Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
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139 Gin Rrtheil nbtx Eduard Lasker. Wenige öffentliche Charaktere unserer Zeit werden so verschiedenartig beurtheslt, wie Eduard Lasker. Die Vergleiche, die neuerdings zwischen ihm und Windthorst angestellt wurden, haben das wieder deutlich bewiesen. Da thut es denn wohl, einen Mann zu hören, desien Name autoritativen Glanz hat, der als einer der vornehmsten Führer auf dem Gebiete oer Staatswiffenschaften eine entscheidende Stimme besitzt. Prof. Gustav Schm oller, der berühmte Nationolökonom, hat in seinem neuesten Werke: „Zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart" (Leipzig 1890) eine sehr interessante Parallele zwischen Schulze-Delitzsch und Lasker gezogen, aus der wir aber nur das Urtheil über Letzteren, als für unsere Zwecke von besonderem Werth, im Auszug hier folgen laffen. Prof. Schmoller beginnt seinen Aufsatz folgendermaßen: „Im April 1883 starb Hermann Schulze-Delitzsch, im Januar 1884 folgte ihn! Eduard Lasker. Beide waren Koryphäen der liberalen Parteien, Beide standen in den letzten 25 Jahren im Vordergrund der politischen Schaubühne; Beide haben sich einer seltenen Popularität erfreut, Beide haben als die hervorragendsten mnd eindrucksvollsten Redner ihrer Parteien geglänzt; Beide haben in unserem öffentlichen Leben tiefe, unvertilgbare Spuren ihrer Wirksamkeit hinterlasien; Beide sind aus bescheidenen Verhältnissen hervorgegangen, haben sich durch eigene Kraft emporgearbeitet; Beiden muß die edelste Hingabe an das Vaterland, die selbstloseste Arbeitsamkeit, die makelloseste Reinheit des Charakters nachgerühmt werden. Beide sind in bescheidener Lebenslage aus dem irdischem Dasein geschieden. Die Bedeutung von Beiden ruhte in erster Linie auf ihren moralischen Eigenschaften, auf dem Idealismus, der sie beseelte. Die Schwäche Beider hing mit den Jrrthümern des abstrakten doktrinären Liberalismus zusammen, dem sie Beide reichlich ihren Tribut gezahlt haben. Und doch lassen sich andererseits nicht zwei verschiedenere Männer denken. Hier der breitschultrige Schulze, ein wahrer Volksmann und Tribun mit donnernder Stimme, ein sanges- und lebenslustiger Sachse, ein Mann des Humors und praktischen Lebens, ein unermüdlicher wirthschaftlicher Agitator und Vereinsgründer, und dort der kleine zarte Lasker, der Deutschjude aus Posen, mit dünner Stimme und fast asketischer Lebensweise, voll ernst sentimentaler Humanität, mit seiner nach Innen gerichteten Gedankenentwickelung, der Mann des formalen Rechts der Studirstube und der Gesetzesparagraphen." Dann schildert Schwoller das Leben und die Thätigkeit Lasters in folgender Weise: Eduard Lasker war der Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns zu Jaroczin in der Provinz Posen; 1829 geboren, soll er in seiner frühen Jugend „eine fast einseitig zu nennende Ausbildung in dem hebräischen Schriftthum" erhalten haben. Wohl mag seine logische Kraft durch talmudistische Bildungselemente gestärkt worden sein, wie später durch mathemathische Studien auf der Universität. Im Uebrigen, glaube ich, ist es stark fehlgegriffen, ja eine Versündigung an ihm, diesen Zusammenhang mit dem Talmud zu betonen. Wie er stets ein Deutscher sein wollte, so ist seine ganze Bildung eine spezifisch deutsch-philosophische. Mit überwiegend weicher, gemüthvoll ernster Seelenstimmung wurde er von Schiller, von der deutschen Litteratur und Philosophie aufs Tiefste erfaßt. Er erzählt selbst, daß er schon als Knabe in der deutschen Herrschaft der Hohenzollern in Posen das Glück des Landes gesehen habe. Er war in Berlin dann viele Jahre der treueste Freund in dem Hause Twesten, wo Schleiern! achersches Christenthum und freie Forschung herrschten. Es wird mir von kompetenter Seite versichert, er habe sich viel mit der Comteschen Philosophie abgegeben, und seine philosophischen Geschichtskonstruktionen