Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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135 seine Religion und religiösen Gesetze von allen anderen Völkern. Legte doch der Herr seinen Geist auf Abrahams Sprossen, um das Recht den Völkern zu bringen. „So spricht der Allmächtige, der Ewige, der das All geschaffen und Geist giebt den Wesen: Ich, der Ewige, habe dich berufen im Heile, ich mache dich zum Band der Völker, zum Lichte der Nationen." Wie der Wilde seine Unarten gegen die Sitten der Kultur vertheidigt und diese als fremde Zudringlinge verunglimpft; wie das verstockte Kind gegen die Mahnungen des Lehrers sich aufbäumt und sie zu umgehen sucht, so verhält es sich auch mit Hamans Vorwurf, der den persischen Feuerdienst gegen den geistigen Gottesdienst der Juden ins Treffen führt. Haman ist der Erste, der die unselige Verquickung von Staat und Religion vollzogen hat. Anstatt daß der Staat nur auf die Erfüllung der Bürgerpflichten von Seiten seiner Glieder zu achten hätte, ohne danach zu fragen, in welches Gotteshaus seine Bürger treten, verlangt Haman die Einmischung des Staates in die Herzensangelegenheiten der Einzelnen. In gefährlicher Wendung fährt nun Haman mit dem dritten Anklagepunkt fort: „Nach den Gesetzen des Königs thuen sie nicht." Haman konnte hier nur daran denken, daß Mardechai jenes Gesetz nicht beachte, wonach sich Jedermann vor Haman niederzuwerfen hatte. Wollten wir auch Mardechais Verhalten als ein Vergehen bezeichnen, immerhin hatte Haman nicht das Recht, die Schuld des Einzelnen zu verallgemeinern; ihm genügt es nicht, sich an Mardechai allein zu rächen, er zieht die Unschuldigen in Mitleidenschaft, er ist der Erste, der das verhängnißvolle: „Die Juden!" ausgesprochen hat. Wohl haften die Juden in der Erkenntniß des Einzig-Ewigen einer für den Andern, aber schon nicht mehr in Ceremonialgesetzen, geschweige denn im persönlichen Verhalten, in staatlicher und gesellschaftlicher Beziehung. Der Grundsatz ist herrschend geworden: „Dina demalcliutha dina — das Staatsgesetz ist für Alle verbindlich"; wo religiöse Vorschriften mit dem Staatsgesetz in Widerstreit gerathen, da seien die für alle Staatsbürger üblichen Normen zu beobachten. Und nun hat noch ein- Haman den Muth, mit dem letzten Satze hervorzurückcn: „Dem Könige bringt es nichts ein, wenn er sie läßt." Gottlob, daß auch in dieser Beziehung bereits eine beffere Erkenntniß eingetreten ist. Muß doch ein Haman unserer Zeit, der sonst ganz mit jenem ersten übereinstimmt, bekennen: „Das deutsche Volk hat allen Grund, sich die Eigenschaften des jüdischen Stammes zum Muster zu nehmen und der Vorsehung dafür dankbar zu sein, daß sie ihm solche Kameraden zur Anspornung seines Wetteifers gegeben. Die Juden sind durch ihre praktischeir Tugenden geeignet, den oft unpraktischen Idealismus der Deutschen zu korrigiren; für praktische Wohlthätigkeit sind sie geradezu das klassische Volk; der Genußsucht und Verschwendung gegenüber sind sie mäßig und sparsam; der Lässigkeit und dem Leichtsinn gegenüber beobachten sie Ausdauer und Fleiß; Bildung, Gelehrsamkeit und Kunst stehen bei ihnen obenan, auch bei den untersten Schichten; der Familiensinn beherrscht das ganze Leben des Juden, alle seine Kräfte regt er in ihrem Dienste, und mit Aufopferung seiner selbst sorgt er für die Zukunft" (Hartmann). In der That, ein mit solchen Charakterzügen ausgestattetcr Stamm kann nur segensreiche Dienste dem Vaterlande erweisen; Handel, Gewerbe, Industrie, Weltverkehr können durch ihn nur gehoben und in ihrer Weiterentwicklung gefördert werden. Das erkannten auch die Verständigen in allen Zeiten an. So