Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227891--47814-3270299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
146 richte, würden aus diesem giftgeschwollenen Buche lernen, daß dieser Kampf Allem, was jüdisch heißt, gelte, ohne Unterschied der Stellung und der Parteirichtung. Die Quintessenz des Antisemitismus liegt in den „Zehngeboten der gesetzlichen Selbsthilfe", mit welchen jener Katechismus abschließt. Wir wollen einmal diese Gesetze zu eigenem Nutz und Frommen hier Wiederabdrucken. Man muß wissen, was der Feind will, der uns angreift und den wir zu bekämpfen haben. Die „zehn deutschen Gebote der gesetzlichen Selbsthilfe" lauten also folgendermaßen: 1. Gebot. Sei stolz darauf, daß Du ein Deutscher bist und bemühe Dich ernstlich und unablässig, die Erbtugenden unseres Volkes, Tapferkeit, Treue und Wahrhaftigkeit, selbst zu üben und sie bei Deinen Kindern zu wecken und . zu pflegen. 2. Gebot. Du sollst wissen, daß Du mit all' Deinen Mitdeutschen ohne Unterschied des Glaubens oder der politischen Meinung einen gemeinsamen unversöhnlichen Widersacher hast. Er heißt Jude. 3. Gebot. Du sollst Dein Blut reinhalten. Erachte es als ein Verbrechen, Deines Volkes edele arische Art durch Juden-Art zu verderben. Denn wisse, das jüdische Blut ist unverwüstlich und formt Leib und Seele nach Inden-Art bis in die spätesten Geschlechter. 4. Gebot. Du sollst Deinem Mitdeutschen behilflich und förderlich sein in allen Dingen, die nicht wider das deutsche Gewissen streiten, in Sonderheit, wenn ihn der Jude bedrängt; Du sollst aber jedes Vergehen oder Verbrechen des Juden in That, Wort oder Schrift, welches zu Deiner Kenntniß kommt, sogleich vor den Richter bringen, damit der Jude nicht ungestraft die Gesetze unseres Landes verhöhne. 5. Gebot. Scheide Dich von dem Juden gesellschaftlich. Du sollst keine Gemeinsamkeit und Verkehr haben mit dem Juden, sondern ihn meiden und ihn Dir und den Deinen, besonders Deinen Töchtern fern halten, auf daß Ihr nicht Schaden nehmet an Leib und Seele. 6. Gebot. Scheide Dich von dem Juden geschäftlich. Du sollst keinen Juden als Geschäfts-Genossen wählen, nichts von ihm borgen, nichts vom Juden kaufen und nicht dulden, daß Deine Frau es thut. Du sollst auch nicht auch nicht an ihn verkaufen, oder ihn als Vermittler brauchen bei Deinen Geschäften, auf daß Du frei bleibest und nicht des Inden Knecht werdest oder sein Geld, d. h. seine Macht vermehren helfest, womit er unser Volk knechtet. 7. Gebot. Du sollst den Juden Heraustreiben aus Deiner eigenen Brust und. sollst Dir kein Beispiel nehmen an Judenkniffen und Judenpfiffen, denn Du wirst den Juden nimmermehr darin erreichen, sondern Deine Ehre verlieren und der Verachtung Deiner Mitdeutschen und der Strafe der Gerichtet anheimfallen. 8. G eb o t. Du sollst Dein Recht keinem jüdischen Advokaten, Deinen Leib keinem jüdischen Arzte, Deine Kinder keinem jüdischen Lehrer anvertrauen, auf daß Ihr nicht Schaden nehmet an Ehre, Leib und Seele. 9. Gebot. Du sollst dem Juden weder Glauben noch Gehör, schenken und alle Judenschriften fern halten von Deinem deutschen Halls und Herd, auf daß ihr schleichendes Gift Dich und die Deinen nicht entnerve und verderbe. 10. Gebot. Du sollst keine Gewaltthätigkeiten verüben an Judell, denn das ist Deiner nicht würdig und streitet wider die Gesetze. Greift Dich aber ein Jude an, so wehre semitische Frechheit mit deutschem Zorne ab. Wir haben dem nichts oder doch nur sehr wenig hinzuzufllgen. Denn hier ist alle Rohheit, alle Wuth und aller Haß der Antisemiten zu einem Ganzen verdichtet. Darüber hinaus geht es nicht mehr. Hier sind die Grenzen der Menschheit und der Menschlichkeit. Für uns Juden aber, gleichviel, welcher religiösen oder politischen Richtung wir auch immer angehören mögen, steht auch an diesen Grenzmarken ein Mahner und Warner, der uns mit mächtiger Stimme zuruft: Seid einig! Kein größeres Gut, sagen unsere alten Weisen, kann Gott der Herr seinem Volke geben, als den