Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-27 · Heft 13 (27.3.1891) · p. Seite 147

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227891--47815-3270300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

147 kein fremder Jude eintreten könne, ist rauhe, grausame Wirklichkeit. Von dieser jüngsten russischen Verordnung werden Hunderttausende von deutschen, österreichischen, ungarischen, französischen, englischen, holländischen, belgischen und türkischen Juden getroffen. Was thun, fragen wir, alle diese europäischen Staateil Rußland gegenüber, uin ihre jüdischen Bewohner und Bürger zu schützen? Sie schweigen und laffen sich gefallen, daß ihre Angehörigen der Willkür des Zarenreiches preisgegeben sind. Rußland wird durch dieses Schweigen des Auslandes in seinem Wahne bestärkt, daß es zur Oberherrschaft über Europa prädestinirt sei, und daß seine Autokratie über die europäische Kultur siegen werde. Mit den Juden beginnt man; die Gesetze und Verordnungen gegen dieselben sind die ersten Kraftproben moskowitischer Oberherrlichkeit über die europäischen Mächte. Wird etwa die russische Herrschaft bei den Juden Halt machen, oder wird sie immer weitere Kreise umschreiben und mit ihren Bärentatzen auch Nichtjuden, Deutsche, Oesterreicher, Ungarn, Franzosen, Engländer u. s. w. sanft berühren? Werden nicht auch diese genannten Nationen es in den nächsten oder nüchstnächsten Generationen fühlen, daß Rußland das gebietende Wort in Europa führt? Und werden sie etwa das Recht haben, sich darüber zu beklagen? Sie werden nur büßen, was ihre Väter und Großväter an den Juden verschuldet haben. Sie waren moralisch nicht stark genug, um für das Recht ihrer jüdischen Mitbürger einzutreten, sie ließen es geschehen, daß russische Willkür dieselben bedrängen konnte; selbstverständlich dachten sie nur an ihren Vortheil und an ihre Bequemlichkeit — die Macht des heiligen orthodoxen Reiches schwoll immer mehr und mehr an und überfluthete auch diejenigen in Europa, welche nicht dem Bunde Abrahams angehören. Denn Gott ahndet die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern, am dritten und am vierten Geschlechte; das ist Naturgesetz und welthistorisches Gesetz, dessen Geltung unverbrüchlich fortdauert. So, lange die Erde nach dem ewigen Gesetze von Ursache und Wirkung um die Sonne sich bewegen wird, werden das dritte oder vierte Geschlecht büßen, was ihre Vorfahren durch Uebertretung der Gebote der Gerechtigkeit und der Völkermoral verbrochen haben. In der französischen Revolution erfüllte sich die Drohung des Dekalogs'; die Nachkommen des antisemitischen Zeitalters werden für den eifervollen Gott des Sinai Zeugniß ablegen, und die europäischen Nationen werden in späterer Zeit durch ihr Verhalten gegen die moskowitische Aechtung ihrer jüdischen Mitbrüder den Beweis liefern, daß der göttliche Geist, der die Geschichte bewegt, ihren Gang bestimmt und ihre Entwickelung leitet — eifervoll ist, nach dem logisch-ethischen Gesetze von Ursache und Wirkung handelt und daher die Schuld der Väter ahndet. Denn keine Macht kann es hindern, daß das Saatkorn, welches im Schooße der Erde ruht, keime und sprieße, oder es bewirken, daß in der ethischen Welt die Ursachen vernichtet werden, damit keine Folgen aus denselben hervorgehen. U Etwas vom Rabbiner der Gegenwart. Von Dr. I. Eschelbacher, Bezirksrabbiner in Bruchsal. Unter dem Titel „Die Rabbiner der Zukunft" veröffentlicht Herr Dr. G. Minden in Nr. 11 d. Z. einige Wünsche und Hoffnungen für die Rabbiner der kommenden Zeiten, während er gleichzeitig den Rabbinern der Gegenwart einige wenig schmeichelhafte Bemerkungen widmet. Darüber böse zu werden, wird hoffentlich keinem der sonst so freundlich Bedachten einfallen. Die erhobene Klage ist nur ein Beweis von lebhaftem Jntereffe für das Judenthnm. In dem Zustande deffelben bleibt sehr viel zu wünschen, und es ist nur natürlich, wenn