erinnern jedenfalls an Comte. Im Ganzen aber habe ich aus seinen Schriften, Reden und Gesprächen mehr den Eindruck eines philosophischen Autodidakten und Eklektikers gehabt, der mit einer nicht gewöhnlichen Kraft abstrakten Denkens an alle Probleme herantrat, aber niemals zufrieden war, etwas zu kennen, zu glauben, zu fordern, wenn er es nicht in die oft weit hergeholten und breitausgesponnenen systematischen Gedankenlinien eingereiht hatte, die ihn beherrschten. Er war ein Mann der Prinzipien, der mit unwandelbarer Folgerichtigkeit von seinen Idealen aus in syllogistischen Schlußsätzen sich weiterbewegte.' Diese bestimmte Geistesverfassung scheint mir der Schlüffe! zu seinem ganzen Wesen. Sie erklärt die fast anmaßende Sicherheit, mit der er trotz innerlicher Bescheidenheit vom ersten Tage seiner politischen Wirksamkeit an auftrat. Sie erklärt die Breite seiner Schriften und Reden, die lehrreiche Gewissenhaftigkeit, mit der er hoffte, Andersdenkende zu überzeugen, den doktrinären Ernst, mit dem er auch im Privatgespräch zum dogmatisirenden Dozenten wurde. Sie erklärt es, daß und warum er gleichsam zum Juristen geboren, im Rechtsstaat das Ideal seines Lebens fand. Mit dieser Geistesverfassung hängt sein Eigensinn, seine Unbequemlichkeit als Parteimann, seine Selbständigkeit gegenüber Parteilehren zusammen. Ein doktrinärer Syllogistiker und formaler Jurist mußte er zu dem größten praktischen politischen Genie des 19. Jahrhunderts nothwendig trotz mancher gemeinsainen Sympathien, trotz langen gemeinsamen Wirkens in einem Innern Gegensatz stehen. Es sind fast die zwei äußersten Pole menschlicher Begabung und politischer Befähigung, die sich in ihm und Bismarck gegenüberstanden. Auch seine Wirksamkeit als Redner scheint mir nur so verständlich. Ein starker unerschütterlicher Glaube an wenige Ideale mit einer syllogistischen Verstandesverfassung — das giebt nicht die hinreißenden, aber die eindringlichen, wirksamen Redner und Dozenten, — es ist eine Geistesverfassung, die zu wissenschaftlicher Arbeit wenig förderlich, für den Juristen und Parlamentarier sehr brauchbar ist. Man hat ihm oft vorgeworfen, es fehle ihm an praktischen Kenntnissen. Das ist insofern unrichtig, als er in unbefangener, fast kindlicher Weise stets bereit war, zu lesen, zu lernen, zu hören, Neues in sich aufzunehmen, auch aus dem praktischen Leben selbst sich zu orientiren. Diese Fähigkeit geht den Meisten, welchen die Parteitrainirung die Parteibrillen und Parteischeuklappen aufstülpt, ja leider verloren. Erhalte zu viel innere Freiheit des Geistes, um sich die gewöhnliche Knechtschaft der Parteigesinnung gefallen zu lassen. Aber was er in sich aufnahm, war doch immer mehr die Belehrung durch Bücher, als die durch das Leben. Und alle Belehrung, die praktische und theoretische, reichte an ihn nicht heran, ehe sie gleichsam durch die Mühle seiner konstruktiven Gedankenarbeit hindurchgegangen war. Seine historischen Studien blieben im Fahrwasser des älteren Liberalismus; er verehrte in Schlosier noch eine große politische Autorität.' Der preußische Staat begann eigentlich für ihn erst mit dem Jahre 1848. Das preußische Königthum leitete alle seine Gewalt nach ihni aus der Verfassung ab. Von den realen Mächten der Geschichte kannte er einen Theil gar nicht, einen andern sah er unter schiefem Gesichtswinkel. Und wenn er sich in diesen seinen Anschauungen später etwas modifizirt hat, die Grundrichtung blieb unverändert. Und so weit ich die Dinge übersehe, will mir scheinen, daß nach seiner Begabung und Geistesanlage, nach seinen Idealen und seinen Leistungen, nach seinem Lebensgang und den Schranken seiner Individualität hier der Schwerpunkt seines Wesens liege, wie auch Bamberger in seiner Gedächtnißrede ihn als Mann des Rechts und der Gerechtigkeit feierte. Er war Jurist von Hause aus und nach seiner Verstandesorganisation. Er war nie preußischer Kreisrichter,