Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 kontroliren mußten (ant. lib. XV, 1). Auch seitens der Zeloten war diese Vorsicht grübt worden, allein Jochanan handelte im Einverständniß mit seinem Schwestersohn, der ein Haupt der Sikarier, Dolchmänner, war. Letztere vergleicht Geiger sehr passend mit den Jakobinern, während die Zeloten, die leider in Verblendung längere Zeit mit den erstgenannten gemeinsame Sache machten, die Girondisten bilden. Vespasian, der, über die Vorgänge in der Stadt durch Spione unterrichtet, den Rabbi freundlich empfing, wurde von demselben mit den Worten: „Vive domine imperator,“ Heil dem kaiserlichen Herrn, begriißt. Dieser der Geschichte vorgreifenden Huldigung diente der Hinweis auf den Bibelvers (Jes. 10, 34), der Libanon, das heiße die hoch- .ragende, die Stadt Jerusalem, werde durch einen Fürsten fallen, zur Stütze. In dieser Bedeutung, heißt es in dem Berichte (Gittin 56) weiter, kommt das betreffende Wort auch Jerem. 30,21 vor: „Und sein Fürst wird sein aus ihm, und sein Herrscher aus seiner Mitte hervorgehen," eine Weissagung über eine spätere Zeit. Jochanans Prophezeiung findet sich übrigens auch im Munde des Josephus in seiner Lebensdarstellung. In seiner Geschichte des jüdischen Krieges (VI, 5, 4) heißt es: „Was die Juden am meisten zum Kriege trieb, war ein doppelsinniges Orakel in ihren heiligen Schriften, daß zu dieser Zeit einer aus ihrem Lande die Weltherrschaft erlangen werde. Diese Worte deuteten selbst viele ihrer Weisen auf einen aus der Mitte der Nation. Das Orakel wies jedoch auf die Kaiserwürde Befpasians hin, der in Juda (natürlich von den syrischen Legionen) zum Imperator erhoben werden sollte." „Andere Juden," sagt Renan (Antichrist, S. 390) bei Besprechung der fraglichen Stelle im Josephus, „gingen in denselben Gedanken ein und übertrugen Vespasian eine Art messianischer Rolle." Er citirt dabei ben Sakkais Berufung auf die biblischen Verse, von denen der zweite allerdings messianisch ist, aber für den Kenner unzweifelhaft nur als die talmudische Bekräftigung des auch im ersten Verse enthaltenen Ausdrucks, in der Bedeutung „Fürst" anzusehen ist. Ich habe mich deshalb so lange dabei aufgehalten, weil mir Rabbi Jochanan den Sakkai als Charakter zu hoch steht, um mit dem Parasiten Flavins Josephus auf Eine Linie gestellt zu werden. Der Kaiser stellte ihm eine Bitte frei und mit großer Weisheit, die ihm uachgerühmt wird, so daß es heißt: „Mit seinem Tode hörte der Glanz der Weisheit auf," trug er das scheinbar so geringfügige Anliegen vor, daß es ihm gestattet werden möchte, in Jamnia (Jabne), einer Stadt westlich von Jerusalem, nicht weit vom Mittelmeere, die sich den Römern ergeben hatte, ein Lehrhaus zu gründen und von dort aus die religiösen Angelegenheiten;u leiten. Dieser Wunsch ward ihm erfüllt und damit der Bestand des Judenthums gesichert. Richten wir zunächst unser Augenmerk darauf, wie Jochanan und seine Umgebung es verstanden, ihre Glaubensgenossen, nachdem Jerusalem und der Tempel zerstört waren, aus der Lethargie, aus dem dumpfen Brüten, dem sie sich überließen, aufzuwecken. Gar manche enthielten sich in maßloser Trauer des Fleisch- und Weingenusses. Diese wurden, wie der Talmud (Bab. bath. 60) erzählt, von dem bereits erwähnten Josua den Chanania, der in vielen Stücken das Spiegelbild seines Meisters ist, zur Einsicht gebracht. „Wie kommt ihr dazu," sprach er zu ihnen, „euch solche Entsagung aufzulegen?" Sie erwiederten: „Wie, wir sollten Fleisch essen, während der Altar keines mehr erhält, Wein trinken, während man keinen mehr auf den Altar gießt?" „Nun," sprach er, „so dürften wir auch kein Brod essen, weil die Speiseopfer aufgehört haben, Früchte nicht, weil die Erstlinge nicht mehr geopfert werden, kein Wasser trinken, da man Wasser auf den Altar goß!" Besonders schärfte er es den Gelehrten bei dieser Gelegenheit ein, Maß zu halten in ihren