rief der Eroberer von Konstantinopel, als er vernahm, das „katholische Königspaar" hätte die Juden aus Spanien vertrieben, voll Verwunderung aus: „Ich begreife nicht, wie man so unklug handeln konnte, solche nützlichen Bürger von sich zu entfernen." Welche Entgegnungen brachten aber die Angefeindeten gegen die Anklagen vor? Nicht durch Worte, sondern durch Thaten widerlegten Mardechai und Esther die Beschuldigungen. Während Haman selbstsüchtige Pläne verfolgte, zu denen gehört haben mag, den König zu stürzen und sich auf dessen Thron zu setzen, drängt sich Mardechai in keiner Weise an den Thron, um Belohnung oder Stellung zu erlangen, obwohl er dem Könige das Leben gerettet hatte. Und Esther! Ihre edle Erscheinung machte sie einer Krone würdig und so fand sie Gunst und Wohlgefallen in den Augen Aller, die sie sahen. Einfachheit, Bescheidenheit, Demuth, Freundlichkeit und Herzensgüte. Selbstlosigkeit und Hingebung, Familienanhänglichkeit, Gottinnigkeit, das waren die Züge, die Esther auszeichneten. Gegen alle Anschuldigungen und Vernichtungsplüne bilden edle Gesinnung, edle Thaten die sichersten Waffen, gegen alle Vorurtheile die lebendigste Widerlegung. Als das Eisen erschaffen wurde, erschraken die Bäume. Was zittert ihr? rief das Eisen aus; wenn Keiner von euch mir Holz zum Schafte giebt, so kann ich euch keinen! Schaden zufügen. Und so giebt auch das Estherbuch die Lehre: Der Herr erlöst die Seinen aus allen Fährnissen; nicht schläft und nicht schluinmert der Hüter Israels, der dem Rechten und Wahren den Sieg verleiht, der aus Kummer zur Freude führt, aus Trauerzu Festtagen. Zwei Puriinfeste. Von W. Wolfjohn in Dessau. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein und verdient wohl wieder einmal in Erinnerung gebracht zu werden, daß die Geschichte des jüdischen Volkes außer von dem biblisch eingesetzten Purim noch von zwei verschiedenen Begebenheiten berichtet, welche wegen der Errettung der Juden aus großer Gefahr in den Gemeinden, wo sie sich zutrugen, die Einführung von Gedenktagen veranlaßten, die ebenfalls mit dem Namen Purim belegt und lange Jahre hindurch festlich begangen wurden. Es handelt sich dabei um die nachstehend beschriebenen Ereignisse. 1. Purim Mizrajim. Der berühmte Sultan Selim I. zeigte sich sehr großmüthig gegen die Juden. Als in den Ländern der pyrenüischen Halbinsel die Nerfolgungswuth gegen Andersgläubige in der Vertreibung der Juden ihren Gipfel erreichte, nahm Selim Hunderttausende der aus Spanien und Portugal Ausgcwiesenen in seine Länder auf und verlieh ihnen volle religiöse und politische Freiheit, Wohtthatcn, die ihm durch die treue Anhänglichkeit seiner neuen Unterthanen, sowie durch ihren schätzbaren Einfluß auf den Bildungsstand und den materiellen Wohlstand der von ihnen besiedelten Provinzen in nicht geringem Maße vergolten wurden. Im Jahre 1570 hatte Selim Aegypten und Syrien erobert. Er setzte zur Verwaltung dieser Länder Generäle als Vizekönige ein, welche sich in den vorhergehenden Kriegen besonders hervorgethan hatten. Ueber Aegypten wurde der Feldherr Achnied Schaitan (von den Juden später Satan genannt) zum Oberhaupt ernannt. Schaitan zeigte sich als ehrgeiziger und grausamer Despot. Cr strebte danach, sich von der Türkei unabhängig zu machen und sich selbst zum Sultan von Aegypten aufzuwerfen. Diesen vcrrätherischen Plänen entgegen entstand jedoch in der Hauptstadt Kahira, dem jetzigen Kairo, eine große Partei, die sich zum Ziele setzte, den treulosen Regenten ins Verderben zu bringen. Diesem Verbände schloß sich unter vielen Anderen ein gewisser Abraham de Castro an, ein reicher und gelehrter Jude, der aus