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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-27 · Heft 13 (27.3.1891) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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mmm 151 Musikalische Traditionen bei Vorlesung der „Megilla". Von Ed. Birnbaum. (Fortsetzung.) Wie alle religiösen Handlungen, zu welchen die „Lesung" des Schema, des Halle!, der Thora und Haphtara als besondere Pflichtgebote gezählt werden, wird auch die Megilla mit Segenssprüchen eingeleitet, aber schon bei diesen flogen wir auf eine bezeichnende Abweichung, die auf das Agens der „musikalischen Tradition" in dem angedeuteten Sinne hinweist. Während bei den die Vorlesung der Thora und Haphtara begleitenden Segenssprüchen Bezug genommen wird auf den betreffenden Tonfall der diakritischen Zeichen (N12'l!2), indem man sie so rezitirt, als wären auch sie mit Accenten belegt, sind bei den einleitenden Segenssprüchen der Megilla Melodien gebräuchlich, die einerseits an das „Schophar" und andererseits an die „Einsegnung des Neumonds" erinnern. Wie wunderlich diese Zusammenstellung sich auch ausnehmen mag, so muß sie doch als tonsymbolische Hinweisung auf jene beiden religiösen Handlungen verstanden werden. Die Erklärung ist einfach. Im rabbinischen Schriftthum werden „Schophar" und „Megilla" als gleichwerthige Gebote aufgefaßt und haben, besonders in Hinsicht auf die Verpflichtung des weiblichen Geschlechts — so z. B. als ]öTiTt& nilittt — gewisse Berührungspunkte. Mit der Streifung der Melodie, welche sonst nur noch vor dem Ertönen des Schophars gebräuchlich ift1) und hier in charakteristischer Weise in Verbindung gebracht wird mit der Melodie zur „Einsegnung des Neumonds", weil hier wie in jenem Gebete die TextworteiUVYDK* *? D’DJ Vorkommen, soll nun auf die gleiche Wichtigkeit der vorzunehmenden Handlung hingewiesen und die gleiche andächtige Stimmung herbeigeführt werden"). Die rein musikalische Seite der Megilla-Accente kann hier nicht umgangen werden, und so sei gesagt, daß sie sich in der dorischen Tonart bewegen. Das Dorische, nach den mittelalterlichen Musikforschern der wichtigste und beliebteste Kirchenton, ist in der'Synagoge sehr heimisch, weil es schnell und vielseitig modulirt, und gerade bei der Megilla erscheint dieser zum Ausdruck hehrer Feier und würdiger Freude besonders geeignete „authentische Kirchenton" vorzüglich angebracht?) Die Art der Modulation vollzieht sich hier so, daß das Dorische gleich nach seiner Einführung schnell nach dem Lydischen ausweicht, die lydische Phrase wiederum ihrer Unterquart C (der charakteristischen Untersekunde des authentisch Dorischen) zustrebt, um auf dem Rückwege, mit nochmaliger Berührung des Lydischen und Dorischen, in O-äolisch zu schließen. Es läßt sich die Regel aufstellen, daß in der Megilla jeder Vordersatz mit seinem Ruheton (Athnach) dorisch, jeder Nachsatz aber 6-äolisch oder -mixolydisch schließt. Letzteres z. B. bei den Schlüssen des II., IV., V., VI. und X. Kapitels, die sonst durch nichts markirt wären. Bei tonisch hervortretenden ') Das musikalische Motiv g— ec—g, a—fd—a ist auch als solches charakteristisch. *) In alten Gemeinden wird noch durch den Synagogendiener mit den Worten „nS"1 HpTUi?'1 besondere Ruhe geboten. *) Vgl. Haberl, Magister elloralis, 6. Aust. S. 53. Die viel ventilirte Frage, ob die mittelalterlichen Juden ihre Gesänge in den bekannten Kirchentönen gesungen haben, ist mit Ja zu beantworten. Die Juden haben in allen Ländern und zu allen Zeiten die Musik ihrer Umgebung auf sich