Anordnungen. Darauf kam cs damals vor Allein an, den Kopf oben zu behalten, daß der Druck nicht apathisch und indolent mache, wie es den Christen in den Zeiten harter Verfolgung erging. Denn nur so läßt sich, nach Fichtes ansprechender Darlegung im achten seiner Briefe an die deutsche Nation, der vielberufene Ausspruch erklären: „Ihr sollet nicht widerstreben dem Hebel, sondern, so dir Jemand einen Streich flieht auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar, lind so Jemand deinen Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel." In Jochanan ben Sakkai finden wir, wie gesagt, den von der Vorsehung berufenen Mann, der die Situation begriff, die Geiger (Nachgel. Schr. II., 118 f.) kurz und treffend mit folgenden Worten kennzeichnet: „Die zwei mächtigen Erschütterungen waren nun für das Judenthum eingetreten: die Auflösung des jüdischen Staatswesens, die Zerstörung des Tempels, entzog ihm seine alten Grundlagen, raubte ihm die ererbten Güter der Vergangenheit; die Behauptung, der Messias sei erschienen, die Gründung des Christenthums, erklärte es der erhofften Zukunft verlustig. Während man sich in der Gegenwart einzurichten suchte, mußte man Vergangenheit und Zukunft zu retten bemüht sein. Die Gestaltung und das Festhalten der Gegenwart zeugt von einer unerschöpflichen Lebenskraft, sie knüpft sich an den Namen Jochanan ben Sakkai, den Schüler Hillels." Seine Wirksamkeit läßt sich nach drei Richtungen hin zusammenfassen: 1. Kräftigung des religiösen Lebens durch Berücksichtigung der Zeitverhältnisse bei seinen Anordnungen. 2. Humanität in der Auslegung der Bibel und Betätigung derselben im Lebe». 3. Innige Beziehung zu seinen Schülern, und persönliche Einwirkung auf dieselben. Eine Kräftigung des religiösen Lebens, das unter dem Drucke der erschütternden Vorgänge znsammenzubrechen drohte, lag ihm am Herzen. Das ließ sich aber nicht durch Lösung oder Lockerung der vielfältigen Gesetzesbestimmungen, die das Leben mit einem eisernen Netze umspannten, bewerkstelligen. Denn jetzt galt dieses für notwendiger, als je zuvor. Sahen sie sich einerseits dem Heidentum und Christenthum gegenüber, so war andererseits das staatliche Band, das sie umschloß, vernichtet, und die bis ins Einzelne geordnete Lebenseinrichtung, die für Jedermann verpflichtend war, .mußte es ersetzen. „Das ängstliche Anklammern an das Gegebene," meint Geiger (Das Judenthum und seine Geschichte, Bd. II., S. 30), bei Besprechung von Akibas Auslegungsweise, „war eine traurige Notwendigkeit, wenn nicht Alles in Trümmer zerfallen sollte. Der Geist konnte sich nicht in seiner Freiheit offenbaren; einer Welt, die roh und gewaltsam ihm entgegentrat, würde er in seiner flüssigen und innerlichen Weise nicht haben widerstehen können, er bedurfte eines harten, ihn umgebenden Stoffes, der schützenden Hülle, des Schirmdaches, unter dem die zerstreuten Glieder sich fester aneinander schloffen." So erklärt sich die zum Theil kapriziös festgehaltene Eigenart, so die immer weiter gehende Ausbildung des Formalismus. Darin lag natürlich auch der Grund, daß das Judenthum sich von der griechischen Kultur so ganz und gar abschloß. „Die Thora," heißt es bei Renan (Bd. VI, S. 246), „wurde als die ganze Philosophie und alle Wissenschaft umfaffend angesehen, als von jedem andern Studium dispensirend. Das Christenthum war weniger exklusiv und nahm in sich einen großen Theil der hellenischen Tradition auf. Getrennt von diesem großen Lebensborn, verfiel Israel in einen Zustand der Armuth oder geistiger Verirrung, von welchem es sich erst durch den Einfluß der sogenannten arabischen Philosophie frei machte, d. h. eben unter dem Einfluß eines Strahles vom Lichte der Hellenen, der sich in eigenthümlicher Weise brach." Nur würden wir fehl gehen, wenn wir niit Ewald, dem zum Theil auch Renan folgt, annehmen wollten, daß eine Heiligherrschaft auf den Juden gelastet hat. Eine solche