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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-20 · Heft 12 (20.3.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 aus und feierte den hohen Jubilar als Regenten im Sinne der heiligen Schrift, als Vater der baierischen Volksfamilie. Mit einem feierlichen Weihegebete des Rabbiners nnd der Absingung der Nationalhymne durch die Schuljugend schloß die erhebende Feier. — Einer der ältesten Bürger unserer Stadt, Herr Privatier David Uhlfelder, ist in Folge eines Unfalles Samstag Nachts gestorben. Geboren im Jahre 1807 in Franken, von 1824—1835 in Hamburg Lhätig, etablirte der Verstorbene zu dieser Zeit hier eine Großhandlung, welche er bis zum Jahre 1875 unermüdlich leitete. Herr Uhlfelder hatte als Mitglied das früheren Handelsgremiums, als Gründer und Verwaltungsrath der Baierischen Handelsbank, als Administrationsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde u. s. w. vielfache Gelegenheit, im öffentlichen Interesse thätig zu sein, und es wurde ihm denn auch zu verschiedenen Malen lebhafte Anerkennung von Seiten feiner Mitbürger zuTheil. Mit ihm verlieren zugleich Wvhlthätigkeitsanstalten und Arme eine stets werkthätige Stütze. Möge ihm die Erde leicht sein!. * Nürnberg, 16. März. Ueber die bereits in der vorigen Nummer erwähnte Stiftung der Herren Gebrüder Kohn erfahren wir folgende näheren Daten: Die Herren Fabrikbesitzer Michael und Max Kohn, Mittheilhaber der Firma Elias Kohn (Leder- und Treibriemenfabrik dahier), welche sich von der technischen Leitung der Fabrik zurückziehen, haben mit je 100,000 M., also mit zusammen 200,00 > M. zunächst für Wohlthätigkeits-, und dann für Bildungszwecke eine Stiftung errichtet. Diese Stiftung soll zunächst den Zweck haben, den gegenwärtigen Arbeitern der Firma Elias Kohn für den Fall ihrer Erwerbsunfähigkeit dauernd oder vorübergehend eine zur Bestreitung des nothweudigen Lebensunterhaltes für sich und ihre Familien ausreichende Unterstützung zu gewähren, welch letztere - jedoch nicht den Charakter einer Armenunterstützung tragen und die politischen Rechte der Bedachten beeinträchtigen soll. Ferner ist damit eine reiche Stipendienvergebung für Studirende aller Berufsarten verbunden. Das einzelne Stipendium soll nicht weniger als 600 Mark betragen. Das Stiftungsvermögen wird bei dem hiesigen Stadtmagistrat hinterlegt. Leipzig, 15. März. Der Vorstand der „Mendelssohn- Stiftung" hat von der wohlthätigen Wirksamkeit der Stiftung in der am 1. März 1891 um 11 Uhr, im großen Sitzungssaals der Synagoge abgehaltenen 30. ordentlichen General-Versammlung Bericht erstattet. Der Vorsitzende, Herr Saul Finkelstein, eröffnete die Versammlung mit dem Danke an die Mitglieder und begrüßte das Interesse, das sie allezeit der Stiftung entgegen gebracht haben. Die Zufließenden Gcrben hochherziger Menschenfreunde, welche den „festen Fonds" der Stiftung in Freud und Leid mehren, geben das beste Zeugniß voll dem frisch pulsirenden Lebeil und wachsenden Schaffen. Der Schatzmeister Herr Beruh. Bvdek erhält hierauf das Wort, um den Bericht über den Jahresabschluß von 1890 zu geben. Mit Geuugthuung gedenkt er jener Zeit, als vor einunddreißig Jahren im enggeschlossenen Freulldeskreise, zuerst durch ihn selbst, die Idee für die Begründung einer Stiftung auftauchte. Der Vortrag einer Dichtung von Carl Beck, der das große Menscheuweh in dem „Bettler und sein Sohn" behandelt, gab zur Behandlung der Frage: „Wie unb unter welchen Verhältnissen der Arme seine jugendlichen Sprößlinge durch eine gute Erziehung zu nützlichen und thätigen Gliedern der menschlichell Gesellschaft auszubilden vermag" — und schließlich zur Schöpfung einer „Mendelssohn-Stiftung zu Leipzig" den Anlaß. So klein unb unbedeutend die ersten Anfänge für die Begründung der Stiftung waren — so famt und darf das unermüdliche Streben, jetzt nach dreißig Verwaltungsjahreu. auf den angefammelteil festen Fonds von 39,662 M. Hinweisen, obwohl im Laufe der Zeit von 1861 bis 1891 — in Sektion I — 920 Semester-Stipendien mit 53,309 M., in Sektion II 1641 Unterstützungen mit 15,137 M. zur Vertheilung gebracht wurden, und dadurch manchem Talent emporgeholfen, manche Sorge ehrlich und redlich vorwärts Strebender gelindert. Die Mitgliederzahl hat im abgelaufenen Verwaltungsjahre sich auf der Höhe von 154 mit einem Beitrage von 1839 M. erhalten, während die Zinsen des Stiftungsvermögens 1360 M. ergaben. Die Vertheilung im Jahre 1890 bedachte Petenten ohne Unterschied der Konfession — nach strengster Prüfung der Zeugnisse, Begabung und Bedürftigkeit. Es sind aus Sektion I 46 Semester-Stipendien mit 1915 Di., nnd zwar 13 an Studirende der Medizin, 1 au Studirenden der Jurisprudenz, 1 an Studirenden der Philosophie, 25 an Konservatoristen, 1 an Schüler der königlichen Akademie, 1 an Gymnasiasten, 4 an Privat-Gelehrte, aus Sektion