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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-20 · Heft 12 (20.3.1891) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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Auf seinem Throne hoch und erhaben saß der Ewige umringt von einem Engelheer, das ihm fortwährend zurief: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit!" * Plötzlich erbebten die Festen der Erde und die Pfeiler des Himmels, das ganze Weltall füllte sich mit Dunst und Ranch, und aus der Mitte des Engelheeres trat der Satan hervor, warf sich vor Gottes Thron hin luid sprach: „Herr des Alls! Von einer Wanderung durch die Welt, wo ich dem Leben und Treiben Deines auserwühlten Volkes Israel besondere Beachtung schenkte, kehre ich nunmehr zurück. Sich, o Herr! sie haben ihr Herz und ihren Glauben von Dir abgewandt, sie verdienen nicht, daß Du sie mit Gnade und Wohlwollen überhäufst. Vertilge sie von der Erde; sie sind Deines Erbarmens nicht würdig." „Was aber," crwiederte der Ewige, „soll aus dem Gesetz, das ich ihnen gegeben, werden?" „Herr der Welt," fuhr der Satan fort, „vertraue doch Dein Gesetz den überirdischen Geistern, Deinen heiligen Engelschaarcn an." Und der Herr erklärte sich mit dem Vorschläge des Satans einverstanden und sprach: „Was soll mir ein Volk, das für die von mir an ihren Feinden und Widersachere vollzogenen Zeichen und Wunder kein Verstündmß hat? Sie haben mein Gesetz übertreten und sind in Unsittlichkeit verfallen. Ich will mm ihr Andenken unter den Menschen vertilgen. Gehe, Satan, hole mir eine Rolle, daß ich den Vertilgungsbeschluß darauf verzeichne." Da erschien, in Wittwenkleider gehüllt, die Thora und ließ ihre Stimme in Weinen vor Gott erschallen, so daß auch die heiligen Seraphim in Thrünen ausbrachen. „Allgütiger Vater," sprach die Thora, „wenn Du Israel vertilgst, was nütze ich, was nützen meine Gebote dann noch in der Welt?" Auch die Sonne und der Mond, als sie die Klagen der Thora hörten, hüllten sich in Trauer, zogen ihr Licht ein und weinten bitterlich. Gott aber hatte sich mit einer Wolke verhüllt, durch die kein Flehen durchdringen konnte. Da lief der Prophet Elias zu den Gräbern der Erzväter, weckte sie aus ihrem Schlaf und sprach: „Wie lange noch werdet Ihr, Väter der Welt, in tiefem Schlaf versunken sein und nicht achten auf die Gefahr, die über Euren Nachkommen schwebt?" „Die heiligen Engel, Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Erde weinen bitterlich, und Ihr schlummert ruhig und verhaltet Euch gleichgiltig!" „Was giebt's denn?" entgegneten die Väter, „was ist denn geschehen?" „Gott hat beschlossen," erwiederte Elias mit weinender Stimme, „das Andenken Israels zu vertilgen." ’ „Warum denn?" riefen die Erzväter entsetzt ans. „Weil sie von der Tafel des Ahasvcrus gegessen haben." „Wenn die Israeliten das göttliche Gesetz übertreten haben," antworteten die Väter, „können wir für sie nichts thun; auch wir mußten Gottes Strafe für die Uebertrctung des Gesetzes über uns ergehen lassen." Da eilte Elias zu Moses und weinte und schrie mit lauter Stimme: „Du treuer Hirt! wie oft standest Du de» Kindern Israels bei, wie oft lenktest Du in verhängnißvollen Zeiten Verderben und Mißgeschick von ihnen ab, o steh ihnen doch auch in dieser ihrer Roth bei, errette sic vom Untergange!" „Giebt's denn," entgegnete Moses, „einen würdigen