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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-27 · Heft 13 (27.3.1891) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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149 Er solle das Gymnasiallehrer-Examen machen, meinte der Eine, und das Rektorats-Examen der Andere. Daß der christliche Geistliche den Religionsunterricht seiner Konfession überwacht, das vermag sich Niemand anders zu denken. Aber der Rabbiner, der demselben im Bildungsgang gleich ist, soll den Religionsunterricht eines jüdischen Elementarlehrers, der seinem christlichen Kollegen in nichts voraus ist, erst dann beaufsichtigen und prüfen dürfen, wenn er etwa die Fähigkeit erworben hat, in der Sekunda eines Gymnasiums Griechisch und in der Prima einer Töchterschule Physik zu unterrichten. Gegenüber derartigen Theorien möchten wir die Herren ersuchen, sich auch außerpreußische Erfahrungen zu sammeln. In Baden, Württemberg, Bayern, sowie auch in den neupreußischen Provinzen Kurhessen, Nassau, Hannover hat durchweg der Rabbiner die Aufsicht über den Religionsunterricht, und Klagen über diesen Zustand werden, selbst von den betheiligten Lehrern, selten erhoben. Man betrachtet dieses Verhältniß eben als das einfach Naturgemäße. — Woher kommen aber solche merkwürdigen Anschauungen, wie die oben angeführten, bei int klebrigen durchaus wohlwollenden und das Beste erstrebenden Männern? Offenbar aus der unangemessenen Stellung, welche die preußische Judenverfassung dem Rabbiner anweist. Bom Staat geht alle Anerkennung aus. Der preußische Staat aber kennt den Rabbiner als solchen gar nicht, er ist kein Geistlicher, sondern eine Privatperson, ein Beamter des Vorstandes. In den meisten Fällen mag der Rabbiner sich gleichwohl durch die Aufgaben seines Amtes, wie durch seine Persönlichkeit eine befriedigende Stellung in seiner Gemeinde erringen. Aber bei all seinem Streben und Leisten bleibt er immer von der Gunst und der Einsicht der Gemeindehörden abhängig — und diese ist leider nicht immer vorhanden. Manche setzen vielmehr ihren Stolz darin, von dem Recht und der Mitwirkung des Rabbiners möglichst abzusehen und ihn ihre Souveränetät in empfindlichster Weise fühlen zu laffen. Herr Dr. Minden berührt noch kurz die ungenügende Bezahluitg der »leisten Stellen. Schliminer als diese ist die Anstellung auf Zeit, die Sorge um die ungesicherte Zukunft und die Möglichkeit, durch Jntriguen und Launen tyrannischer Machthaber in ihrer ganzen Existenz geschädigt zu werden. Den Darlegungen des Herrn Dr. Minden, die wir sachlich entschieden bekämpfen mußten, liegt aber eine sehr richtige Empfindung zu Grunde. Soll das Judenthum gleich den andern Konfessionen als eine lebendige und werthvolle religiöse Macht sich bewähren, dann bedarf es tüchtiger und geachteter Vertreter und Führer, die im Stande sind, den Andersgläubigen, wie allen Schichten seiner Glaubensgemeinschaft den unvergänglichen Werth seiner Lehren darzulegen und seine Befähigung, an allen humanen, die Zeit bewegenden Bestrebungen wirksam sich zu betheiligen, nachzuweisen. Aber die Ansprüche auf Erreichung dieses Zieles sind nicht nur an die Rabbiner, sondern auch an das jüdische Publikum zu stellen, insbesondere an das gebildete und sozial sich höher fühlende. Wenn dieses einmal gelernt haben wird, die wahre Vornehmheit darin zu erblicken, daß es mit den Kräften seines Geistes und seiner Stellung dem Kreise, in dem es geboren, direkt und ihn führend voranschreitet, wenn es für Judenthum und jüdische Lehre eine wärmere Empfindung haben und geistige Kräfte ehren wird, auch wenn ihnen der Nimbus äußerer Macht und äußeren Ansehens fehlt, dann wird dadurch nicht nur die Stellung der Rabbiner sich