzen. „Und woher wissen Sie es, mein lieber Herr?" fragte derKavdidat verwundert. „Weil kein Opernsänger der Welt," erwiederte Trachtenberg in einem Anfall von Galgenhumor, „noch je eine so vielumworbene Stimme gehabt hat, wie ich heute; die man von allen Seiten zu engagiren sucht." . „Ja. um Ihre Stimme," gab der ehrbedürftige Mann zu; „denn sehen Sie, es giebt Menschen, die seltene Leidenschaften haben, so zum Beispiel habe ich eine große, mächtige Leidenschaft, Wohfthaten zu üben." Trachtenberg hatte gute Lust, ihn sofort darum zu bitten, dqß er ihm die Wohlthat erweise und mit seinen Dummheiten nicht zur Last falle, aber dieser Herr Ehrendurst war weit davon entfernt, ihm eine solche Wohlthat zu erweisen. „Ja," fuhr er mit Extase fort, „die Wohlthätigkeit ist inir zum zweiten Bedürfniß geworden; ich fühle in mir einen Drang, einen Drang..." Er krümmte sich dabei so erbärmlich, daß Trachtenberg mit ihm Mitleid empfand. „Und was kann ich dazu thun, um Ihrem Drange abzuhelfen?" fragte er theilnahmsvoll. „Mir Ihre Stimme zu geben," flehte dieser mit dem ganzen Nachdruck einer unbeftiedigten Leidenschaft. „Als Gemcinderath werde ich Mittel haben, Wohlthaten zu üben. Ich schwör's Ihnen bei meiner Seligkeit!" Ergriffen von der großen Ehrbedürstigkeit dieses Mannes, versicherte ihm Trachtenberg, sein Möglichstes dazu beizutragen, um ihm schleunige Abhilfe zu verschaffen. Mit Hoffnung im Herzen und einem süßlichen Lächeln auf den Lippen verließ der ewige Kandidat das Haus, lim seine Wanderung fortzusetzen. Kaum, daß er das Zimmer verlassen, brauste eine breite Stimme hinein: „Guten Morgen, Bruder!" und ein blutrother Bart mit der rundlichen Füllung eines wohlgenährten Bauches zeigte sich in dem Rahmen der Thür. „Mit Dir, Bruder, brauche ich nicht viel zu sprechen," herrschte er ihn an; „denn Du weißt, daß ich meinen Freunden erkenntlich bin, und daß ich —" Er ergänzte nicht, aber Bart und Augen sagten das Uebrige. „Also, Freund, bin ich Deiner Stimme sicher?" schloß er. „Natürlich!" „Nun, wir wollen sehen!" Und mit diesem Rufe, in dem eine versteckte Drohung nicht zu verkennen war, verließ er das Zimmer. Jetzt brachte der Briefträger ganze Stöße von Lokalbriefen, ausgesendet von den verschiedenen Comitv's. Trachtenberg übernahm von ihm die verschiedenen Briefe. Aber auch der Briefträger hatte eine Angelegenheit, er verweilte zögernd an der Thür. „Ich hätte eine Bitte an Sie," brachte er zögernd hervor. „Was?" fuhr Trachtenberg auf, „Sie kandidiren auch?" „Was fällt Ihnen ein?" wehrte dieser den Verdacht ab. „Ich zahle ja keine Steuer." So ist es ja natürlich, daß, wenn Sie nicht Kandidat sein können, so sind Sie Agitator." „Auch das nicht, ich bin ja k. k. Postbriefträger — aber ich möchte Sie nur bitten, daß Sie den Herrn N. wählen, er ist mein Verwandter, und wird auch ein sehr guter Kultusvorsteher werden." „Hm!" machte Trachtenberg, „jetzt verstehe ich schon." „Nun, werden Sie ihn wählen?" Trachtenberg hat schon so viele Versprechungen heute gemacht, auf eine mehr kommt es ihm nicht an;, er versprach daher auch dies, und der k. k. Nichtagitator verließ befriedigt seine Wohnung. Und nun kam das Allerärgste, ein Eilbote von dem Anführer der einen Partei mit dem dringenden Aufträge, so schnell als möglich zur Wahlurne zu kommen, und unmittelbar darauf ein Eilbote vom Anführer der zweiten Partei mit demselben stürmischen Verlangen. Keine Rettung mehr, der Arme überließ sich seinem Schicksal und machte sich auf den Weg. Schließlich, vertröstete er sich, sind doch die Abstimmungen geheim, und wer wird dahinter kommen, für wen ich gestimmt habe? Aber es ist auch nicht unmöglich, überlegte er wieder bald darauf, daß einer oder der andere Anführer dieser beiden Parteien von ihm verlangen würden, daß er ihnen vorher die Kandidatenliste zeige, für die er stimmen werde, und wie hilft man sich in diesem Falle? Aber die Noth macht erfinderisch. Er steckte die Liste der einen Partei in die eine Tasche und die der anderen in die zweite; jetzt sollten sie nur kommen und ihn fragen, er werde ihnen schon was vormachen. In solchen Nöthen muß man zu den verschiedenen Listen auch seine eigene List mithaben. So gefeit gegen alle bösen Geister nahm er seinen Weg in das Gemeindehaus. Die ganze Gaffe war mit lauter Kandidaten gefüllt, die von allen Seiten ihn bestürmten, ja für sie die Stimme abzugeben, so daß der Arme das Gefühl hatte, als laufe er Spießruthen. Doch diese machten ihm weniger Sorgen, weil es beinahe sicher war, daß keiner von ihnen gewählt wird, indem jeder einzelne wohl seinen Namen auf die Liste schrieb, doch in Bezug auf die andern Kandidaten schloß sich jeder einzelne einer der beiden Hauptströmungen an. Da sah Trachtenberg von der Ferne den Anführer einer Partei sich entgegenkommen, was ihn plötzlich erblassen machte. Es fiel ihm nämlich erst jetzt ein, daß er bei aller Vorsicht gerade das Wichtigste vergessen habe, sich nämlich genau zu merken, in welcher Tasche jeder Zettel sich befinde. Dem Armen war es auf einmal heiß und kalt.