II außerdem 126 Unterstützungen an Durchreisende, nach Prüfung ihrer Würdigkeit, zurVertheilunggekommen. Die Anerkennungen, die der Berichterstatter, namentlich für die zugegangenen Schenkungen von 100 M. von Herrn Sieskind bei Gelegenheit der Hochzeitsfeier seiner Tochter Else, von 30 M. als Legat von den Erben des verstorbenen Herrn Hermann Bodek, von 10 M. von Frau Marie Frankel am Todestage ihres Gatten, zollt, schließen mit der Bitte an alle Menschenfrennde, in Freud und Leid das edle Streben der Mendelssohn-Stiftung allezeit zu unterstützen. Es folgt hierauf der Bericht der gewählten Revisoren durch Herrn Alex. Werthaller, und die Versammlung ertheili unter einstimmigenl Dank für die Mühewaltung die übliche Decharge für 1890. Nachdem die Generalversammlung Herrn Finkelstein ferner als Vorsitzenden und der Ausschuß — dem Herr Max Brenner statt des austretenden Herrn Hermann Wittner beitritt, neu wiedererwählt, schließt die Sitzung mit dem allgemeinen Wunsche, daß die Mendelssohn- Stiftuug ferner wachse, blühe und gedeihe! B. Württemberg, 15. März. Se. Majestät der König Karl hat dem Rittergutsbesitzer Friedrich Kaulla in Oberdischingen die silberne landwirthschaftliche Verdiellstmedaille verliehen. — Das Geburts - fest unseres Laildesherrn wurde in allen Synagogen des Landes llllter großer Theilnahme durch Festgottesdienst und Festpredigt über den von Israel. Oberkirchenbehörde vergeschriebenen Text Ps. 125, 2 gefeiert. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 13. März. Ich halte es geradezu für einen Vortheil, daß der Antisemit Schneider in den Reichsrath gewählt wurde. Es giebt llnter den Antisemiten verschiedene Ehrenmänner (?!) Ein Exemplar wie Schneider dürfte schwer aufzutreiben sein. Der Mann, falls man ein derartiges Individuum noch Mann neunen kann, ließ sich Schuft und Schurke nennen, ohne zu erwiederll. Nun weiß er wohl, warum er diese Schmach erträgt. Wollte er klagen, so würde man den Wahrheitsbeweis erbringen, daß man ihn mit Recht so nennen darf. Der Kaiser voll Oesterreich gewährt dem letzten seiner Unterthanen eine Audienz, aber Ernst Schneider wollte er nicht empfangen - und dieser Erilst Schneider ist der Protegee des Fürsten Alois Lichtenstein. Mögen die Leute, die sie gewählt haben, noch so verblendet sein, die anständigell und ehrlichen Mellschen sind noch nicht ausgestorben, und diese verdammen die Wahl derartiger Personen. Es ist noch ein anderes Moment zu berücksichtigen. Jil Oesterreich ist der Kaiser mehr als der Monarch eines anderen Staates. In Oesterreich ist er, wie Grillparzer so treffend sagt, das Band, welches die Garbe hält. Was muß der Kaiser vom Alltisemitismns beitfen, wenn er sieht, daß Schneider, den er nicht empfangen wollte, der Gewählte der Antisemiten ist. — Der Antisemitismus ist zu Jahren gekommenich kann jedoch nicht annehmeil, daß der Spllk noch lauge dauern wird. Die bethörten Leute werden doch einmal erwachen und zur Eiilsicht kommen, wie arg man mit ihnen gespielt hat. Wie es übrigens heißt, wollen sich hervorragende Männer aus der christlichen Bevölkerung zusammenthun, um den Antisemitismus zu bekämpfen. — Ich habe heute ailch etwas Erfreuliches zu meldell. Vor etwa zwei Jahreil wurde das Katechetengesetz erlassen, d. h. es wurde ben katholischen Katecheten, die bis dahin beit Religionsunterricht unentgeltlich ertheilten, ein Honorar zugesprochen. Dieses Gesetz hatte nicht blos für katholische Katecheten, sondern für Religionslehrer aller Konfessionen Geltung, und kommt daher auch den Israeliten zu gute. Schon seit dem Jahre 1873 werden die israelitische nReligionslehrer an Mittelschulen vom Staate, respektive in Kommullalschulen von der Geureinde honorirt. Die israelitischen Religioilslehrer an Volksnnd Bürgerschnlell wurden jedoch bisher von der israelitischen Gemeinde bezahlt; nun aber giebt die Großkommnne einen Zuschuß, der sich auf mehrere tausend Gulden beläuft. s. Wien, 15. März. Allßer den bereits genannten 5 sind noch folgende 7 jüdische Abgeordnete in den Reichsrath gewählt worden: Julius v. Gomperz, Josef Neuwirth, Leopold Pollack, Heinrich Popper, Dr. Arnold v. Nappaport, Dr. Moritz Rosenstock, Heinrich W a g n e r, im Ganzen also 12 jüdische gegenüber 13 antisemitischen Abgeordneten. Die antisemitische Partei hatte im früheren Reichsrathe 9 Mandate; sie ist durch die Wahlenaus die Zahl von 15, oder richtiger, da Herr Rigler erklärt hat, sich der deutschnationaleu Vereinigung anzuschließen, und Troll sich wohl zu den Klerikalen schlägt, auf 13 angewachsen. Von diesen 13 Antisemiten stammen 12 aus Niederösterreich und nur einer kommt aus Schlesien. Der Parteirichtung nach zerfallen sie in drei Fraktionen: 1. die deutschnationale Fraktion Schönerer'scher Richtung; dazu gehören: Dötz, Hank, Fürnlranz und Kaiser; 2. die schwarz-

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