Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 hat bei ihnen nie existirt. In der biblischen Zeit' ließen sie die Propheten nicht auslommen, die die Seele der Religion, das Gewissen des Volkes waren. „Von den Sünden meines Volkes leben sie" sagt in Bezug auf die Priester, also gewiß ohne Ueberschätzung, Hosea so. 4, V. 8). Mit epigrammatischer Schärfe giebt er zu verstehen, daß sie von den Opfern ihre Abgabe erhielten, und sich also desto besser standen, je mehr gesündigt wurde, zu welchem Zwecke sie wohl selber die Opfer als Sühne empfahlen. (Schluß folgt.) FEUILLETON *»- Nie Grinerndewahlen in Großcheim. Ein Kulturbild aus Galizien. Von Nathan Saniuely. Die ganze Gemeinde gährt und überschäumt wie ein Kessel voll siedenden Masters, und die Kochlöffel der Stadt rühren und wühlen den Sud auf. Es klappern die Pressen, zu Tausenden fliegen die Wahllisten nach allen Richtungen aus, ein Heer von Agitatoren tummelt sich in den Straßen, und von den Stadtmauern schreien Riesenplakate dem Vorübergehenden ein „Halt" zu. „Es geht an die Vorsteherwählen!" Dieser Trubel, könnte man eigentlich behaupten, wiederholt sich jedes dritte Jahr in der Gemeinde, das heißt, bei jeder Neuwahl. Da sind dieselben Agitatoren rührig, schreien dieselben Plakate von den Wänden einem entgegen und tauchen immer und immer dieselben bemoosten Häupter wieder auf, die ewigen Kandidaten, die wie besesten von einem Wähler zum andern rennen, um sich Stimmen zu erbetteln. Dieses Jahr jedoch geht es noch viel stürmischer in den Gasten zu, denn die Zustände haben sich gründlich geändert. Mehr schon als zehn Jahre nämlich behaupten - sich die alten Gemeindevorsteher auf dem curülischen Stuhle, denn alle einundzwanzig Gemeinderäthe, aus welchen der Vorstand besteht, hielten immer einmüthig zusammen und bildeten eine Phalanx gegen jeden Eindringling. Sie waren es, die vor jeder Neuwahl das Wahlkoinitce zusammensctzten, natürlich aus lauter Parteimännern, und so fehlte es wohl nicht an Leben und Bewegung, an Agitatoren und Wahllisten, an schreienden Plakaten und au Versammlungen in den Synagogen, aber alle diese Versammlungen, Agitatoren und Plakate hatten nur die einzige Bestimmung, „da capo!" in die Welt hinauszuschreien, und da erschienen auch richtig nach jeder Neuwahl dieselben Vorsteher als Helden auf der Schaubühne. Diesmal jedoch kam es zu einem Zwiespalt unter den Gemeindevorstehern selber, so daß sie sich in zwei Lager theilten. Ein jedes dieser beiden Lager suchte das zweite zu Falle zu bringen und statt dessen neue Kandidaten in den Vorstand hineinzuwählen. Jede dieser beiden Parteien wieder bildete ein besonderes Wahlkomitee, das mit dem Entwürfe einer Kandidatenliste sich beschäftigte. Da jedes Wahlkomitee in der Regel aus zweihundert Personeil besteht und jede voll diesen durch die Aussicht, daß neue Vorsteher jetzt hinzukommen müssen, in sich die Ueberzeugung trug, daß sie die einzige auserlesene sei, so entstanden auf einmal vierhundert Prätendenten. Das war aber noch nicht Alles. Durch das Zerwürfniß in deni Gemeindevorstand war auf einmal der Zauberbann gelöst, von dem die Gemeinde bis jetzt beherrscht war, und diese zerfiel in gar viele Wahlkörper, von welchen jedes Mitglied, mochte es zu den Geringsten des Volkes zählen, gleichsam den Marschallstab im Tornister führte. Das war eine wilde Jagd in der Gemeinde! Wähler existirten nicht mehr, sondern nur Kandidaten und Agitatoren. Die Steuerzahlenden waren Kandidaten und die Nichtbesteuerten