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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-20 · Heft 12 (20.3.1891) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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WWWWW .134 Inhalt. Leitartikel: Zum Purimfest. Von Dr. M. Lev in. — Zwei Purimfeste. Von W. Wolfsohn in Dessau. — Wissenschaft und Litteratitrr Musikalische Traditionen bei Vorlesung der ..Megilla". Von Ed. Birnbaum. — Ein Normalstaai in nuce. Von W. E. Backhaus. (SchluH.) — Ein Ürtheil über Eduard Laster. — Jochanan den Sakkai. Von Dr. I. Egers. — Feuilleton: Die Gemeindewahlen mGroßchelm. Von Nathan Samuelv. — Israels Schutzgeist. Von Albert Katz. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Gleiwitz, Cassel, München, Nürnberg Leipzig, Württemberg, Wien, Petersburg. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miscetten. Iurn Purimfest. Von Dr. M. Lev in. Der große Rabbi Miba predigte einmal vor einem Volke, das gewohnheitsmäßig in den Tempel kam nnd gedankenlos, wie es gekommen war, auch die heilige Stätte verließ. Die Worte schienen den Versammelten blos die willkommene Gelegenheit zn bieten, in ein süßes Nichts hinüberzuträumen, sich einem seligen Weltentrücktsein zu überlassen — das ertrug der edle Lehrer nicht länger, er wollte sie aufrütteln aus den eitlen Träumereien, und da warf er plötzlich die Frage in die Menge: „Welchem Umstand hatte Esther die königliche Krone zu verdanken?" Das Volk lauschte der Antwort ünd R. Akiba fuhr fort: „Esther war eine würdige Tochter jener Stammmutter Sarah, deren weibliche Tugenden sie als Heldin erscheinen ließen". So begreifen wir es, wie dem Buche, das die Purimgeschichte erzählt, ihr Name verliehen werden konnte, ja noch mehr, wie dieses Buch in die Sammlung der heiligen Schriften ausgenommen werden konnte. Diese Auffassung des Buches Esther theilen nicht alle Lehrer und Prediger des Gotteswortes. Während die Einen „Megillath Esther" „die Thora Israels außerhalb Palästinas" nennen (Jellinek), glauben Andere, es schon günstig beurtheilt zu haben, wenn sie dem Buche zugestehen: „Manches darin ist Spreu, manches aber gediegener Kern, jenes der Rahmen, dieses das Bild. Um dieses willen lastet jenes uns schonen. Machen wir's, wie R. Melr, der die Frucht aß und die Schale wegwarf" (Holdheim); oder sie erklären, immerhin noch dem Volksgcfühl entgegenkommend, die Pnrimgeschichte als „eine Folie für den Karneval der Juden" (Karpeles). Während die Einen den Vorwurf, daß der Name Gottes in dem ganzen Estherbuch nicht erwähnt wird, damit zurückweisen, daß „in der gesetzmäßigen, geschichtlichen Entwicklung der Dinge, in dem natürlichen Verlauf der Begebenheiten, in der Verknüpfung und Verkettung verschiedener Umstände die schützende und schirmende Hand Gottes sich offenbart" (Jellinek), finden Andere den Lehrzweck des Buches Esther für solche berechnet, „die sich nicht mehr dem Glauben an wunderbares Eingreifen der Gottheit in das Geschick des jüdischeil Volkes hingeben und sich doch von der Ueberzeugnng nicht loswinden konnten, daß es durch eine höhere Fügung erhalten werde" (Geiger). Die Einen „wollen Megillath Esther heilig halten, wollen es lesen, nicht stückweise, sondern ganz, fortlaufend, von Anfang bis zu Ende, in seinem Zusammenhänge lesen, mit allen einzelnen Charakterzügen von Haman und Mardechai, und' mit allen natürlichen Umständen, welche zur Rettung Israels zusammenwirkten; wollen die Männer Preisen, welche dem Buche Esther einen Platz in der Bibel angewiesen haben; wollen nicht ermüden, den Gott zu verherrlichen, dessen Größe in den kleinsten Begebenheiten der Geschichte sich offenbart" (Jellinek); die Anderen bleiben dabei: „Das Estherbuch erzählt uns sicher einen Roman, von dem wir nicht mehr wissen können, wie viel Wahres daran ist" (Geiger). Wir sind der Meinung, daß das Estherbuch nicht