Menschen in diesem Geschlecht?" „O ja," sprach Elias, „ich kenne einen sehr würdigen Menschen Namens Mardochai." „So geh," rief Moses, „und melde ihm, daß er dort und ich hier im Gebet für sie verharre." „Treuer Hirt," sprach Elias, „ich vergaß Dir aber zu sagen, daß der Vertilgungsbefehl gegen Israel schon ausgefertigt ist." „Schon ausgefertigt!" schrie Moses, „schon ausgefertigt! So sprich, Elias, wenn Du es weißt, womit ist der Vertilgungsbefehl besiegelt, mit Blut oder mit Lehm? Wenn mit Blut, so ist Israel ohne Erbarmen verloren, wenn aber mit Lehm, so kann unser Gebet Erhörung finden." „Mit Lehm, mit Lehm," erwiederte Elias, in dessen Auge eine Freudcnthräne zu sehen war, „mit Lehm, das weiß ich bestimmt." „So geh, Elias," rief Moses freudig aus, „und thue es dem Mardochai kund. Eile, Du Schlitzgeist Israels, zu dessen treuem Sohn Mardochai und sage ihm in meinem Nanieii, daß er lind ich, er dort und ich hier, für Israel beten, für Israel Gottes Erbarmen erflehen müssen." * . * * In Susan, der Residenz- und Hauptstadt des Königs Ahasverus, herrschte Trauer und Betrübniß. In Sack unb Asche gehüllt durchzogen weinend und weheklageud unzählige Tausende von jüdischen Exulanten die Straßen der Stadt und eilten zu Mardochai, den sie null als einen Mann Gottes und als ihren wahren Freund verehrteil. Mardochai aber saß im Lehrhaus, umringt von zwölftausend Kindern, die in Trauer gehüllt imb mit der Thora beschäftigt, vor Gott weinten und beteten. Da erschien Haman im Lehrhause, warf über die dort versammelte» Kinder eiserne Kelten, setzte Wächter über sie und sprach: „Morgen bringe ich sie zuerst ums Leben, dann lasse ich den Mardochai hängen." Die Mütter aber hatten inzwischen ihren Kindern Speise und Trank gebracht und zu ihnen gesprochen: „Esset und trinket, ehe ihr sterbet, was Euch morgen bevorsteht, damit Ihr nicht hungrig von hinnen scheidet." Da legten die Kinder die Hände auf ihre Bücher und schwuren: „Bei dem Leben unseres Lehrers Mardochai! wir essen nicht tmb trinken nicht, sondern wir wollen fastend sterben." Sie schrieen so, daß ihr Schmerzensruf zum Himmel stieg, uild Gott hörte die Stinlilie ihres Weinens. Es war iil der zweiten Nachtstunde, da ward Gottes Barmherzigkeit erregt, er erhob sich vonl Thron der Gerechtigkeit und setzte sich auf den Thron des Erbarmens und sprach: „Was bedeutet diese Stiinme, die ich höre, als weiln Böcklein oder junge Lämmer schreien?" Da trat Moses vor Gott hin und sprach: „Herr des Alls! Es sind nicht Böcklein lind llicht Lämmer, bereu Stimmen Du hörst, sondern es sind kleine Kinder Deines Volkes, die schon drei Tage und drei Nächte in Fasten und Beten zubriilgen; morgen aber will der Feind sie wie Böcklein und Lämmer hiilschlachten; erbarme Dich ihrer, gnadenreicher Gott!" Da nahm Gott den mit dem Lehmsiegel versehenen Vertilgungsbefehl und verriichtete ihn und warf noch in dieser Nacht Angst lmd Schrecken in Ahasverus Herz, das sich bald von Haman ablvandte und für die Juden in Mitleid und Liebe zu schlagen begann. Elias aber, der die Rathschläge des Satan vereitelt, die Erzväter und Moses aus ihrer Ruhestätte geweckt lind Mardochai Grüße und Befehle von Moses überbracht, ist der Schutzgeist Israels für alle Zeiten geblieben. Druck und Verlag von Rudolf Motte in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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