Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sagen läßt: „Was ist denn der Unterschied zwischen uns? Was mein Vater war, das war Ihr Großvater." Was aber die vornehme Gesinnung betrifft, so wurde und wird diese allerdings in einer großen Zahl jüdischer Familien gepflegt, denen zumeist die Rabbiner entstammen. Es sind das die Familien, die sich ihres „Jichus" rühmen und mit Stolz auf ihre Väter und Vorväter zurückblicken, die sich als Rabbiner und Lehrer, als Gemeindevorsteher, wie als solche von frommen Vereinen, oder einfach durch standhafte Frömmigkeit und opfervolle Eürenhaftigkeit in ihrem Kreise einen „guten Namen" erworben haben. Unbekannt sind solche Familien Herrn Dr. Minden gewiß nicht. Er hat vor Kurzem eine sehr hübsche Schilderung eines Festabends des Vereins zur Unterstützung jüdischer Studirender in Berlin geliefert. Dieselbe erinnerte an einen ähnlichen Bericht Berthold Auerbachs in seinen Briefen, der dabei erzählt, unter den den verschiedensten Berufsarten angehörigen und zum Theil hochbcrühmtcn Gästen Hütten sich etwa zwanzig frühere Rabbiriatskandidaten, wie er selbst einer war, befunden. Diese hat Neigung und Verhältniffe in eine andere Lebensrichtung geführt; diejenigen, welche die von Anfang an betretene fortgesetzt haben, haben es nur in selteneren Fällen aus Mangel an weiterem Blick und intensiveren geistigen Streben gethan. Zeuge dessen sind die zahlreichen litterarischen Leistungen der zeitgenössischen Rabbiner in Zeitschriften und besonderen Büchern, und zwar nicht nur auf dem talmudischen, homiletischen und eigentlich religiösen Gebiete, sondern auch auf demjenigen der Geschichte, der Sprachforschung, der Religionsphilosophie. Und wenn diese Leistungen vielleicht auf der litterarischen Börse nur geringen Kurs haben, weil sie von Juden herrühren und jüdische Dinge behandeln, so sei wenigstens darauf hingewiesen, mit welch' enthusiastischen Worten zwei nichtjüdische und nicht gerade judenfreundliche Autoritäten, Gerhard v. Amyntor und Eduard v. Hartmann, das vor zwei Jahren erschienene philosophische Werk „Weltgedanken und Gedankenwelt" gefeiert haben, dessen Verfaffer ein seit dreißig Jahren im Amte stehender Rabbiner, Rülf in Memel, ist, der mit einer rührenden Selbstlosigkeit und Hingabe für die russischen Juden arbeitet, dabei in einem abgelegenen Ort und weiterer Anregung entbehrend das genannte zweibändige philosophische Werk schrieb, und der erst vor Kurzem in diesen Blättern in einem interessanten Artikel über die hessischen Juden ein feines Verständniß für Zustände und Menschen bekundet hat. Die Verfasser solcher Werke sind allerdings auch unter den Rabbinern keine alltägliche Erscheinung, wohl aber findet sich unter diesen vielleicht eine größere Zahl verständnißvoller Leser von Schriften allgemeineren Inhalts, als in irgend einem anderen Berufe. Es ist das nur natürlich. Diejenigen, die seit den ersten Dezennien unseres Jahrhunderts dem rabbinischen Beruf sich widmen, leben nicht in abgeschlossenen Kreisen, besuchen Gymnasien und Universitäten, studiren hier neben den rabbinischen Fächern, über deren Werth hier weiter I kein Wort verloren sein inag, die orientalischen oder klassischen 1 Sprachen, Geschichte und Philosophie, und setzen diese Studien auch j später fort, selbst wenn Zeit und Umstände ihnen nicht gestatten, | produktiv in denselben zu sein. Selten trifft man unter den Rabbinern 3 jenes Banausenthum, jene Beschränkung auf das Brodfach, das in anderen Berufsarten nicht allzu selten ist. Ihnen erscheint es als eine Pflicht ihres Amtes, den Gebildeten ihrer Gemeinde an Verständniß für die wichtigen Fragen des Lebens und der Zeit nicht nachzustehen und über die geistigen Strömungen der Gegenwart, auch die ihnen widerstrebenden, sich eingehend zu unterrichten. Ebenso giebt ihnen Stellung und Amt