Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
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140 aber mail könnte ihn den Typus eines solchen nennen. Er hatte die Tugendeil und Vorzüge, aber auch die Schattenseiten dieses fleißigen^ preußischen Beamtenstandes aus seiner liberalen Epoche. j Das Ideal seines Rechtsstaates setzte, wie Bamberger richtig sagt, unfehlbare Richter voraus, Richter von einer Geistesschärfe, Geisteskraft und Unabhängigkeit des Denkens, wie sie im Durchschnitt heute nicht existiren. Aber ich möchte hinzufügen, es setzt auch viel edlere vollkvmmnere Menschen überhaupt voraus, als die heutige Welt kennt. Seine Tendenz, möglichst kurze und leichte Strafen ins Strafgesetzbuch zu bringen, wie seine Hoffnung auf seine Thätigkei^ für den ewigen Frieden, hängen mit diesem Optimismus zusamnien. Und ich möchte weiter hinzufügen, dieses Ideal des Rechtsstaates, das ihm vorschwebte, das er feierte als die „bevorzugte Mission des Germanenthums", das brauchte zu seiner vollen Verwirklichung einen abstrakten unlebendigen Staat, ohne Klassenkäinpfe, ohne internationale Entscheidungs- und Machtkämpfe, ohne andere Aufgaben, als die Rechtspflege und Rechtsherrschaft. Er vergaß, da^ das Recht, selbst nur ein Produkt und eine Form des gesellschaftlichen Lebens, unvollkommen, veraltet, verfehlt.sein kann, daß über der Form der innere Gehalt des sittlich-sozialen Lebens steht. Wenn Laster stets die Zukunft Deutschlands an Preußen anknüpfte und den Beruf Preußens zur Regeneration Deutschlands darin begründet sah, daß die preußische Gesetzgebung seit Friedrich II. und auf seine Anregung begonnen habe, in der Rechtsherrschaft die Kraftentfaltung zu sehen, so lernte er im Kriegsjahre 1866 selbst einsehen, daß es sittlich berechtigte große Kräfte außerhalb des formellen Rechtes gäbe, daß umgekehrt die nationale Kraftentfaltung Voraussetzung für die Anbahnung des Rechtsstaates sei. Es war ein großes Glück für das deutsche Parlament, daß ein so einflußreicher liberaler Parteiführer damals so hoch über dem Phrasengeklingel des Manchesterthums, das gerade in jenen Jahren mehr und mehr in das Schlepptau der traute ünanee überging, das einige seiner belvährtesten Führer damals in dem Chorus der „Gründer" erscheinen sah, stand und die Gesetzgebung in entgegengesetztem Sinne beeinflußte. Lasters sozialpolitische Anschauungen verdienten eine ein? gehende Würdigung. Ich kann hier nur kurz versuchen, sie zu charaktcrisiren und zu erklären. Laster war der Mann des Rechtsstaates und der individuellen Freiheit; aber er war nie Manchestermann; die Plattheiten und Fiktionen Mac Cullochs und Seniors, Says und Bastiats beherrschten ihn nicht; er war zu sehr Jurist und Rechtsphilosoph, um an das Wahngebilde der zwei getrennten Welten des Rechtes und der Wirthschaft zu glauben, in deren einer die Gerechtigkeit throne, während in der anderen von Rechtswegen die Willkür, das Faustrecht des Stärkeren, die geriebene Pfiffigkeit des Schlaueren triumphiren soll. Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, von peinlicher Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit, hatte er keine Sympathie mit jenem brutalen, gewissenlosen Ringen um raschen großen Gelderwerb, das gleichgiltig gegen das Schicksal der Arbeiter, stumpf gegen alle Regeln des Anstandes, der Moral und des Rechtes ist. Die Volkswirthschaft war ihm nicht eine Domäne, in welcher dem Großkapital freie Bahn zu schaffen als die erste Aufgabe erleuchteter liberaler Wirthschaftspolitik erschien. Er ergriff mit Energie denselben Grundgedanken, der die neuere deutsche Nationalökonomie beherrscht, daß Moral, Sitte und Recht leitend, strafend, Ziel und Maß gebend auch die wirthschaftlichen Daseinskämpfe beherrschen sollen. Und von diesem