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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-20 · Heft 12 (20.3.1891) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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136 Portugal vertrieben war und als Müuzpächtcr in Aegypten zu großem Ansehen gelangte. Diesem Beamten wurde nun von Schaitan dxr Befehl ertheilt, er solle fortan nur Münzen mit dem Bildniß uyd der Namensinschrift des Vizekönigs, statt, wie bisher, mit dem Hoheitszeichen des Sultans prägen lasten, de Castro, um diesen Landesverrath zu vereiteln, floh nach Konstantinopel, um dort Anklage gegen den Verräther zu erheben. Schaitan, in seiner Wuth hierüber, beschloß, schreckliche Rache zu nehmen und aste Juden Kahiras an einem bestimmten Tage hinrichten zu lasten. Als dieser Tag, der 28. Adar, herankam, versammelten sich die Juden am frühen Morgen in den Synagogen, um Gott um Rettung aus ihrer Noth anznrufen. An demselben Tage aber kam der längst vorbereitete Aufstand der Verschworenen gegen Schaitan zum Ausbruch. Er wurde in seinem Palast überfasten, seine Wachen unschädlich gemacht, er selbst gefangen genommen und noch in derselben Stunde getödtet. Die so befreiten Juden, deren Feinde sich nicht zu rühren wagten, setzten aus Dankbarkeit gegen Gort den Tag ihrer Errettung als astjährlichen Festtag ein, der unter der Benennung „Purim Mizrajim" über ein Jahrhundert lang am 28. Adar gefeiert wurde. Erst mit dem Eindringen des sinnverwirrenden Kabbalismus in die jüdischen Gemeinden Aegyptens (Sabbatai Zewi) gerieth der fromme Brauch in Vergessenheit. 2. Purim Vincenz. Die Begebenheit, welche die Einsetzung dieses zweiten Purim veranlaßte, hatte in Frankfurt a. M. ihren Schauplatz. Zwischen den Zünften und dem Magistrat daselbst hatte sich ein heftiger Streit erhoben. Die Feinde der Juden i» dieser Stadt, von religiösem Fanatismus und noch ganz besonders von Nahrungsneid angetrieben, verlangten die Ausweisung aller Juden aus Frankfurt. Als Rädelsführer stand an ihrer Spitze ein wüthender Feind der Juden, Namens Vincenz Fettmilch, seines Zeichens ein Pfefferküchler. Die Juden hatten den Kaiser Matthias zu ihrem Schutz angernfen, und dieser sandte wirklich eine Kommission dorthin, welche aber gegen die Ausrührer nichts auszurichtcn und den Verfolgten keine Hilfe zu bringen vermochte. Im Jahre 1614 am 27. Ellul wurden hiernach die Juden überfallen und ausgetrieben. Eine große Anzahl derselben hatte sich auf den israelitischen Friedhof geflüchtet und war des Todes gewärtig. Endlich sämmtlich ans der Stadt verjagt, suchten und fanden sie in den kleinen Städten nud Dörfern der Umgegend eine vorläufige, sehr beschränkte Unterkunft. Von da ans entsandten sie eine Abordnung an den Kurfiirsten Friedrich von der Pfalz, ließen ihm durch ihren Oberrabbiner ihre verzweifelte Lage schildern und ihn um seinen Beistand anflehen. Und sie fanden ein geneigtes Gehör bei diesem gerechten und humanen Fürsten. Im Jahre 1616 rückten seine Truppen in die aufrührerische Stadt ein, und diese machten in kurzer Zeit dem Aufstand ein Ende. Die Rebellen wurden niedergeschlagen, ihre Rädelsführer mit dem Tode bestraft. Vincenz wurde gehängt und geviertheilt, seine Angehörigen verbannt und sein Haus der Erde gleich gemacht. Die vertriebenen Juden aber wurden zurückgerufen und kehrten unter dem Jubelschall der Trompeten nach Frankfurt und in ihre Behausung zurück. Der Tag ihrer Riickkehr, 26. Adar 1616, wurde hierauf als Gedenktag eingesetzt und als „Purim Vincenz" noch viele Jahre nachher festlich begangen. Am Tage vor dem Feste wurde gefastet. Zu welcher Zeit diese Feier aufgehört