Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227890--47801-3270285- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
—— 188 -*■ Jenseits, sondern er gehörte nach ihrer Vorstellung mit zum Ganzen der Welt. Einigen Propheten und Dichtern war Gott schon die Welt. Als zweites bedeutsames Lebenselement ist die Einheit des. patriarchalischen Staatswesens zu bezeichnen. Niemals mtfr nirgendwo machten sich zwei oder noch mehrere Staatsmächte geltend. Alle Stämme wurden von einem Willen geleitet/ von einem Bewußtsein getragen; denn sie fühlten sich als eine große Volksfamilie, und Jeder war sich bewußt, ein thätiges Mitglied dieses schönen Familienbundes zu sein. Alles in ihm, die realen sowie die idealen Güter, war ihnen überdies weltlich. Erkannten sie doch in diesem Staatsganzen einen Theil des Weltganzen, wie immer sie sich das Weltganze auch sonst vorstellen mochten. Der Begriff des Geistlichen war ihnen unbekannt und das Institut der Kirche war noch nicht erfunden. Ihnen war alles Leben und Streben der menschlichen Kreatur gerade so weltlich, wie ihnen alles Andere im Schöpfungsganzen durchaus weltlich und der göttliche Geist ihnen eben die Seele alles Weltlichen war. Drittens machte sich als eine Bedingung für das Gedeihen und die Kraftentwickelung des Volkes die auf Gerechtigkeit gegründete soziale Eintracht und Wohlfahrt geltend. In einem Lande, in welchem Gerechtigkeit waltet, kann es keine Vorrechte und folglich auch nicht jene gefährlichen Auswüchse am Gesellschaftskörper geben, welche die Grundlagen der Staaten, namentlich in unserer Zeit, erschüttern. Alles, was die Hebräer zum Leben nöthig hatten, besaßen sie zur Genüge; und Gegenstände der Pracht- und Prunkliebe kannten sie nicht. Niemand brauchte nach Gold und Goldeswerth zu jagen; und Praffer und Schwelger gab es nicht unter dem Volke. Man kannte deshalb aych keine Nothleidenden, keine geistig und physisch Elenden, keine Verzweifelnden. Der physisch Starke trat den physisch Schwachen noch nicht unter seine Füße. Und das Land, das schöne, fruchtbare Land gehörte nach göttlicher Weisung nicht einigen Wenigen, sondern allen Volksgenossen. Jahve war der Besitzer des Landes von Ewigkeit her; aber er hatte es Abram und jedem Einzelnen seines Volkes, sowie allen ihren Nachkommen und allen Geschlechtern auf Erden zur Pflege, Bebauung und Nutzbarmachung übergeben, und ein Jeglicher sollte die Früchte des heimatlichen Bodens vollauf genießen. Und darum, weil dieHebräer einen Gott verehrten, der sich ihnen in allen seinen Schöpfungswerken offenbarte; weil ihre kindliche Seele unverdorben war von abergläubischen Vorstellungen und frei von Götzendienerei; weil ihr Staatswesen einheitlich geordnet war und nach gerechten Grundsätzen regiert wurde, ein jeglicher Theil hatte an der Benutzung des Bodens und seiner Erzeugnisse, und weil das Band der Bruderliebe alle Volksglieder umschlang, — darum war der patriarchalische Staat durch und durch auch ein religiöser Staat. Die tiefe und praktische Neligiösität der Hebräer ist ein vollgültiger Beweis für die Thatsache, daß die ersten religiösen Regungen in der menschlichen Seele nicht durch die Lehren der Priester, sondern im Gegentheil in Folge der durch die Priester!osigkeit des Volkes rein und unbefangen gebliebenen mittelbaren Anschauung der göttlichen Dinge in der Volksseele hervorgerufen waren. Religion war längst schon ein heiliges Gut der Menschheit, ehe die Wortlehrer über Religion eine gewisse Richtung des Glaubens und Mcinens, sowie die Verkündigung gewisser Lehrsätze und die Ausübung gewisser Gebräuche zu einer Religion machten. Denn nicht die menschliche Zunge hat zuerst das Wort Gottes gesungen, sondern Himmel und Erde erzählten zuerst die Ehre Gottes. „Ein Tag sagt: es dem andern und eine Nacht that's kund der anderen. Die Vögel unter dem Himmel sagten es, und die Fische im Meer erzählten es, daß des Herrn Hand Alles gemacht hat, daß in seiner