Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
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im Mittelalter die „Traditionskette" immer mehr und mehr sich vergrößern, bis sie, in Rücksicht auf die Erreichung eines fesselnden und gleichzeitig den Traditionen getreuen Vortrags, dem Vorsänger (Chasan) zufüllt. Dieser sollte durch glänzende Stimmmittel und die Kunst seines belebten Vortrags') das Verständniß der Megilla auch den „Unwiffenden" näher führen oder an besonders wichtigen Stellen ihre Aufmerksamkeit erregen, um sie, rabbinisch gesprochen, X'LD zu sein, und in der That ist der Vorsänger jener Tage vor die Aufgabe gestellt, die Tradition in Töne umzusetzen. Dies mag paradox klingen, entspricht aber der geschichtlichen Wahrheit. Der Kantor des Mittelalters hatte nämlich von jeher die Aufgabe, durch Anwendung scharfgezeichneter Melodien — man mag sie heute traditionell nennen — den Ursprung oder die rnbbinische Deutung von Gebettexten zu kennzeichnen, und hier bei der Megilla sollte er desgleichen thun. Fand eine musikalische Kennzeichnung den Beifall der Gelehrten der Gemeinde, dann konnte sie gar leicht zu einem Minhag erhoben, d. h. usuell werden, und häufig pflegte mit dem Rufe eines solchen Autoschediasten die beliebte, ja vielfach bewunderte Art der Anwendung von traditionellen Melodien die weiteste Verbreitung zu finden. Das zeigt sich so recht bei den Melodien, welche beispielsweise bei einer tl'-Q beliebt sind. Da wird im 149. Morgenpsalin ausnahmsweise der 6. Vers mit einem besondern Gesang belegt, weil nach dem Midrasch das dort vorkomniende lil'L'L 2“im das zweischneidige Instrument der Cireumeision bezeichnen soll. Tjb "lölKl (Ezechiel 1(5, (5) wird wiederum nach der bekanntenM121-Melodie gesungen, weil das Targuni zu dieser Bibelstelle bemerkt Durch die melodische Ausschmückung solcher Stellen dokumentirte der Chasan gern seine Bekanntschaft mit dem rabbinischen Schriftthum und schließlich wurde solch ein Gedanke, wie bereits gesagt, zu einem Minhag erhoben. Die musikalischen Traditionen bei Vorlesung der Megilla stellen nun unverkennbar das Prototyp solcher talmndischer und inidraschischer Andeutungen in Tönen dar, und diese hier einmal auf ihren Werth und geschichtlichen Ursprung zu prüfen, nröge mir verstattet sein. (Schluß folgt). U Gin Norrnalstaat in nuce. Von Wilhelm Emanuel Backhaus.- (Schluß.) Der patriarchalische Staat des Abram war in Wahrheit ein „Gottesstaat"; die patriarchalische Regierung, die Regierung Gottes auf Erden: eine Theokratie, wie sie in solcher Vollkommenheit seitdem noch nicht wieder in das geschichtliche Dasein getreten ist. Das hehre Besitzthum des Menschen, welches ihn berechtigt, sich ein Kind Gottes, der unendlichen Idee, zu nennen, und welches dariir besteht: nach Grundsätzen der Vernunft handeln, nach Wahrheit streben und Liebe und Gerechtigkeit gegen Jedermann ausüben zu können, — im patriarchalischen Staate kam es zur Geltung. Das waren die goldenen Lebensregeln, welche für Abram die Richtschnur seines Handelns bildeten: das „Gesetz und die Propheten", ehe ein Gesetz geschrieben lvar, und ehe Propheten lehrend auftreten konnten. Und darum, so einfach das innere wie das äußere Leben dieses Familienstaates auch verlief, so natürlich, ohne Religion und Künstelei, sich Sitten, Gebräuche, Rechtsverhältnisse und alle gemeinsamen Jntereffen herausbildeten, und so wenig anwendbar die *) Vgl. die 15. Makame Jmanuels: QVS fttQl nb’lSin rrnvrri .cmasned. Wilheimer (Lemberg, 1870), Seite 113. ' Staatsform, sowie die Staatsmittel, deren man sich bediente, und deren man unter den primitiven Verhältnissen jenes Zeitalters nicht entrathen konnte, für den modernen Staat zweifellos sind; so drängt