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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-20 · Heft 12 (20.3.1891) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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143» Jetzt aber war auch seine Aufmerksamkeit angespannt, als der Direktor die traurige Lage schilderte, in welcher sie sich befanden und ihnen mittheilte, daß sowohl der eine, als der andere Parteiführer ihn aufgefordert habe, nur für seine Kandidaten zu stimmen. Das war ein Anblick zum Erbarmen, wie die armen Schulmeister in diesem Augenblick aussahen. Dornhelm hämmerte mit der Hand kriegeslustig gegen den Tisch; Hölzerl faßte sich beim Kopfe, der ihm vor Schmerz schier in Stücke ging, Hasenlaut war bleich vor Schrecken, und sogar Trachtenberg suchte mit aller Gewalt die Gedanken zusammenzuhalten, um in dieser trostlosen Lage einen Ausgang zu finden. „Also, meine Herren," begann er nach längerem Nachsinnen, „wie ich glaube, ist der gute Rath gefunden!" Alle um den Tisch neigten ihm neugierig die Köpfe zu, während er nach einem wiederholten Räuspern sich anschickte, in der Form einer gelehrten Abhandlung seinen Antrag vorzubringen. „Wie Sie wisien, meine Herren," begann er, „sind alle Geschöpfe den Gesetzen der Natur unterworfen und unter diesen auch jene Säugethiere, die sich Menschen nennen! . . ." „Zur Sache! Zur Sache!" drängten Alle, wenig geneigt gelehrte Abhandlungen anzuhören." „Bei allen Thieren," fuhr er unbekümmert um diese Zurufe weiter fort, „ist daher vorauszusetzen, daß, wenn eine Störung in ihrem Organismus eintritt, sie in der Ausübung ihrer Funktion verhindert sind. . . „Das Alles wissen wir lange schon — zur Sache!" fielen ihm Alle ungeduldig ins Wort. „Nun denn," fuhr Trachtenberg fort, „wir armen Lehrer gehören doch unstreitig auch zu jener Gattung von Säugethieren, die sich Menschen nennen — nicht?" „Wir meinen wenigstens!" stimmten alle Lehrer zu. „Folglich," führte Trachtenberg aus, „haben wir gleich allen andern Geschöpfen ein Recht, krank zu sein, was uns nicht einmal der Vorstand verwehren kann, der auch in der That, wenn es einmal dazu gekommen ist, nie etwas dagegen gethan hat, uns darin zu stören — ist es nicht so? . . ." „Leider, sehr wahr!" gaben Alle zu. „Meine Meinung also geht dahin," schloß endlich Trachtenberg, „daß wir Alle wie ein Mann am Wahltage krank werden und uns dadurch auf glattem Wege der Wahlpflicht entziehen, die uns soviel Verlegenheit bereitet — sind Sie einverstanden?" „Vollkommen einverstanden!" lautete die einhellige Antwort. Aber sie machten doch die Rechnung ohne den Wirth, die Herren Pädagogen, denn diesmal war ihnen das Kranksein strengstens vom Gemeinderathe untersagt. Ob der einmüthige Beschluß der Lehrer von Jemandem verrathen wurde, oder kam es nur so durch Zufall, das weiß ich nicht, aber einige Tage später beschied der Führer der einen Partei schon wieder den Direktor der Schule zu sich nach Hause. „Meinen vielleicht die Lehrer," sagte dieser, „sich der Abstimmung zu entziehen, so werden wir wissen, was wir davon zu denken haben. Hatten wir doch immer den Muth, frei und offen die Sache der Lehrer gegen allerhand Angriffe zu vertheidigen. Pflicht der Lehrer ist es also, daß auch sie muthig und mannhaft für unsere Kandidatenliste stimmen, das heißt, wenn sie sich uns nicht zu Feinden machen