Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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55. Jahrgang, Nr. 11. Ulf Berlin, 13. Marx 1891 Werktage zur „Aktgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. # Berlin, 8. März. Heute fand die Bestattung des plötzlich verstorbenen Lehrers an der hiesigen jüdischen Gemeindeschule, Nathan Lewinski, statt. Im Sterbehanse welches die Zahl der Leidtragenden nicht fassen konnte, sprach Herr Rabbiner Dr. Ungerleider an der mit Blumen bekränzten Bahre des Verstorbenen. Ter Gesang eines Männerchors begann und endete die Feier. Von dem Hause nach dem Beerdigungsplatze geleitete eine Schaar von Lehrern und .Zöglingen der hiesigen Gemeindeschule den Zug, und zahlreiche Wagen folgten. Als der Trauerzug sich dem Kirchhof näherte, kam ihm ein Zug von Knaben des Erziehungshauses zu Pankow, Kränze tragend, entgegen, geleitete den Leichenwagen auf den Friedhof und legte dann die Kränze in der Halle an der Bahre nieder. Die Feier begann sodann mit einem Psalm, welcher von jenen Kindern gesungen wurde. Hierauf hielt der Direktor der Knabenschule Herr Dr. Holzmann die Trauerrede, in welcher er die Verdienste des Verstorbenen in seiner langjährigen Thätigkeit um die Schule, seineAnspruchslosigkeit, seinen mildenSinn und fein kollegialisches Verhalten hervorhob. Herr Justizrath Makower, der Vorsitzende des Kuratorii des Erziehungshauses zu Pankow, befielt Leiter Herr Lewinski von der Begründung bis zum Jahre 1888 war, sprach sodann wie folgt: „Geehrte Trauerversammlung! Der größte unserer Dichter bezeichnet die Ausgaben des Menschen mit folgenden Worten: Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut! Denn dies allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen. Diese Aufgaben sind Jedem gestellt, gleichviel wie groß oder klein fein Wirkungskreis ist. Der Mann, an dessen Bahre wir uns trauernd versammelt haben, setzte seine ganze Lebenskraft daran, jene Aufgaben zu erfüllen. Er war von edler Natur. Alles Gemeine, Selbstsüchtige lag weit unter seinem Gesichtskreise; er vertraute den edlen Instinkten in den Menschen und stützte seine Erziehnngsknnst auf dies Vertrauen. Seine eigene kindlich reine Seele hatte kein Verständniß für niedrige Gesinnungen. Die Herzen der Kinder berührte er mit bem reinlichen Stabe seiner Lehre, und ein erfrischender, lebendiger Quell sprang hervor. So mancher Grundsatz, den er als unverbrüchlich lehrte und selbst befolgte, wird seinen Schülern der Stab sein, an welchem sie durch ihr ganzes. Leben auf dem rechten, geraden Wege wandeln. Er war hi lsr ei ch un d gu t. Als eine verlassene Kinderschaar einen Menschen suchte, der sich ihrer erbarme, ihr Vater und Lehrer sei, nahm er sich ihrer ohne Bedenken an, in der Zuversicht, daß ein gutes Werk auch gelingen müsse. Sein Herz sprach und brachte alle ängstlichen Erwägungen zum Schweigen. Sechs Jahre hat er dem Liebeswerk gewidmet, still, bescheiden, zurückgezogen, ganz vertieft in seinen Beruf und hingegeben der einen Arbeit, vierzig Kinder, die ohne ihn leicht verloren gewesen wären, zu unterrichten, ihren Charakter zu bilden und sie mit Allem auszustatten, was nöthig war, um sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen. Und so ist der leider so früh Abberufene der Ausgabe gerecht geworden, welche so markig und ergreifend in die Worte gekleidet ist: Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut. Denn dies allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen! Namens des Knratorii des Pankower Erziehungshauses, Namens seiner Mitarbeiter und seiner Zöglinge lege ich diesen Kranz auf die Bahre eines Mannes, der mir ein lieber, helfender Freund war, und dessen Verlust wir Alle auf das Schmerzlichste beklagen.