man für die vielfachen Schäden, die man beinerkt, in erster Linie die Lehrer und Führer verantwortlich macht. In gleicher Weise sind ja in neuerer Zeit die Philologen für die Uebelstände auf dem Gebiete des Unterrichtswesens verantwortlich gemacht worden. Im Judenthuni ist es zudem immer so gewesen. Schon Moses, der dazu noch nicht einmal Rabbiner war und am ägyptischen Hofe seine Erziehung erhielt, mußte sich gleich am Beginn seiner Wirksamkeit den Vorwurf des Mangels an Vornehmheit gefallen laffen. (II. B. M. 2, 14). Und wir glauben, auch der glückliche Rabbiner der Zukunft, den Herr Minden im Geiste schaut, wird einige bittere Tropfen solcher Art in seinen Freudenkelch fallen sehen. Es fällt uns darum auch gar nicht ein, dem gezeichneten Schattenbilde ein glänzendes Lichtbild des Rabbiners der Gegenwart entgegenzustellen; wir wollen nur versuchen, einige der Schatten zu entfernen, es werden deren noch genug übrig bleiben. Vor Allem täuscht sich der Verfasser jenes Artikels in der Annahme, daß wir, weil uns auf der Kanzel Niemand widersprechen kann, an Widerspruch nicht gewöhnt seien und den erhobenen ärgerlich aufnähmen. Wir stehen nur etwa alle 14 Tage, oft noch seltener, auf der Kanzel und leben in der Zwischenzeit in Verhältnissen, die uns genügend die Fähigkeit lehren, mit widerstrebenden Meinungen zu rechnen, wie die Beruhigung darüber, daß wir im Kampfe mit diesen nur einen Theil dessen erreichen, was wir für gut halten. Und auch gegen den Widerspruch wider dasjenige, was wir auf der Kanzel gesagt haben, verhalten wir uns durchaus nicht störrig. Im Gegentheil, Fragen und Einwürfe sind uns lieber als die stumme Gleichgiltigkeit, die in uns selbst allmälig den Eifer und die Liebe zur Sache einschläfert. Wir setzen uns gern in der Predigt mit den in der Gemeinde vorhandenen geistigen Strömungen und verschiedenen Ansichten auseinander und können das wirksam und eindringlich nur, wenn sie uns greifbar entgegentreten. Ebenso lesen wir gern die Ansichten gebildeter Laien über Gegenstände des religiösen Lebens. Sie haben für uns deshalb schon Interesse, weil sie aus andern Gedankenkreisen, als den unfern, stammen, eine andere Färbung tragen und uns mannigfache Belehrung bieten, ob wir ihnen nun zustimmen können, oder uns zum Widerspruch angeregt fühlen. Aus diesem Grunde betrachteten wir die bisherigen Aufsätze des Herrn Dr. Minden als eine erfreuliche Erscheinung, als ein Zeichen erwachender Theilnahme für das Judenthum auch in solchen Kreisen, die bisher für dasselbe ein sehr sprödes Verhalten gezeigt. Der frische ursprüngliche Ton darin erweckte Sympathie, auch wenn sich dabei manche Jrrthümer und Vorurtheile geltend machten, was uns nahezu unvermeidlich erscheinen mußte. Selbstverständlich liegt jedoch die Sache anders bei dein erwähnten Aufsatz über „Der Rabbiner der Zukunft". Derselbe fängt ab ovo an, oder vielmehr mit der Wiege des Rabbiners. Man findet diese Wiege nicht vornehin. Vor etwa zwanzig Jahren noch würde man allgemein eine solche Ausstellung belächelt haben. Damals sah man noch auf vornehme Gesinnung mehr als auf vornehme Geburt. Heute aber ist das Wort von der „vornehmen Geburt" ein besonders zugkräftiges Schlagwort, es eröffnet den Weg zum Ideal des modernen gebildeten Jünglings, zum Reserveoffizier. Zu diesem Stande liefern die Rabbiner allerdings keine Vertreter, aber, so viel wir wissen, auch andere jüdische Gesellschaftsklassen selten, denen die höchsten Opfer dafür nicht zu schwer wären. Im Uebrigen aber sind die sozialen Unterschiede unter den Juden — inan mag es beklagen, oder dessen sich freuen — durchaus nicht groß, sie liegen — den gleichen Bildungsstand vorausgesetzt — fast nur auf dem materiellen Gebiete. Eine bekannte Anekdote schildert den Unterschied treffend, indem sic einen Juden der Ueberhebung eines andern gegenüber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.