wollen, denn bei uns gilt die Parole: „Wer nicht für uns, ist gegen uns — Sie verstehen?" Der arme Direktor strengte sich so sehr den Kopf an, zu verstehen, daß er beinahe ganz daran vergessen hat, den vor Verblüffung weit geöffneten Mund wieder zuschließen. Aber was ihm in dieser Rede nicht ganz deutlich war, erklärte ihm noch an demselben Tage ein Anderer, nämlich der Führer der zweiten Partei, der ebenfalls den Direktor zu sich rufen ließ. „Ich glaube mit Recht zu vermuthen," sagte dieser, „daß die Lehrer durch irgend einen Vorwand sich der Ausübung ihres Stiminrechtes entziehen wollen. Damals, als es sich um die Sache der Lehrer handelte, dachten wir nicht daran, zu einem solchen Manöver- Zuflucht zu nehmen. Ich kann Sie daher nur versichern, daß, falls die Lehrer nicht für unsere Kandidatenliste stimmen werden, auch wir in fraglichen Fällen ganz anders Vorgehen werden, Sie verstehen mich wohl!" Und diesmal hatte ihn der Direktor so gut verstanden, daß er vor lauter Verstehen beinahe den Verstand verloren hätte. . . . (Schluß folgt.) U Israels Schuhgeist?) Von Albert Katz. In Susan, der Residenz- und Hauptstadt des Königs Ahasverus, herrschte ein reges Leben und Treiben. Die Granden der Krone, Persiens und Mediens Fürsten und die Obersten des Heeres, die Satrapen und Landpflegcr des mächtigen Reiches, ferner schmucke Mädchen und Jünglinge, wie auch eine unzählige Menge aus allen Schichten der Residenzbevölkerung, zogen, begleitet von Sängern, Harfen- und Flötenspielern, durch die festlich geschmückten Straßen der Stadt zur königlichen Burg hinauf, wo auf Befehl des Königs Ahasverus ein siebentägiges Volksfest veranstaltet ward. Und unter dieser bunten Menge, unter diesem ausgelassenen, überniüthig fröhlich aufjauchzendem Volke, befanden sich auch 18,500 jüdische Exulanten, die kaum von dem Druck der Sklavenfesseln befreit, die Thrünen an Babels Strömen und den mit gebrochenem Herzen geleisteten Schwur: „Vergäße ich dein, Jerusalem, versage mir meine Rechte," dennoch vergessen oder mit Gewalt aus ihrem Gedächtniß verdrängt hatten. Die Mahnung des Mardochai: „Haltet Euch fern von dem Feste, man hat Euch nur eingeladen, um Euch eine Falle zu legen, um Euch mit den Gesetzen Eurer Väter in Konflikt zu bringen, und um Euch nachher vor Gott anklagen zu können", fand keine Würdigung, keine Beachtung. Auch die Erinnerung an ihre ehemalige Größe, an ihr zerstörtes Glück und an ihre verblichene Herrlichkeit vermochte nicht, sie von ihrem Vorsatze, dem Volksfeste in der königlichen Burg beizuwohnen, abzuhalten. Sie hatten für Mardochai nur die einzige Antwort: „Was bringst Du Bilder uns zurück, Die uns versagt fortan? Was zeigst Du uns entschwundenes Glück, Das nimmer kehren kann? Vergangene Freuden und vergangenes Gliick sollen und dürfen uns die Ruhe der Gegenwart nicht rauben. Wir sind keine Juden, wir sind Perser, wir sind treue Unterthanen des Königs, wir sehen nicht ein, warum wir die uns ehrende Einladung zum Feste äblehnen sollten." Und ihrem Vorsatze treu, nahmen sie gleich den übrigen Bewohnern der Residenz an dem Feste Theil, und um ihre Abstammung nicht zu verrathen, aßen sie von der Tafel des Königs, tranken lind berauschten sich gerade wie ihre Festgenossen und verfielen gleich ihnen in — Unsittlichkeit. *) Frei nach dem Midrasch.

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