Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 gelbe Fraktion unter der Führung Pattai's; ihr gehören an: Pattäi, Polzhofer; Muth und 3. die schwarzen oder klerikalen Antisemiten, der sechs Mitglieder angehören: Liechtenstein, Lueger, Schneider, Sax, Geßmann und Schlesinger. So veruneinigt gedenken die 13 Herten das Jahrhundert in die Schranken zu fordern! Rußland. St. Petersburg, 12. März. Der Ableistung der Wehrpflicht unterlagen im Jahre 1890 in Rußland 867,336 Mann, darunter 47,783 Juden. Unter 259,268 Ausgehobenen befinden sich 14,755 Juden, gewiß ein bedeutender Prozentsatz, der die elende Verleumdung, daß die russischen Juden vom Dienst für ihr Vaterland, das ihnen so viele Wohlthaten erweist, sich zu drucken suchen, widerlegt. * Petersburg, 2. März. Gestern hielt die im Justizministerium tagende Spezialkommission zur Aufstellung einer neuen Verordnung über die Advokatur ihre letzte Sitzung. Der neue Gesetzentwurf wird dieser Tage -dem Reichsrath zur Sanktion vorgelegt werden. In diesem Entwurf heißt es unter Anderem: „Da sich die Zahl der jüdischen Advokaten stets vermehrt und dieses einen zersetzenden Einfluß ans die Korporation der Rechtsanwälte haben muß (?!), so ist beschlossen worden, zur Ausübung der Advokatur die Juden blos in einer solchen Zahl zuzulafsen, welche deren schädlichen Einfluß neutralisiren könnte. Als eine solche Norm ist 10 pCt. anerkannt worden. Auf je 100 christliche Rechtsanwälte dürfen von mm an nur 10 jüdische kommen." Die Zahl der jüdischen Advokaten hat sich aus dem ganz einfachen Grunde vermehrt, weil für jüdische Juristen der Staatsdienst und andere Laufbahnen verschlossen sind, so daß ihnen nur die Advokatur übrig blieb. Diese wird ihnen nun auch fast ganz verschlossen. Abgesehen von der erwähnten drakonischen Maßregel enthält der neue Gesetzentwurf auch andere Paragraphen, die einen völligen Ausschluß jüdischer Rechtsanwälte aus der Korporation bezwecken. Denn es wird dem Conseil, in welchen von nun an kein Jude gewählt werden darf, freigestellt, nur solche Juden aufzunehmen, die dessen für würdig erachtet werden. Der Conseil, welcher größtentheils aus Antisemiten bestehen dürfte, wird sich gewiß beeilen, von diesem ihm freigestellten Recht den weitesten Gebrauch zu machen, um sich lästiger Konkurrenten zu entledigen. Der Willkür ist hier der größte Spielraum gegeben. Durch solche und ähnliche einschränkende Maßregeln wird der Antisemitismus natürlich nur genährt und die jüdische Bevölkerung dem Haß und der Verachtung der übrigen Bevölkerung preisgegebeu. — Hier wird als zweifellos angesehen, daß der Uebertritt der Großfürstin Sergei mit der Ernennung ihres Gemahls zum Generalgouverneur von Moskau im Zusammenhang steht. „Grashdanin" nutzt auch diese Gelegenheit zu einer Judenhetze aus. Er erklärt, unter Dolgorukows 26jährigem Regiment sei aus dem allrussischen Moskau ein jüdisches Moskau geworden, die dortigen Heiligthümer seien zu Mausoleen geworden, die Juden aber bauten sich Paläste, die Aufgabe des Nachfolgers Dolgorukows sei, wieder das altrussische Moskau Herzustetten, den Europäismus und die jüdische Intelligenz zu vertreiben. Bekanntlich erhoben die russischen Blätter des gleichen Schlages großen Lärm, weil Dolgorukow und die Spitzen der Moskauer Behörden der kirchlichen Feier am Geburtstage des Kaisers Wilhelm wie stets seit langen Jahren beigewohnt hatten. d Usn Nah und Fern. ----- Die „Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen" und die „ Hilf sanft alt für Wittwen und Waisen" hielten am Montag, den 16. März, im Saale des Hotel König von Portugal ihre diesjährige Generalversammlung ab. — Bei Gelegenheit eiM Prozesses in Magdeburg nannte der dortige Staatsanwalt Rassel die Gesinnung Heinrich Heines ,jüdisch-international". Der Herr Staatsanwalt ist Vorsitzender des antisemitischen Arbeitervereins. Hiernach bedürfte die obige Aeußerung eigentlich gar keiner Beleuchtring. Doch gewährt es uns immer seinen merkwürdigen Anblick, wenn die Herren Drumont und Vergani von der „Internationale" im Tone der Anklage sprechen. — Zum Besten des „Vaterländischen Frauenvereins" hielt Herr R abb i n e r D r. B i r ä m zu Hirschberg (Schlesien) in der Aula des dortigen Gymnasiums am 28. v. Mts. vor einer zahlreichen Zuhörerschaft einen beifällig aufgenommenen Vortrag über: „Das Schul- und Erziehungswesen der alten Völker". — Zum Hilfsprediger