einwirken lassen. Und da man ini Mittelalter nur die Kirchentöne oder Tonarten kannte, bewegen sich auch alle mittelalterlichen Synagogengesänge — die Accente mit inbegriffen — in jenen Tönen. Aus den Synagogenmelodien heute ein synagogales Tonsystem zu konstruiren, erachte ich darum für ziemlich überflüssig. Versen, wie I, 22; II, 4 und 17, wendet sich die Ausweichung nach dem äolischen 6, wo sie nun verbleibt, bis sie nach 6-ionisch geführt wird und so den tonisch hervortretenden Vers beschließt. Unter schneller Berührung des Terzganges a c wird die starke, eigentlich zu (1-äolisch gehörende Modulation nach U-ionisch wieder aufgehoben, so daß man wieder im dorischen Tongeschlecht heimisch ist. Die mit dem Beginn der Vorlesung in Betracht kommenden „musikalischen Traditionen", auf welche nun eingcgangen werden soll, lassen sich am besten eintheilen in solche, die 1. das laute Einfallen der Gemeinde gesanglich eiuleiten, wobei von den gewöhnlichen Accenten abgewichen wird, wie bei II, 4; 2. an die babylonische Gefangenschaft erinnern, wie II, 6: 3. nach kabbalistischer Art und Auffassung den im ganzen Buche Esther vermißten Gottesnamen anzudeuten haben, wie in V, 4; 4. auf Grund der gleichlautenden Textworte an andere liturgische Melodien anknüpfen, wie in VII, 3. Der Uebersichtlichkeit wegen sollen hier die „musikalischen Traditionen" nach Ordnung der Kapitel und Verse zusammengestellt und begründet werden;' vorerst wäre aber noch der Brauch des lauten Einfallens der Gemeinde historisch zu beleuchten. Vier Stellen sind es, bei denen die Gemeinde den Vorleser unterbricht, indem sie die betreffenden Verse (II, 5. VIII, 15, VI ll, 16 X, 3) laut hersagt'). Ist dieser Brauch historisch gerechtfertigt? Sind diese Verse — in den Ritualwerken nbli« bv D’pIDS, „Verse der.Erlösung" benannt — zu allen Zeiten von der Gemeinde übernommen worden? Die liturgische Seite der Frage ist weitgehender, als es äußerlich den Anschein hat, und dies mag die scheinbare Abschweifung rechtfertigen. (Schluß folgt.) FEUILLETON Me Gerneindewahlen in Grosichelm. Ein Kulturbild aus Galizien. Von Nathan Samnely. (Schluß.) Inzwischen rückte der Wahltag immer näher heran. In den Gassen wird es immer lebendiger; in immer größerer Menge tummeln sich die Agitatoren auf den Straßen. Von den Mauern schreien sich die Plakate beinahe heiser mit ihren grellen Lettern: „Wähler! Wähler!" Die buntesten Bilder entfalten sich überall: hier bewegt sich ein in zwei Riesentafeln eingepackter Dienstmann, der langsam dahinschreitet, während die beiden auf ihm vorn und hinten baumelnden Tafeln mit ihren Inschriften laut in die Welt hinausschreien: „Wähler! Wähler!" Dort wieder zeigt sich Einer hoch zu Roß, der eine Fahne trägt, die in dem Winde weht und sich blähet mit der Inschrift, die wieder nicht anders lautet, als: „Wähler! Wähler!" Jndeß produzirten sich die früheren Vorsteher in der Synagoge, wo sie, wie die Gladiatoren in dem alten Rom, zur Belustigung des großen Publikums sich gegenseitig zerfleischten, und da lautete der Feldschrei wieder nicht anders, als: „Wähler! Meine Herren Wähler!" Wähler und Wähler — gab es denn überhaupt noch Wähler in der Stadt? Es gab nur Kandidaten, und zwar in solcher Menge, daß es einem schwindlig wurde. Die einzigen Wühler waren nur noch die Lehrer und die andern Gemeindebeamten, und auch sie, 3 Die fünfte Stelle — die Nennung der zehn Söhne Hamans in IX, 6—10 — kommt hier weniger in Betracht und soll später an ihrem Platze besonders behandelt werden.

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