Frieden. Und Gott verleiht seinem Volke nur dann den Sieg, so deuten sie das schöne Psalmwort, wenn er sein Israel mit Frieden segnet! U Gott ahndet die Schuld der Väter. Vvn Dr. Adolf Jellinek, Prediger in Wien. Wenn von nichtjüdischer Seite die These vertheidigt wird, daß das Judenthum nicht auf dem höchsten Standpunkt einer geläuterten und vollkommenen Religion steht, so wird gewöhnlich auf die Stelle im Dekalog hingewiesen (Ex. 20, 5), in welcher es heißt: „Dein Gott ist eifervoll; er ahndet die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern, am dritten und vierten Geschlechte, die mich Haffen." Das ist, ruft man aus, der jüdische Gott der Rache, der noch im dritten und vierten Geschlechte die Schuld der Väter bestraft. Nun denn, wir bekennen uns aus tiefster Ueberzeugung zu dein Gotte, der zwar nicht aus Rache, wohl aber im Eifer der strengen und folgerichtigen Gerechtigkeitnicht verhindert, daß noch die Urenkel die Schuld ihrer Vorfahren büßen, so sie ihn Haffen, und erklären diese Stelle des Dekalogs als einen der tiefsinnistgen Aussprüche der Bibel, der von der Völkergeschichte immerfort bestätigt wird. Denn das Gesetz in der Geschichte der Nationen, das nicht gebrochen werden kann, ist das Gesetz der C ausali tät. Unerbittlich herrscht und wirkt es und bildet die unerschütterliche Grundlage der Völkermoral, und ehrfurchtsvoll und ehrerbietig müssen wir zu dem Gotte emporschauen, der in der Natur und in der Geschichte das logisch-ethische Gesetz von Ursache und Folge, auf welchem das Weltall, die Himmelssphären, Land und Meer, sowie Entwickelung der Menschheit ruhen, für alle Zeiten festgestellt hat. Dec Ocean, der die Ufer nicht überschreitet und Schiffe auf seinem Rücken trägt; die Ströme, welche mit rasender Gewalt austreten, überschwemmen und verwüsten; der feuerspeiende Berg, welcher glühende Lava auswirft; und die durch Menschenhand erzeugte Flamme, welche unsere Wohnungen behaglich wärmt; der Sturm, der Bäume entwurzelt, und die zarte Knospe, welche zur lieblichen Frucht sich entwickelt; die tragischen Katastrophen, von denen die Völler heimgesucht werden, und das Aufblühen von Familien, Städten und Ländern, überall hören wir die bald gewaltige und bald liebliche Stimme des Gesetzes von Ursache und Folge, den Ruf des eifervollen Gottes, dessen Werke einen Organismus bilden, in welchem Weisheit und Gerechtigkeit organisch Zusammenwirken, und dessen belebende Seele das Gesetz der Causalität ist. Anstatt jeden Kommentars zu dem biblischen Ausspruche, daß Gott die Schuld der Väter ahndet, wollen wir in die geräuschvolle und grauenerregende Zeitgeschichte eintreten und ihr die Beweise hervorholen, daß der eifervolle Gott, wie ihn der Dekalog schildert, der wahre, lebendige Gott der Geschichte ist, der vom Sinai herab den Nationen zürnst: Wehe euch, die ihr gegen meine Gesetze der Gerechtigkeit und der Völkermoral frevelt; ihr sündigt nicht blos gegen mich, sondern ihr versündigt euch an euren Kindeskindern und erschwert es ihnen', umzukehren und den Weg, welchen die ewige Gerechtigkeit und die unerbittliche Völkermoral vorschreiben, zu betreten! Da giebt es ein Reich, man nennt es das Zarenreich. Dort werden die primitivsten Gebote der Gerechtigkeit und der Moral mit Füßen getreten, sobald es sich um Juden handelt, und zwar nicht bloß um einheimische, sondern auch um Juden, welche Bürger anderer Staaten sind. Die neueste russische Lieblosigkeit gegen die Juden verbietet den russischen Konsuln in den verschiedenen Staaten, die Pässe von ausländischen Juden zu vidieren, wodurch es ihnen unmöglich gemacht wird, nach Rußland zu reisen. Nur in gewissen Ausnahmefällen können sie sich an das russische Ministerium mit der Bitte wenden, daß ihnen Gnade vor Recht gewährt werde, den heiligen Boden zu betreten, die orthodoxe Lust einzuathmen und eine kurze Zeit im Reiche der Rechtgläubigkeit zu weilen. Die chinesische Mauer ist eine Sage, die Mauer aber, die Rußland um sich zieht, damit ja