Hand die Seele alles dessen ist, was da lebt." „Licht war sein Kleid von Anbeginn" und Licht wird es ewiglich bleiben. Und gerade deshalb wird der Mensch Gott besser in seinem Lichte und in allen seinen lichtumfloffenen Werken schauen, als in dem winzigen Lichtlein, welches der irrende und selbstsüchtige Mensch sich aus sich selber aufgesteckt hat. Deshalb auch wird der Mensch allezeit Religion mehr wahrnehmen können, mit dem Sinn sowohl, wie mit dem Auge der Seele, in den Weltdingen, als sie v ernehmen können in einem rasch verklingenden, armseligen Menschenwörtlein, zumal wenn dieses sich unterfängt, sich gegen die Weltordnung aufzuspreizen. Die Erkenntniß der Wahrheit und also die Ausbildung der Vernunft hatte in jenem fernen Zeitalter schon eine solche Höhe erreicht, daß der Kulturstufe, auf welcher Abram und die Weisesten seiner Zeitgenossen standen, unzweifelhaft eine menschheitliche Entwickelung vorhergegangen ist, deren Zeitdauer sich nach Jahrtausenden bemißt. Möglicherweise ist der ehrwürdige Theokrat nur der Typus jener muthigen, vielleicht indogermanischen Männer, welche aus Mittelasien westwärts, wahrscheinlich aus Liebe zur Freiheit, auswanderten, in Mesopotamien ihre Wohnsitze arifschlugen, dieses Land wiederum verließen und endlich in Palästina sich ansiedelten. Aber tote viele Geschlechter mußten in jenen weiten Ländergebieten untergegangen sein, von denen die Geschichte nichts erzählt; wie viele Helden mußten für Kulturziele gekämpft und kämpfend in den Tod gegangen sein; wie viele Götter mußten schuldig geworden, erniedrigt und zertrümmert worden sein, ehe die Gestalt eines Abram auf der Weltbühne erscheinen, oder ein Mensch die Fähigkeit erlangen konnte, eine solche lichtvolle Heldengestalt dichterisch zu schaffen! Und wie lange mußte das lebenerweckende Licht der Welt auf den Erdgeist eingewirkt haben, bis dieser im Menschen die Kraft gewann, Kulturlicht zu erzeugen und die unermeßlich lange Periode menschheitlicher Entwickelung beginnen konnte, welche dem Zeitalter des Abram vorherging. Das segenspendende Licht des Geistes konnte sich im menschlichen Herzen noch nicht in dem Augenblick entzünden, als Gott sprach: „Es werde Licht!" Denn der Unendliche ist gebunden an sich selbst und sein ewiges Gesetz. Aber sicherlich war die Erde nicht mehr „wüste und leer", und es war nicht mehr „finster auf der Tiefe", und der „Geist Gottes schwebte nicht mehr auf dem Wasser", als die wunderbaren Sterne aufleuchteten im menschlichen Geiste. Und sicherlich leuchteten sie hell und herrlich in der großen Seele des Abram, sowie in den Seelen anderer Weisen seines Volks, Licht und Leben erzeugend und eine Litteratur hervorrufend, welche schon in höchster Blüthe stand, als griechische Litteraturforscher erst anfingen, die Gesänge Homers zu sammeln und niederzuschreiben. Die meisten Bibel- und Geschichtsforscher gehen an dem Erzvater vorüber, ohne ihn in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung zu würdigen, ohne ihn in seiner geistigen Größe zu erkennen. Nur das Gleiche begreift das Gleiche; und abgeschiedene Geister in das Dasein zurückzurufen und sie ihrem ureigenen Wesen zu gestalten, vermag nur ein ebenbürtiger Geist, wenn dieser Geist.zugleich ein schöpferisches Genie ist. Wer den „Vater vieler Völker" schauen will, der betrachte sein Bild, wie es der größte niederdeutsche Künstler, Rembrandt, gemalt hat, oder auch nur die vortreffliche Braun'sche Photographie desselben. Diese Gestalt Abrams ist vielleicht die einzige auf dem weiten Gebiete der bildenden Kunst, welche dem hoheitblickenden Zeus des Phidias würdig an die Seite gestellt werden kann: hier der vermenschlichte Gott, dort der vergöttlichte Mensch. Der vergöttlichte Mensch, wie er auf Erden nur je erscheinen kann: König und Priester, Vater und Diener seines Volkes, Schöpfer und Erhalter in einer Person. Aus dieser Gestalt weht uns entgegen der lebensvolle Hauch des ewigen Geistes. U