der Synagogen-Gemeinde Köln ist Herr Dr. Lazarus aus Breslau, zum Sekretär Herr S. Stern aus Köln gewählt worden. — Die jetzige, dritte, Gemahlin Gustav Freytags, Frau Anna Strakosch, ist eine Jüdin von Geburt. — Eine beachtenswerthe Kundgebung gegen den Antisemitismus hat dieser Tage im Hildesheimer liberalen Verein stattgefund^n. Das Herrenhausmitglied Oberbürgermeister Struckmann und der frühere Abgeordnete Justizrath Gotting geißelten die „Schmach unseres Jahrhunderts" mit scharfen Worten, und voraussichtlich wird dieser Tage in den dortigen Blättern ein Aufruf mit den Namen der Genannten an der Spitze erscheinen, in welchem zum Beitritt in den Berliner Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus unb event. zur Gründung eines Zweigvereins aufgefordert werden wird. Dem Vernehmen nach will nun Herr Liebermann v. Sonnenberg, dem es trotz zweier Besuche bis jetzt glücklicher Weise noch nicht gelungen ist. Haß und Mißtrauen in Hildesheim zu säen, noch einmal dorthin kommen. Er mag darum die Antwort, welche ihm die Hildesheimer liberale Bürgerschaft giebt, schon jetzt lesen. — Zu Seesen a. H. fand am 9. und 10. März in der Jacobson schule (berechtigte Realschule) die Abgaugsprüfung unter dem Vorsitz des Regierungskommissars Herrn Schulrath Eberhard aus Braunschweig statt. Sämmtliche zugelassenen 14 Abiturienten bestanden dieselbe, darunter acht mit dem Prädikat „gut". — In der letzten Winter-Versammlung des Mendelssohn-Vereins in Militsch hielt Kantor Pulvermann einen fesselnden Vortrag über ein Thema, das in letzter Zeit die Gemüther aufs Heftigste bewegte, über die Zukunft der Religion. Das rege Interesse, das dem Vortrag entgegengebracht wurde, zeigte, wie der Redner es verstanden, zur Beurtheilung dieser Frage auch noch neue Gesichtspunkte beizubringen. — Der erste jüdische Bezirksrichter in Oesterreich wurde dieser Tage ernannt: Ignaz Morawetz. Kreisgerichts-Adjunkt in Teschen, wurde zum Bezirksrichter in Dalschitz (Mähren) ernannt. — Der israelitische Knltusvereiu für Bodenbach, Tetfchen und Umgebung hat sich als Knltusgeirieinde konstituirt. — Große Sensation erregte in Ungarn die Nachricht, daß Esther Solymossi, die einstige Ursache des Tiszä-Eßlarer Bült- Prozesses unter dem Namen Kohlmeyer von der Polizei in New-Uork lebend aufgefunden worden sei. Von New-Uork aus ist auf Anfrage die Nachricht dementirt worden. — Die jüdischen Handwerker in der Residenz Petersburg dürfen nur solche Maaren verkaufen, die sie selbst verfertigen und sind ihnen die Handelsscheine nur unter dieser Bedingung für das Jahr 1891 ausgestellt worden. Falls sie sich erlauben, diese Vorschrift zu verletzen und andere fremde Waarell in den Verfalls zu bringen, so werden sie nach den bestehenden Gesetzen laut Art. 1171 des Strafgesetzbuches zur Verantwortung gezogen und verlieren das Recht des Aufellthalts in St. Petersburg. Die Polizei ist gehalten, eine strenge Kontrole in dieser Angelegenheit auszuüben. — In der Sitzung des rumänischen Senats vom 16. v. M. interpellirte M. Stou r dz a die Regierung über die Einwanderung russischer Juden nach Rumänien lllld verlangte, die Regierung möge mit der äußerstell Strenge jene Gesetze handhaben, die einem Ueberwiegen des jüdischen Elements zu steuern beabsichtigen. Der Premierminister General Mann erwiederte, daß in einem Circular bereits Jllstruktionen an die Präfekten erlassen wurden, denen zufolge mit allen gesetzlichell Mitteln gegen jüdische Einwanderer aus Rußland vorgegangen werden solle, und blos Jenen die Ansiedlung in Rumänien zu gestatte,! sei, denen hinreichende Subsistenzmittel zur Verfügung stehen. — Der Bildhauer M. Bern stamm, ein in Paris lebender Russe, ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. - Nach einer Meldung des „Temps" aus Tunis ist in Menzel bei Gabes die Synagoge eingestürzt, wobei eine größere Anzahl Kinder verschüttet wurde. Bisher wurden vier Leichen unter den Trümmern aufgefunden. — In Cincinnati erschossen sich am 4. d. M. die Studenten Ernst Sallinger und I. F. Frauenthal. Beide beschäftigten sich viel und eifrig mit dem Studium des Hypnotismus, doch ist die Ursache des Selbstmordes unbekannt. Ein von Beiden ullterzeichneter Brief wurde in ihrem Zimmer aufgefunden, das Schriftstück enthielt aber nur die Bitte, ihre Familien von dem Geschehenen zu verständigen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.