Agitatoren. Unter den vielen hoffnungsfreudigen Menschen der Gemeinde gab es eine kleine Wählerschaar, die nur mit Furcht und Bangen dem Wahltage entgegensah. Diese waren die Lehrer der jüdischen Gemeindeschule und die anderen Gemeindebeamten, denen wohl das Recht zustand, zu wählen, nicht aber gewählt zu werden. Durch die Zerwürfniffe in der Gemeinde waren sie vor die Entscheidung gestellt, gegen die eine oder die andere Partei Front zu machen, was von nicht unbedeutendem Nachtheil für sie sein müßte, weil sie ja von der Gunst des Gemeinderathes ewig abhängig sind. Dazu noch geschah es, daß an einem jener Tage der Direktor der Schule von. dem Anführer der einen Partei zu sich nach Hause beschieden wurde. „Sie wissen wohl," eröffnete ihm dieser, „daß die Gemeinderathswahlen im Zuge sind!" „Ja, ich weiß es," seufzte der arme Direktor. „So werden Sie wahrscheinlich auch wiffen," fuhr Jener fort, „daß wir uns von den andern Gemeinderäthen losgesagt haben und eine besondere Partei bilden, die eine eigene Kandidatenliste aufstellt." „Auch das weiß ich," seufzte noch tiefer der Direktor. „Nun, wenn Sie das Alles wissen," fuhr der Parteiführer fort, „so brauche ich es Ihnen nicht erst zu sagen, daß nicht allein Ihre Pflicht, sondern auch Ihr Interesse es Ihnen gebietet, mit allen Lehrern wie ein Mann für unsere Kandidatenliste zu stimmen, denn wir haben immer die Sache der Schule mit Wärme und Eifer beim Vorstande vertreten. Aller Voraussicht nach werden wir Sieger bleiben. Daß Sie sich uns zu Ihren Feinden machen, ist keineswegs rathsam - Sie verstehen? . . ." Ob er ihn verstand, der arme Direktor; aber noch an demselben Tage forderte auch noch ein Zweiter von ihm, daß er ihn verstehe und dieser war der Anführer der zweiten Partei, der gleicher Weise ihn in einer „dringenden Angelegenheit" zu sich rufen ließ. Auch er versicherte ihm, daß der Wahltag den Sieg für seine Partei entscheiden werde, und auch er ließ die Drohung leise anklingen, daß, falls die Lehrer nicht blind seiner Parole folgen werden, sie mit ihm und seiner Partei anbinden, und auch er schloß seine Unterredung mit dem vielsagenden: „Sie verstehen?" Aber diesmal vermochte der arme Direktor eigentlich gar nichts zu verstehen, so konfus fühlte er sich. Er fand keinen andern Ausweg, als alle Lehrer zu einer gemeinsamen Besprechung einzuladen, wie in dieser verzweifelten Lage vorzugehen sei. Da saßen sie um den grünen Tisch, alle die armen Schulmeister; Eduard Dornhelm, der vormals einige Jahre beim Militär gedient, weshalb er stets in Bereitschaft war dreinzuhauen; ferner Moritz Hölzerl, ein kleines Männlein, mit blassen, eingefallenen Wangen, das über ewige Kopfschmerzen klagte, auch fehlte nicht Arnold Hasenlaut, den sein eigener Schatten in Schrecken setzen konnte, weshalb er sich immer scheu von Menschen fern hielt, und auch Elias Trachtenberg blieb nicht zurück, ein Mann, der sich stets mit seinen Gedanken und Büchern beschäftigte und deshalb immer so zerstreut war, daß er selten etwas davon wußte, was man zu ihm sprach. „Sie wiffen wohl, meine Herren," eröffnete der Direktor, „Sie wissen wohl, warum es sich handelt — es handelt sich um die Gemeinderathswahlen!" „Um die Gemeiuderathswahlen," wiederholten alle nach pädagogischer.Regel das Endwort, jeder in seiner Weise mit einer eigenen Betonung. „Gemeinderathswahlen," schleppte sich die verschlafene Stimme Trachtenbergs nach, gleichsam mit Separatzug, weil er erst durch den allgemeinen Ruf zu sich gekommen war.