—Frieden seiner Asche!" Nachdem hierauf Herr Rabbiner Dr. Ungerleider das übliche Gebet gesprochen hatte, sangen die Lehrlinge und Schüler des Pankower Hauses das Lied: „Es ist bestimmt in Gottes Rath" und dann folgte die Beerdigung in hergebrachter Weise. Sv ehrte die Berliner Gemeinde einen ihrer wackersten Männer, der ihrem Dienste sein Leben geweiht hatte. 8 Berlin, 10. März. Herr Dr. Gustav Karpeles sprach am 1. d. M. im Verein Afika-Jehuda zu Prag über „Heinrich Heine und das Judenthum", am 6. d. M. zur Eröffnung der Arbeiten der neubegründeten Zunz-Loge in Berlin über „Leopold Zunz' wissenschaftliche Bedeutung" und am 9. d. M. zu Gunsten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthnms im Saale der Gesellschaft der Freunde über „Jüdische Troubadours und Minnesänger". * Berlin, 10. März. Wie es den Anschein hat, kommt das Volksschnlgesetz in dieser Session nicht zur Erledigung. Auf Anregung der Centrumspartei, die überhaupt von dem Gesetz nichts wissen will, haben die Konservativen sich dafür ausgesprochen, diezweite Berathung des Volksschulgesetzes in der Kommission erst nach Ostern zu beginnen. Unter diesen Umständen erscheint es sogar fraglich, ob in dieser Session auch nur eine Berathung des Gesetzentwurfs im Plenum des Abgeordnetenhauses erfolgt. Zur Verhandlung im Herrenhause kann er unter keinen Umständen mehr kommen. A—z. Berlin, 8. März. Der Religions-Verein „Beth Jacob" im Norden unserer Stadt macht erfreuliche Fortschritte. Ans dem am l. Januar d. I. erschienenen Rechnungsbericht ist zn ersehen, daß der Verein in der kurzen Zeit seines Bestehens eine Einnahme von M. 2325,73 erzielt hat. Die fortwährende Zunahme der Mitgliederzahl bekundet am besten, wie schmerzlich die Juden jener Gegend einen Betsaal und eine Religionsschule für ihre Kinder bis jetzt vermißt haben. Bedenkt man noch, welcher Unfug gerade im Norden an solchen Festtagen durch die „fliegenden Gotteshäuser" getrieben wurde, welche Subjekte den Gottesdienst geleitet und in welcher Weise derselbe abgehalten ivurde, so ist die Gründung dieses Vereins doppelt freudig zu begrüßen, dem wir auch ferner das beste Gedeihen und Fortschreiten wünschen. * Berlin, 9. März. Das Vorderhaus der neuen Synagoge in der Lindenstraße Nr. 50 ist jetzt von den Gerüsten freigelegt und zeigt sich als ein monumentaler Schmuck für jene Gegend. Das Gebäude, nach den Entwürfen der Architekten Cremer und Wolffenstein durch die hiesige Firma Held und Franke in rothen Verblendsteinen aufgeführt, ist von überaus vornehmen Formen. Die linken Seiten laufen in spitze Giebel aus, während in der Mitte der gewaltige Rundbogen-Thorweg den Durchblick auf das im Hofe stehende Gotteshaus eröffnet. Die vorderen Räume werden zu Beamten- und Lehrerwohnungen, sowie für religiöse Unterrichtszwecke eingerichtet. Unter dem Thorweg führt ein Bogengang zu dem geräumigen Hof. X. Berlin, 4. März. Gestern Abend beging im Hotel zum König von Portugal der „Verein der Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" sein drittes Stiftungsfest. Eine stattliche Zahl von Gästen hatte der Einladung des Vorstandes Folge geleistet. Wir bemerkten n. A. nächst dem Vorsitzenden deZ Kuratoriums der Lehranstalt, Herrn Prof. Lazarus, das gesammte Lehrerkollegium, bestehend aus den Herren Drr. Müller, Cassel, Prof. Steinthal und Mayba u m. DieRepräsentanteu-Versammlnug war durch ihren Vorsitzenden, Herrn Justizrath Makower, vertreten. — Eröffnet wurde das Fest durch den Vorsitzenden des Vereins, den Rabb.-Kandidaten Herrn Mittelmann, mit einer Begrüßung der Ehrengäste und einem nach studentischer Art kräftig geriebenen Salamander auf den Kaiser, „der durch Thalkraft und Energie als Hort der Gerechtigkeit und Förderer der Wissenschaft sich in der kürzen Zeit seiner Negierung die Sympathie aller Gebildeten erworben hat." Nach gemeinsamer Absingnug des ersten Liedes hielt der Vorsitzende die Festrede, die in einer Darlegung des Zwecks und der Tendenzen des Vereins gipfelte. Nach dem zweiten Liede nahm der Schriftwart