Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 12. jj||yy 0Jj?*. Berlin, 20. Mär; 1891 'Ueilage zur „Atl'geinernen Zeitung öes IuöenLHuws". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschlnnd. B. Berlin, 16. März. Der preußische Kultusminister Herr Dr. von Goßler hat seine Entlassung genommen. Die Synagogen- Gemeinden Preußens sehen den Mann, der fast ein Jahrzehnt lang als Leiter der Kultusangelegenheiteu and) ihr Chef war, nur mit Bedauern aus seinem Amt scheiden. Denn mehr als seine Vorgänger hat Herr von Goßler allen Bestrebungen, welche auf die Herstellung und Hebung des jüdische)! Neligi on sun terrichtes gerichtet waren, Förderung angedeihen lassen. Zeugniß hiervon geben die öfter erwähnten Erlasse betreffend den obligatorischen Besuch der Religionsschulen in Ostpreußen, sowie die wiederholt erfolgte Verleihung des Charakters der Oeffentlichkeit an jüdische Elementarschulen. Welche Aufmerksamkeit Herr von Goßler den Angelegenheiten der Synagogen-Gemcinden Zuwandte, das ist erst jüngst in der Parlamentssitzung klar zu Tage getreten, in welcher der Minister den Angriffen des bekannten Hofpredigers gegenüber mit einer bis ins Einzelne gehenden Kenntniß des Zahlenmaterials über jüdische Schüler entgegentrat. Mochten damals auch die dunkeln Worte von dem „Problem", als welches der Minister den Bildungsdrang der Juden bezeichnete, an manchen Stellen gerechtes Staunen Hervorrufen — immerhin empfand man es selbst auch dabei mit Genugthunng, daß die israelitischen Schulverhältnisse ein Gegenstand sichtlichen Interesses des Ressortchefs waren, — ein Interesse, welches wir bei dem Ministerium, dem die Verwaltungsangelegenheiten unserer Synagogen-Gemeinden unterstehen, schon seit Jahrzehnten mit Bedauern vermissen. Besonders wohlthuend aber hat die volle Parität, welche in dem Erlaß des Volksschulgesetzes zu Tage trat, und welche die jüdischen Schulverhältnisse, in eine Linie mit denjenigen jeder anderen konfessionellen Minderheit im Staate stellte, berührt. Die Befürchtung jedoch, daß nun mit dem Rücktritt des Ministers auch der Standpunkt dieses Gesetzes von der preußischen Regierung aufgegebeu würde, scheint unbegründet. Gerade der gegenteilige Schluß ist gestattet. Das Volksschulgesetz ist, nach mehrfach gethaner Aenßerung des Ministerpräsidenten, ebenso wie die anderen in dieser Session eingebrachten größeren Vorlagen, als ein Theil des sozialen Programms der jetzigen Negierung anzusehen; und es ist natürlich, daß der neue Kultusminister Herr von Zedlitz-Trützschler, welcher auf Grund eben dieses Programms berufen worden ist, zum Mindesten kein Gegner des in diesem Gesetz hervortretenden Prinzips sein kann. Auch nach dem, was sonst über die Persönlichkeit des neuen Ministers bekannt geworden ist. dürfen wir die Hoffnung hegen, daß derselbe die jüdischen Angelegenheiten mit Gerechtigkeit unb Wohlwollen behandeln wird. Stand ja Herr von Zedlitz an der Spitze der Verwaltung der Provinz Posen, also derjenigen preußischen Provinz, welche den größten Prozentsatz Juden enthält, und hat daher in seinem amtlichen Wirken Gelegenheit genug gehabt, nufere Glaubensgenossen kennen zu lernen. Die Erfahrung, daß man die Inden nur da haßt, wo man sie nicht kennt, i't ja eine alte; und wir dürfen wohl mit einer gewissen Genugthunng darauf Hinweisen, daß selbst in der Hochfluth des Antisemitismus in Posen keine judenfeindliche Kundgebung von irgend welcher Bedeutung zu Tage getreten ist. Daß Herr von Zedlitz auch, wie wir erfahren, während seiner Amtsthätigkeit in Posen wiederholt Gelegenheit genommen hat, mit einigen gesellschaftlich hervorragenden Israeliten dieser Stadt persönlich in Verkehr zu treten, läßt gleichfalls darauf schließen, daß derselbe sich im Sturm der Zeit den ruhigen Blick und das unparteiische Herz bewahrt hat. X Berlin, 16. März. Die allgemeine Beliebtheit, deren sich der am 14. d. M. verstorbene Abgeordnete Windthor ft erfreute, erstreckte sich auf weite israelitische Kreise. Denn der greise Centrumsführer hat es oft öffentlich durch Wort und That bekannt, daß er ein Freund und Helfer für die Interessen aller positiven Religionwar, und nicht selten trat er auch für das angegriffene Judenthnm in die Schranken. Als hannoverscher Justizminister ist er es gewesen, der zuerst den Israeliten zu den Richterstellen