blos mit den Augen des Kritikers, sondern vorzugsweise mit denen des Volkes betrachtet sein will; es ist ein Volksbuch im vollsten Sinne, darin liegt sein Reiz und seine Kraft; ein Volksbuch ist noch kein pragmatisches Geschichtswerk, ein Volksbuch erzählt mit dramatischer Lebendigkeit und in naiver Anschauung selbst vereinzelt stehende Thatsachen in phantasiereichec Verknüpfung. Darum halten wir es mit den Weisen, welche in dem Estherbuch ein Halle! sehen'), ein Jubellied zum Preise Gottes, der vom Tode errettet und aus Kummer und Betrübniß zur Freude führt. Von dem Augenblick an, da Juda seine engere Heimath verlassen, um unter den Völkern der Erde eine weitere Heimath zn gewinnen, durfte es in der That die Estherrolle als die „Thora Israels außerhalb Palästina" betrachten, die ermuntern und trösten, aufrichten und stärken sollte. So lange Israel ein selbstständiges Reich bildete, genoß es die Achtung der änderen Völker, erst als es in der Völker Mitte eintrat, begann die Feindseligkeit wider daffelbe, zunächst hervorgerufen durch die eigenthümlichen Sitten und Gebräuche. Die Israel von den anderen Völkern unterscheidenden Merkmale fanden Mißbilligung und Tadel, und bald mischten sich Verdächtigungen darein, die nicht blos auf die Religion, sondern auch auf das persönliche Thun und Lasten, auf das bürgerliche Leben gingen. Der Erste, der diese Anklagen wider Israel erhob, war Haman. Er hat sie für alle Zeiten so erschöpfend formulirt, daß seine Nachfolger auch heute noch nichts wesentlich Neues hinzuzufügen vermochten. Seine Anklage lautet: „Da giebt es ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker durch alle Landschaften des Reiches; seine Gesetze unterscheiden sich von denen jeglichen Volkes, nach den Gesetzen der Könige verfahren sie nicht, und dem Könige bringt es nichts ein, wenn er sie läßt." Der erste Punkt betrifft die Zerstreuung der Juden. Was diese als ein Nationalunglück ansehen mochten, daraus macht ihnen Haman noch einen Vorwurf. Nebukadnezar hatte den salomonischen Tempel zerstört und das Reich Juda in die Gefangenschaft geführt, und nun wird die Zerstreuung der Völker in einem Sinne dargestellt, als ob sie für das Volk etwas Verwerfliches bedeutete. Grade sein Verhalten in der Zerstreuung hätte einen Beweis geben müssen für die Treue, mit der es der neuen Heimath anhing. Als Cyrus den Exilirten die Freiheit wiedergab und ihnen gestattete, nach Jerusalem zurückzukehren, um den Tempel wieder zu erbauen, da fanden sich nur an 42,000, die von der Erlaubniß Gebrauch machten; die Mehrzahl verblieb in der liebgewonnenen zweiten Heimath und begnügte sich damit, die Anhänglichkeit an die ursprüngliche Heimath dadurch zu bezeigen, daß sie die Heimkehrenden mit reichen Gaben unterstützte. Sollte vielleicht schon damals einem Theil des Volks der Gedanke aufgegangen sein, daß nicht die Bildung eines eigenen politischen Reiches seine Aufgabe sei, daß es vielmehr als „Priesterreich" seine wahre Bedeutung erst unter den Völkern der Erde erlange? Wir sind zu dieser Annahme berechtigt, wenn wir bedenken, daß Männer wie Mardechai nicht nach Jernsalem zurückgekehrt sind, und Mardechai wird doch als ein „jüdischer Mann" hervorgehoben. Nein, der freiwillige Verbleib der nach den babylonisch-persischen Landen Zerstreuten legt gerade das schönste Zeugniß dafür ab, wie wohl sie sich auf dem neuen Boden fühlten, den sie fortan als ihre Heimath betrachteten; sie befolgten des Propheten Weisung: „Bauet Häuser und bewohnet sie, leget Gärten an und genießet ihre Früchte; sucht das Wohl des Staates, dahin euch der Herr verwiesen; betet für ihn zu Gott, sein Wohl sei euer Wohl." Der zweite Anklagepunkt lautet: „Ihre Gesetze seien verschieden von denen jeglichen Volkes." Allerdings unterschied sich Israel durch 0 1k nrpnö Megilla 14a.

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