heben, sondern auch die Ehre und die Kraft unserer ganzen Glaubensgemeinschaft. d Iochanmr den Sakkni. Vortrag, gehalten im Verein ehemaliger Zöglinge der jüdischen Lehrer-Bildungs-Anstalt zu Berlin. Von Dr. I. Egers. (Schluß.) Aber selbst während des zweiten Tempels und nach demselben von einer Hierarchie zu sprechen, geht nicht an. Ewald vergleicht den Zustand zu jener Zeit geradezu mit dem im Katholizismus herrschenden. Er sagt nämlich (Geschichte des Volkes Israel, Bd. III 2, S. 39): „Das Judenthum, wie es bis dahin seit Jahrhunderten sich ausgebildet hatte, war zu eng an das eine große Heiligthum zu Jerusalem oder vielmehr an die um dieses geschaarte Heiligherrschast gebunden, als daß die Zerstörung dieses Mittelortes hätte ohne den empfindlichsten Schaden für ein Fortbestehen bleiben können." Zur Begründung führt er an: „Alle die einzelnen überall zerstreuten Gemeinden erwarteten seit Jahrhunderten von dort beständig die nähere Anweisung zur Beobachtung der Religionsgebote, die Lösung ihrer Bedenken und Beantwortung ihrer Fragen, sogar die Bestimmung ihrer jährlichen Festfeiern, von Pascha an. Auch die parthischen und übrigen nichtrömischen Gemeinden konnten sich diesem Zusammenhänge nicht entziehen, und gerade wieder seit den letzten Jahrhunderten hatte sich diese strengere Einheit der so weit zerstreuten Geineinden immer vollkommener ausgebildet und bildete die Hauptstützen aller Macht des Judäerthums. „Wäre dieses alles freilich," fährt er fort, „in der That gewesen, wofür es sich in seiner Verblendung hielt, die vollkommene, wahre Religion," — für Ewald ist das Judenthum nur eine Vorstufe zuni Christenthum — „so hätte es solcher Stützen nicht bedurft, noch sich nach ihnen gesehnt, aber so wie es war und bleiben wollte, konnte es ihrer nicht entbehren wollen, sowie jede irdische Heiligherrschaft ihrer nicht entbehren kann." In einer Anmerkung vergleicht er den Zustand mit der päpstlichen Heiligherrschaft, mit der weiteren Ausführtmg: „Daß aber bei der jüdischen Heiligherrschaft ein Gesetzbuch, bei der päpstlichen ein Trugbild und eine ihrer scheinbaren Leichtigkeit wegen sich einschmeichelnde Mißübung des Christenthums den wahren heiligen Mittelort bildet, macht nur in der äußeren Erscheinung und Handlung, nicht in der verkehrten Sache und Bestrebung selbst einen Unterschied." Er übersieht hierbei, daß es bei den Juden keinen Klerus gab. Im Gegentheil, man verlangte, mit Hinweis auf Jesaia, c. 54, 13, daß es keine Laien gebe, alle sollten Jünger Gottes sein. Der Uebelstand war vielmehr darin begründet, daß der talmudische Bau eine ganze Gelehrsamkeit voraussetzte, daß die Religion sich nicht mehr an den schlichten Sinn des gemeinen Mannes wandte, sondern in diesem Maschennetz der Kasuistik auf- und unterging. Es hatten, dem Naturtriebe der Selbsterhaltung folgend, die Vaterlandlosen in solcher Weise sich selber eingesponnen, um sich, wie wir es gehört haben, vor den rauhen Einflüssen der Außenwelt zu schützen, eine Abschließung, die sichallerdings früher oder später rächen mußte. Einen Reformator werden Sie, nach dem Vorausgeschickten, in ben Sakkai nicht erwarten, nicht glauben, daß er dem religiösen Leben neue Bahnen vorgezeichnet. Ausdrücklich sagt er, Edujoth 8, 7, nach Geigers Ausführungen (Nachgelassene Schriften, Bd. IV, S. 321) gegen das Christenthum Front machend: „Elias (als Vorläufer des Messias) kommt nicht, um für unrein zu erklären, was bisher als rein gegolten, oder als rein, was bisher unrein, nicht um aus Israel zu entfernen die ihm bis dahin Angehörigen, oder heranzuziehen die bis dahin Ferngehaltenen, sondern die gewaltsam Herangezogenen zu entfernen und umgekehrt die gewaltsam Zurück-

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