hat, ist nicht bekannt. Musikalische Traditionen bei Vorlesung der „Megilla". Von Ed. Birnbaum. Nach alter ritueller Vorschrift hat die Vorlesung der Megista') am Purim in besonderer Rücksicht auf die Betheiligung der versammelten Gemeinde in der Synagoge zu geschehen, ''£3*1 XDU 'ö'lET®. weil die Verkündigung der wunderbaren Rettung, wie sic in dem Buche Esther mit dramatischer Lebendigkeit vorgeführt wird, eine öffentliche sein soll. Hinsichtlich der historischen Unterlage für diese Vorschrift giebt der jerusalemitische Talmud (Meg. I l.) weitern Aufschluß, daß R. Jehnda, sich darauf berufend, daß er selber als nnmündiger Knabe dem R. Tarphon in Lydda die Megista vorgelesen habe, auch dem Unmündigen (pp) die Vorlesung gestatten wollte, man mochte dies aber nicht als Beweis für die Zulässigkeit eines solchen gelten lassen, und seitdem sei es Brauch geworden, sie in der Synagoge vorlesen zu lassen?) Bar Kaphra verpflichtete dann auch „Weib und Kind", weil auch sie von Haman bedroht waren, bei der Vorlesung der Megista gegenwärtig zu sein, während R. Josua b. Levi seine Söhne nud Hausgenossen zu diesem Zweck in seiner Behausung zu versammeln Pflegte Später ist es als ein „schöner Brauch" — 21B JHJa — bezeichnet worden, die Kleinen (Knaben wie Mädchen) „mitzubringen". Dieser hatte dann viele andere, die Art des Vorlesens, das „Haman-Klopfen", die Spende toHIS flijflo), für den Vorleser betreffende Gebräuche im Gefolge, die sich zum Theil bis auf den heutigen Tag — von einzelnen Reformgenieinden abgesehen — erhalten haben. In Würdigung des wenig sprachverstäudigeu Auditoriums von Frauen und Kindern tvurde auch die Frage aufgeworfen, ob mau nicht die Megista iu der Landessprache (TI^S) vorleseu dürfe, und obgleich in der Ausführung des babylonischen Talmud (Meg. 18a) die Frage bis auf das (Griechisches verneint wird, findet man um 1356 iu Saragossa de» Brauch, den Frauen das Buch Esther spanisch vorzutragen?) Das strenge nordfranzösische und deutsche Rabbinerthum konnte sich von seinem Standpunkt nimmer zu solcher „Berkehrung" eines talmudischen Grundsatzes verstehen, dagegen wußte cs auch hier — bei der Megista — die leisesten Andeutungen iu Talmud, Targum und Midrasch der Tradition dienstbar zu machen. Waren schon im rabbinischen Alterthum gewiffeTraditionen für die Art des Vorlesens als halachisch bindend erachtet worden — es sei hier nur an die talmndische Tradition, die Namen der zehn Söhne Hamans in einem Athemzuge zu lesen, erinnert —, so sehen wir 6 Das Buch Esther — das letzte der fünf Megilläth - wird schon in der Mischna kurzweg „Megista" genannt. Bei Festsetzung des Bibelkanons scheint sogar auf die Einreihung dieser Bücher nach den kalendarisch folgenden Festen besondere Rücksicht genommen worden zu sein. Wenn man den Festcyklus mit Pessach beginnt, ergiebt sich nämlich folgendes Schema: 1. Pessach — Hohes Lied. 2. Schabuoth — Ruth. 3. Tischü-be-Ab — Klagelieder. 4. Snccöth — Kohelei. 5. Purim — Esther. 6 najsn ni33 nrrna1? nmn um Ts^'ni pa. vgl. jedoch die Relation der Tosephta z. S1. und die nächste Anmerkung. 3) Mit Berufung aus das 227122 in Esther IX, 27. In Uebereinstimmung mit dem Jeruschalmi sagt das jer Targum zu dieser Stelle: F1NNVU3 nu3 ■’jro’i? Dtrn 3N3!23 «nSua rv npab- „In der Synagoge ist die Megilla nach den hebräischen Schriftzeicheu vorzulesen." Abschriften der Heiligen Schrift in hebräischer Sprache mit griechischen Lettern waren vielfach verbreitet, und darauf nimmt das Targum Bezug. 4) Zunz, Ritus 41. In Cäsarea wurde sogar das Schema griechisch (^^Q^l^chelenistisch) gebetet jer. Sota VII.

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