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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-13 · Heft 11 (13.3.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Herr cand.phiL Worms, das Wort zu einem Toast auf das Lehrerkollegium, in dessen Namen Herr Dr. Joel Müller antwortete. Was hierauf Herr Dr. Cassel der Festgesellschaft bot, war ein nicht unbedeutendes Stück jüdischer Geschichte. Redner beleuchtete in kurzen Zügen die fortschreitende Entwickelung der „Wissenschaft des Judenthums" in Berlin innerhalb der testen 50 Jahre auf Grnnd seiner persönlichen Wahrnehmungen. Nach Herrn Nabb.-Kand. Barol, der auf das Kuratorium toastete, welches die Lehranstalt zu einer interconsessionellen machte, rief Herr Prof. Lazarus, stürmisch begrüßt, dem Verein ein Crescat, Floreat zu. Auf den stud. phil, et theol. Herrn Hanni s> der hierauf in beredter und kerniger Sprache die Männer der Kanzel und der Wiffenschaft hochleben ließ, nahm der Geheime Sanitätsrath Herr Dr. Kristeller das Wort. Den Satz: „Welches ist der rechte Weg, den der Mensch gehen soll?" Heg a di sch ausführend, stellte der Redner für die deutschen Juden die „Verbindung jüdischer Sanftmuth mit germanischer Tapferkeit, von Wahrheit mit Bescheidenheit, von Gesinnungstüchtigkeit mit Höflichkeit" als Ideal hin und schloß seine Rede mit dem Zuruf: „Chasak w’eraoz ^nitrat)!" — Der nächste Toast, vom Rabb.-Kandidat Herrn Dr. Hoffmann ausgebracht, galt den Gästen und Freunden der Vereinsbrüder. — Nun erhob sich zum Wort Herr Justizrath Makower. Ans feiner inhaltreichen Rede wollen wir zunächst hervorheben, daß Redner sich mit neuen Plänen für das Institut trage und vor allem an eine Erweiterung desselben denke. Im Verlaufe seiner Ausführungen schilderte er den Unterschied zwischen den Studierenden der Theologie von ehemals und denen von heute. Auf den Juden als Staatsbürger übergehend, betonte er, der Rabbiner müsse der Zeitströmung nachgeben, tuen» er etwas leisten wolle. Der Geistliche müsse zeigen, daß es möglich sei, guter Jude und guter Deutsche zu sein, daß es möglich sei, am Judenthum festzuhalten und gleichzeitig feinen bürgerlichen Pflichten in vollem Umfange zu genügen. Mehrfach wiederholter Beifall bezeugte dem Redner, daß die Festgesellschaft von gleichem Geiste wie er beseelt war. Nachdem noch der Vorsitzende des Vereins auf die anwesenden Gründer der Lehranstalt, zu denen auch der Vorredner gehörte, einen kräftigen Salamander reiben ließ, und Herr Rabb.- Kandidat Pulvermacher auf humoristische Weise die Symbole des Vereins gedeutet hatte, schloß der offizielle Theil des Festes.—Die Fidelitas ist. das wollen wir verratheu voll zu ihrem Rechte gekommen. Ob die Laternen noch auf der Straße branuten, als die letzten Jünger nach Hause gingen, haben wir nicht in Erfahrung bringen können. O Berlin, 11. März. Berechtigtes Aufsehen erregt eine Artikelserie, welche ein französischer Nationalökonom ersten Ranges, Anatole Leroy-Beauliew, in der „Revue des deuxmondes“ veröffentlicht. Wir werden auf die in vielfacher Hinsicht interessante Publikation zurückkommen, sobald dieselbe vollständig vorliegt. * Berlin, 9. März. Die Bildung eines „Schutzvereins gegen wucherische A usbeutun g des Volkes" im Großherzogthum Baden ist jetzt erfolgt. Nach dein Statut soll der Verein, zu dessen Bildung die Initiative von einem Mitglieds des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" ausgegangen ist, seinen Sitz in Karlsruhe haben. Der Vorstand desselben soll aus 20 Mitgliedern aus allen Parteien und Konfessionen — darunter drei jüdischen — bestehen. Der Hauptzweck des Vereins ist einmal, den Opfern wucherischer Uebervortheilungen unentgeltlich Rechtsbeistand zur Verfolgung ihres Rechts zu beschaffen und durch Gründung von geeigneten Spar- und Darlehnskassen den Kreditbedürftigen die Inanspruchnahme ungesunden Kredits zu ersparen und zudem die ländliche Bevölkerung durch Schriften, Vorträge u. s. w. über die Verhältnisse beim Viehkauf, dem Grundstückshandel, bei Abzahlungsgeschäften u. s. w. aufzuklären, um so zu verhindern, daß sie Wucherern in die Hände fällt. Politische Bestrebungen seitens oder innerhalb des Vereins find ausgeschlossen. Merkwürdiger Weise sind die Konservativen gegen diesen Verein außerordentlich mißtrauisch. Es gilt dies nicht nur von dem Organ der badischen Konservativen, der „Deutschen Tagespost." Die „Kreuzztg." meint, der Verdacht, daß es sich mit Rücksicht auf die im Herbst d. I. bevorstehenden Ergänzungswahlen zum badischen Landtage um eine bloße Wahlmache handle, könne vor der Hand nicht ganz abgewiesen werden. Berechtigt scheint uns dieser Verdacht allenfalls bei den Antisemiten. * Berlin, 10. März. „Was soll aus den russischen Juden werden?" Diese Frage wird in einer bei Kassirer