Standpunkt aus hat er immer energisch, oft mit hohem moralischen Muthe und sehr häufig in schroffem Gegensatz gegen seine liberalen Freunde in die Reichßtagsdebatten eingegriffen. Seine Angriffe auf die Mißbräuche im EiseirbahnkonzessioNsrvesen und das Treiben der Gründer sind in aller Erinnerung. Wenn heute noch die Einen ihn anklagen, er sei hier nicht weit genug gegangen, und die Anderen — seine manchesterlich sezessionistischen Freunde — er habe einzelne Erscheinungen mit dem allgemeinen Charakter unseres Erwerbslebens verwechselt, er habe den Mißgriff begangen, eine Bewegung des Haffes und der unlauteren Zwecke zu entfeffeln, so beweisen diese doppelten Anklagen vielleicht, daß er nach dem Maße des in seinen Händen liegenden Beweismaterials eben die richtige Mitte hielt. Ich möchte sagen, Laster habe — und zwar er allein —das Gewissen der deutschen Nation sowie das Ansehen und die Ehre der großen deutschen Vertretungskörper dadurch gerettet, daß er in einer Zeit unerhörter Mißbräuche, die in Aller Munde waren, die Dinge bei ihrem wahren Namen nannte, sich nicht zu jenem Todschweigen hergab, wie cs in die Karten aller Derjenigen paßte, die damals außerhalb lind innerhalb des Parlaments sich mit unsauberen Geschäften abgaben. Eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Aufgabe eines Parlaments ist es ja, derartige große Schäden der Verwaltung und des öffentlichen Lebens in würdiger Weise, mit Ernst und Sachkeuntniß anfzudecken. Die öffentliche Diskussion enthält schon den ersten Keim der Reform und Befferung in sich. . . . Gewiß kann Laskers Wirken mit dem des großen Kanzlers an praktischer Bedeutung gar nicht verglichen werden. Aber wenn die Nachwelt einst dem größten Deutschen des 19. Jahrhunderts sein ehernes Denkmal errichtet, so wird doch unten an einem Relief auch ein Platz für Laster und Schulze neben anderen hervorragenden Parteiführern der Zeit übrig bleiben; die Nachwelt würde nicht verstehen, warum sie da fehlten. Denn Beide haben an ihrem Theilc — trotz vieler Jrrthümer — einen guten Kampf für Ideale gekämpft, die dem wiedererstandenen Deutschen Reiche zur Zierde gereichen. Die Idee des Rechtsstaates und das Genoffenschaftswescn, das waren die Ziele ihres Lebens. d Jochanan den Sakkai. Vortrag, gehalten im Verein ehemaliger Zöglinge der jüdischeil Lehrer-Bitdungs-Anstalt zu Berlin. Von Dr. I. Egers. Geehrte Herren! Scheuen Sie es nicht, nrir ztmächst mitten hinein in eine stürmisch bewegte Zeit zu folgeir, in der das wüste Parteigewirre durcheinailder wogt. Es sind die letzten Zuckungeil der zu Tode gehetzten Stadt Jerusalem. Die Persönlichkeit, die ich Ihnen alls diesem Getriebe vorführe, wird Ihnen den Druck voni Herzen nehnien, von welchem Sie/ zumal es sich uin den tragischen Abschluß der nationalen Vergangenheit des eigenen Stamines handelt, an die so viele heilige Erinnerungen geknüpft sind, sich bekloinmen fühlen. Die Persönlichkeit, die ich Ihnen vorführe, ist der provideutielle Man», der der Katastrophe vorgebeugt und den Bestand des Jndenthums dadurch gesichert hat. Es ist Rabbi Jochanan ben Sakkai. Er habe, berichtet der Talmud (Joma 39), schon vierzig Jahre vor der Zerstörung Jerusalems dieses Verhängniß vorausgesehen, da die Pforten des Heiligthums sich plötzlich von selbst öffneten, eines der Vorzeichen, die auch von Josephus angegeben werden. Das Vergebliche eines Kampfes gegen Rom erkennend, ließ er, der mit an der Spitze der Friedlichgesiilnten stand, sich von seinen hervorragendsten Schülern, Elieser und Josua, in einem Sarge, als angeblicher Todter, aus der Stadt tragen, um sich in das römische Lager zu Vespasian zu begeben. Eine solche List war nicht neu; hat ja schon Herodes an den Thoren Jerusalems Wachen aufstellen lassen, welche die Leichenzüge