sich dem Geschichtsforscher doch die Ueberzeugung auf, daß das patriarchalische Staatswesen auf, dem inneren Kerne nach, urgesunden und echt vorbildlichen Grundlagen ruhte, deren Ausbildung und deren, den modernen Verhältnissen angepaßten, Anwendung auch jetzt noch die geistige und materielle Wohlfahrt der Völker herbeiführen würde. Es ist sehr merkwürdig, aber für die menschliche Natur sehr beschämend, daß die Menschen die einfachsten und wirksamsten unter den Mitteln zur Herbeiführung allgenieiner Wohlfahrt meistens erst am spätesteir erkannten, und sie selbst dann noch, nachdem sie dieselben als solche erkannt hatten, nur langsam, absichtlich zögernd, erst widerwillig und nach schweren Kämpfen untereinander, sich entschließen konnten, von solchen natürlichen und heilsamen Mitteln zur Erreichung gemeinsamer und wohlthätiger Zwecke Gebrauch zu machen. Dünkt ihnen doch in ihrer Mehrheit auch jetzt noch, daß abstrakte Vorstellungen, schädliche Staatsgesetze und zweckwidrige gesellschaftliche Einrichtungen für das geistige und materielle Wohlergehen der Völker ersprießlicher seien, als die Erkenntniß, daß die Erde, als der Urquell aller Güter und als die einzige, sichere Grundlage für alles menschliche Thun, von Natur- und Rechtswegen Gemeingut aller Menschen sei, als solches nutzbar gemacht werden müsse und solche Nutzbarmachung für Alle das einfachste sicherste und feierlichste Mittel zur Aufhebung des Pauperismus, zur Begründung allgemeiner Wohlfahrt lind einer gesunden Fortentwickelung des Menschengeschlechtes sei. Werfen wir einen Blick auf die nationalen Lebenselemente, welche auf und neben der theokratischen Grundlage des abcamitischen Staatswesens besonders herrlich erblühten, so tritt uns als das bedeutnngsvollste derselben, der Glaube des Volkes an einen Gott, der Alles, was Dasein hat, erschuf und somit der Glaube an die Einheit seiner Schöpfung entgegen. In Folge dieses Glaubens schauten die Hebräer die Welt als ein harmonisches Ganzes an und sie fühlten sich in ihrem Sinnen und Denken, ihrem Dichten und Trachten innig verbunden mit diesem großen, einheitsvollen Ganzen. Alle Helden der Nation, deren Thaten Dichtung, Sage und Geschichte uns überliefert haben, von Abram und Mose bis zu Sacharja und Maleachi, sind keine mystischen Gestalten, keine übernatürlichen Wesen, keine Götter, sondern sie alle sind Menschen, wahre Menschen, deren Schwachen und Jrrthümer ebenso wenig verschwiegen werden, wie ihre Geistesthaten und ihr starkes Gottesbewußtsein. Den gewaltigen Einfluß, welchen das Volk während seines ganzen Lebens auf die Geistesentwickelung anderer Völker, ja, auf die Kulturentwickelung der Menschheit, arisgeübt hat, verdankt es sicherlich in erster Linie diesem seinen Eingott-Glaube», welcher schon in den frühesten Zeiten in seiner Seele keimte und durch die Lehren Mosis, sowie der ihm folgenden großen Propheten zur vollen Entwickelung gedieh. In der ganzen Geschichte des hebräischen Volkes ist keine Spur von einer übernatürlichen Gottesanschauung zu finden. „Gott allein ist Herr der Natur; er allein hat Alles geschaffen, verfügt über Alles, lenkt Alles nach seinein Willen. Jede Naturkraft, jede Naturerscheinung ist eine Manifestation göttlicher Allmacht, des einheitlichen göttlichen Willens!" Allen Propheten — und Propheten konnten erst erstehen, als an die Stelle der patriarchalischen Regierung die Herrschaft der Könige und Priester getreten war, als das Volk Drangsale zu erdulden hatte und ein falscher Götterglaube seine Seele zu verunreinigen drohte — allen Propheten, sage ich, allen Dichtern war und blieb Jehovah der eine Weltallgott; und ihr „Himmel" war keinesweges ein vermeintliches Jenseits, oder gehörte zu diesem vermeintlichen