und Danziger (Berlin) soeben erschienenen Flugschrift erörtert. Der Vorschlag des ungenannten Verfassers gipfelt in Folgenden: „Ein Kongreß von Vertretern der europäischen Regierungen muß entscheiden, was mitden Juden gethan werden, wo man ihnen einen Platz zum Wohnsitze anweisen, und auf welchen Grundlagen und unter wessen Protektorate man ihre Existenz gründen soll. Der Erdkreis ist groß, und freien Platz giebt es auf ihm genug. Mittel für das Hinübertransportiren und Ansiedeln derselben am neuen Orte wird Europa um so eher finden, als dieselben einerseits als eine für lange Zeit zu gewährende Anleihe, andererseits als eine unabwendbare Ausgabe zur Zeit irgend eines allgemeinen menschlichen Unglücks angesehen werden müssen. Von Rußland, als dem Lande, welches die Juden los werden will, muß natürlich die Initiative in dieser Beziehung ausgehen. Wenn die Emigration nach irgend einem Orte auf breiter Grundlage mit einem streng berechneten jährlichen Maximum und Minimum der Auswandernden organisirt, gleichsam durch Reglements geordnet werden wird, wenn die Auswanderer der vom Kongresse festgestellten Disziplin sich unterwerfen und mit beu nöthigen Mitteln versehen, vor sich ein bestimmtes Ziel schauen werden, so darf man kühn behaupten, daß innerhalb einer bestimmten Frist (entsprechend den Dimensionen der Emigration und der Menge der Mittel kann die Zeit genau berechnet werden, welche für eine solche Uebersiedlung nothwendig ist) Rußland von den Juden befreit werden wird und die letzteren endlich einen Zufluchtsort finden und aufhören werden, Ausländer zu sein." Der Verfasser scheint übersehen zu haben, daß Rußland gar nicht von seinen Juden „befreit" werden will, vielmehr deren Auswanderung verbietet. * Hamburg, 10. März. In unserer Stadt haben die Antisemiten eine ihrer üblichen Hetzversammlungen abgehalten. Als Aufreizer fungirten in diesem Falle Dr. König aus Witten und der Reichstagsabgeordnete Zimmermann, welcher eine noch maßlosere Rede hielt, als seiner Zeit Dr. Böckel. Dr. Waltemath trat in dieser Versammlung gegen beu Antisemitismus auf und gab zum Schluß der sicheren Erwartung Ausdruck, daß der gesunde Sinn des weitaus überwiegenden Theiles der hamburgischen Bevölkerung auch ferner die antisemitische Thorheit von sich abweisen werde. Kn Kürze wird nun auch in Hamburg eine große Versammlung gegen die Antisemiten stattfinden, veranstaltet vom „Hamburger Verein der deutschen freisinnigen Partei". * Gleiwitz, 5. März. Am 26. v. M. beging der hiesige Frau ende rein sein Stiftungsfest in glänzender Weise. Mit der Berichterstattung begann der offizielle Theil. An dieselbe schloß sich ein gemeinsames Festmahl, bei welchem insbesondere Rabbiner Dr. Münz einen hervorragenden Toast auf den Verein ausbrachte. Den Glanzpunkt des Festes bildete eine Reihe lebender Bilder, die als recht gelungen bezeichnet werden müssen. Es wurden die berühmten Oppenheim'schen Bilder aus dem alljüdischen Familienleben in edelster Gestaltung wiedergegeben, und es zog damit ein Stück der alten Geschichte Israels vor unseren Angen vorüber. Die Oppenheim'schen Bilder predigen dies in ergreifenden Zügen, und wenn es nun glückt, in Fleisch und Blut die Gestalten des Malers wiederzugeben, und noch dazu in so glücklicher Wahl, wie es hier gelungen war, so kann die herrliche Wirkung nicht fehlen. Die Opferwilligkeit jedes einzelnen der Mitwirkenden hat den Glanz der Kostüme iu überraschender Weise entfaltet. So konnte ja trotz der großen szenischen Schwierigkeiten das Gelingen nicht fehlen. In die Ehren des Tages theiten sich in erster Reihe Frau Jenny Schlesinger und die Herren Silbergleit und Königsseld. Herr Silbergleit hatte auch einen Prolog verfaßt, durch den Herr Rund die denkwürdige Aufführung iu stimmungsvoller Weise einleitete. Was aber dem Ganzen noch eine besondere Weihe gab, das war der herrliche Gesang des Synagogenchores, unter Leitung des Herrn Kalitor Bachrach und des Dirigenten Fleischer, der jedes Bild begleitete. s. Pletz, 10. März. Wie ich Ihnen heute mittheilen kann, ist der cand. med. Königsseld aus dem nahe gelegenen und zum hiesigen Synagogenbezirk gehörenden Kodier, der vor einem Jahre in Würzburg feinen antisemitischen Gegner im Duell erschossen hat und zu 2\U Jahren Festungshaft verurtheilt war, vom Prinz-Regenten von Bayern in dieser Woche begnadigt worden. Er soll heute noch bei seinen Eltern wieder eintreffen. Lp. Samter, 4. März. In der am gestrigen Tage unter Vorsitz des Regierungs- und Schulraths Skladny aus Posen an der hiesigen Landwirths chafts schule ab geh alte neu Abiturienten Prüfung ist von 10'Kandidaten der einzige Jude, namens Joseph Wall, allein wegen vorzüglicher schriftlicher Arbeiten von der mündlichen

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