reichlich Gelegenheit, sich Welt- und Menschenkenntniß zu verschaffen und des anregenden Umgangs gebildeter Kreise sich zu erfreuen, wenn dieser Umgang sich auch mehr auf den Austausch von Gedanken, als auf gemeinsames Esten und Trinken erstreckt. Mt der Beobachtung der Speisegesetze befinden sie sich übrigens in so guter Gesellschaft mit zahlreichen anständigen und gebildeten Menschen, daß sie wahrlich keine Veranlaffung haben, sich deshalb vereinsamt zu fühlen. Man sollte es heute eigentlich nicht nothwendig haben, all dieses erst darzulegen. Und doch scheint es unerläßlich, wenn man die Hoffnungen liest, aus denen Herr Dr. Minden eine Besserung für die Zukunft erwartet. Diese knüpfen sich an eine Bestimmung des Entwurfs eines neuen Volksschulgesetzes für Preußen, die zur Verwaltung der Schulangelegenheiten einer jeden Gemeinde einen Schulrath einsetzt und in diesem neben gebildeten Ortsbürgern, einem Arzt, zwei Schullehrern, auch den Geistlichen, voraussichtlich also auch dem Rabbiner, einen Platz anwcist. In diesem Kollegium tverden die Rabbiner wohl Verträglichkeit, Bildung und Lebensart lernen, vielleicht werde sich auch aus der Berührung eine neue Art des Studiums der jüdischen Theologie entwickeln und die vornehmen jüdischen Familien sich geneigt fühlen, ihre Söhne wiederum der jüdischen Theologie zuzuführen. Der Verfasser fragt erstaunt, ob eine so kühne Bestimmung schon irgendwo sich vorfinde. Aber seine Hoffnungen überwiegen doch seine Befürchtungen, und in edlem Vertrauen verkündigt er voraus, „daß die Rabbiner ihre neue Thätigkeit bald lieb gewinnen und ihre Pflicht, bei der Erziehung der Jugend mitzuwirken, sowohl dem Vaterlande, als der Religion gegenüber, voll und ganz erfüllen werden." Aber was Herr Minden für ein noch unerhörtes Wagniß der preußischen Regierung hält, das ist bei uns in Baden längst Thatsache. In diesem Lande ist seit etwa fünfzehn Jahren überall die Simultanschule eingeführt, und den Ortsschulkommissionen mit derselben Zusammensetzung, die in Preußen geplant ist, gehören auch die Rabbinen an, sowie sie auch Mitglieder der Armcnräthe sind und überhaupt den Geistlichen anderer Konfessionen gleich geachtet werden. Gern stellen wir auf diesen, wie auf andern Gebieten unsere Kräfte und unsere Arbeit in den Dienst der größeren Gemeinschaft und suchen den Anforderungen des bescheidenen Wirkungskreises, der solchen Kommissionen überall zugemeffen ist. nach Möglichkeit gerecht zu werden. Ebenso verkehren wir mit unbefangener Sicherheit im Kreise der Mitglieder dieser Kommissionen, mit denen wir auch in mannigfache sonstige gesellschaftliche Berührung kommen. Daß wir aber uns darin besonders geistig gefördert, oder gar in unfern religiösen Anschauungen irgendwie beeinflußt fühlen, das können wir beiin besten Willen nicht behaupten, und daß in einer solchen Thätigkeit gar der Ausgangspunkt gefunden werden könne für eine andere Richtung der rabbinischen Wirksamkeit, eine solche Anschaunng hätten wir nie für möglich gehalten. Leider erleben wir derartige Ueberraschungen auch anderweitig. Vor einiger Zeit veröffentlichte diese Zeitung einige Artikel des Sekretärs einer großen Gemeinde, und desjenigen des D. I. G. B., in welchem dieselben die Prüfung und Beaufsichtigung des jüdischen Religionsunterrichtes durch die Rabbiner verlangten und dafür die Einrichtung von Bezirksrabbinaten wünschten. Daß der Rabbiner die geeignete Persönlichkeit für die Leitung des Religionsunterrichtes sei, weil er den' zu beaufsichtigenden Gegenstand sachlich beherrscht und technisch mit ihm bestens vertraut ist, da er ja selbst fast in allen Gemeinden Unterricht ertheilt, das wurde als selbstverständlich angenommen. Aber, hieß es, die Lehrer stellen sich nicht gern unter diese Aufsicht, und darum müsse der Rabbiner einen ihnen imponirenden Titel haben.