Zutritt eröffnete. Im preußischen Landtag trat Windthorst bei der bekannten Debatte über die Hänelsche Interpellation mit scharfen Worten gegen den Antisemitismus auf und bekämpfte selbst einige seiner Fraktionsgenossen. Er ist es gewesen, der dem judenfeindlichen Streben einiger Heißsporne in der Fraktion, welche das Centrum nur zu gern um die Fahne der Rohling und Konsorten geschaart hätte, einen Damm entgegensetzte. Auch in anderen Fragen, wie bei dem Ansturm der Thierschützler gegen die jüdische Schlachtmethode, hat er sich auf die Seite der Angegriffenen gestellt. -k* Berlin, 17. März. Der Geheime Kommerzienrath Meyer Cohn, ein hervorragendes Mitglied unserer jüdischen Gemeinde, ist gestern zur ewigen Ruhe bestattet worden. Der Heimgegangene, der kurz vor dem vollendeten 74. Lebensjahre stand, hat sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und Herzensgüte einen großen Kreis aufrichtiger Freunde und Verehrer zu erwerben und zu erhallen verstanden. Durch seinen Wohlthätigkeitssinn, mit dem er überall bereitwillig und ausgiebig helfend eintrat, hat er viele Roth gelindert und manchem Schwerbedrängten dauernd aufgeholfen, so daß dankbare Herzen den Hingeschiedenen Wohlthäter aufrichtig betrauern und sein Andenken segnend bewahren werden. Meyer Cohn war in Bromberg als der Sohn eines Graveurs geboren und kam bereits frühzeitig nach Berlin, um sich hier der Buchdruckerkunst zu widmen, welche er hier auch eine Zeit lang praktisch ausübte. Später gab er jedoch diesen Beruf auf und trat Anfangs April 1842 in die hiesige Bankfirma I. Feig ein, aus welcher er im September 1854 ausschied, um die nach ihm benannte Firma zu begründen, die er durch rastlose Thätigkeit, Umsicht und Redlichkeit zu so hohem Ansehen gebracht hat. Die Trauerfeier fand im Sterbehause, Unter den Linden 11, statt. Der Sarg war im schwarz drapirten, reich mit Palmen geschmückten Salon des ersten Stocks aufgebahrt. Der braunschweigische Gesandte Baron von Kramm legte persönlich einen kostbaren Kranz am Sarge nieder, auch Graf Lehndorff, Graf Dönhoff u. A. bewiesen dnrch Kranzspenden ihre Theiluahme. Ein wahres Kunstwerk war das aus Circinalis-Wedeln hergestellte und von einem Eucharistuff gehaltene Palmenarrangement der Angestellten der Bankfirma. Für die Berliner Vereine der Kaiser Wilhelm-Stiftung und der Viktoria-Rational-Jnvalidenstiftung erschien Stadtrath Sarre; die Gesellschaft der Freunde widmete ihren! langjährigen Verwaltungsniitgliede einen mächtigen Kranz mit Palmenschmuck. Andere Kränze trugen die Widmungen des Brüdervereins, des National-Jnvalidendanks und anderer Wohlthätigkeitsanstalten. denen der Verstorbene nahe gestanden. Nicht minder zahlreich waren die Kränze, welche von Handelsfirmen eingegangen waren. Besonders schön waren die Riesenkrüuze, welche Direktion und Aufsichtsrath des Börsen- Handelsvereins und die Hypothekenbank in Meiningen übersandt hatten. Unter den Leidtragenden sahen wir neben den Vertretern der Handelswelt ii. A. Geh. Rath Spinola, Direktor Voß vom Museum für Völkerkunde, Justizrath Horwitz, Justizrath Meyer, den Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Generalkonsul Schönlank und Geheimrath Abarbanell. Der Chor der Kaiserstraßen-Synagoge sang. Dr. Apolant hielt die Grabrede. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee. S Berlin, 17. März. Wir haben in Nr. 11 einen Bericht über den neuen Religionsverein ,/Beth Jacob" gebracht. Die daran sich schließenden Mittheilungen unseres Korrespondenten über die Zustände im Norden unserer Stadt sind aber vielfach mißverstanden worden; in keinem Falle sollten sich dieselben auf die Unternehmungen der Herren Grün und Domps beziehen, welche, als hochachtbare Männer allgemein bekannt, in jener Gegend seit fast zwanzig Jahren zn den hohen Feiertagen einen würdigen und allen religiösen Anforderungen entsprechenden Gottesdienst eingerichtet haben. GD Berlin, 17. März. Die von M. Halle gegründete „Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler" hielt am Montag, den 16. März, unter zahlreicher Betheiligung ihrer Mitglieder ihre 47. Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Hermann Landsberger eröffnete dieselbe mit einer das Andenken des verstorbenen langjährigen Vorstandsmitglieds M. I. Bodenstein ehrenden Rede, welcher die Ver-