Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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brutal mißhandelt." — „Du sprichst im Fieber, mein Sohn. Der Jude Jakob Bialowicz hat ja dies Verbrechen begangen und büßt dafür." — „Nein, Vater, ich spreche die Wahrheit, 'so wahr mft Gott helfen möge! Vom Unwetter überrascht, flüchtete ich mich in meine Scheuer, wo ich auch den Juden traf, und kaufte ihm einen Topf voü Theer ab, womit ich das Feuer entzündete. Er mußte wohl ctwes bemerkt haben, denn am Morgen der Gerichtsverhandlung trat er plötzlich in die Mühle ein und sagte mit eigenthümlichem Ausdruck: Heute giebt's ein großes Unglück; man wird Greta Dierksen verurtheilcn, welche vielleicht unschuldig ist — und dabei sah er mich forschend an. Ich jagte ihn mit wilden Drohungen fort, und er begab sich schnurstracks nach dem Gericht in die Stadt. O, was für ein golden Gemüth! Er hatte Mitleid mit den armen Kindern und nahm das Verbrechen auf sich, um den Waisen die Mutter zu erhalten. Und ich großer Sünder habe geschwiegen! — Vater, tragt Sorge, daß der Edle, welcher schon über zehn Jahre unschuldig gelitten hat, befreit werde. Gott sei mir gnädig!" — Noch einmal wiederholte er sein Geständnis; in Gegenwart Greta's, ihres Mannes nnd anderer Zeugen und ist dann in seiner Sünde gestorben!" Meine Blicke begegneten denen meiner Eltern, welche betroffen da saßen; — dann aber brach ich in ein heftiges Weinen aus: „0, Du engelreine Seele, Du frommer Dulder! Hast Du Dein dorniges Leben mit einem heiligen Martyrium gekrönt, Du armer, verkannter, edler Dulder?!" Aufs Neue mußte ich heftig weinen; aber dieses Mal waren es Frcudenthrünen, weil mein Schützling sich so glänzend rechtfertigte. — Sogleich unternahmen wir die nöthigcn Schritte, und der Erfolg? Eine Zuschrift des Gefängnisses in A. des Inhalts, daß Onkel Jakob nach zwei Jahren an der Schwindsucht gestorben sei und auf dem dortigen jüdischen Friedhöfe begraben liege!- An einem schönen Sonnnermorgen hatte der jüdische Friedhof in A. seltenen Besuch. An einem verfallenen Erdhügel stand Greta Dierksen mit ihrem Manne und ihren Kindern und betete und weinte heftig. Siewaren nicht allein, denn mit ihnen war fast das ganze Dorf hinausgcpilgert, um den armen Dulder um Verzeihung zu bitten. Die Sonne strahlte warm wieder von; tiefblauen Himmel, das Laub rauschte leise im lauen Winde, das Gras wogte lind in sonniger Höh' jauchzten die Lerchen! Wie schön war's doch auf der Welt, wie glücklich könnten doch die Menschen sein — und hier unten vermoderte ein armes zermartertes, edles Menschenherz — so rein und golden, wie kaum ein zweites! . Ich blieb allein an dem Grabe zurück in inbrünstigem Gebet! — Bald darauf zierte ein ivürdigcr Stein die Ruhestatt des Edlen — mein Vater hatte ihn setzen lassen! Alljährlich wird der Hügel sorgfältig in Stand gesetzt. Ein lebenslängliches Martyriunl — ein Stein! dl Fitterarifche Mittheilungen. Ein christlicher Schulmann über Berthold Auerbach. Es wird die Leser dieses Blattes interessiren, wenn ich ihnen hier das Urtheil eines christlichen Schulmannes über den besten Volksschriftsteller, welchen das Judenthum dem deutschen Volke gegeben Hai, über den unvergeßlichen Berthold Auerbach, mittheile. Naht doch jetzt sein Geburtstag, und wenn das dentsche Volk mit Recht am Grabe dieses großen Todten sagte: „Sie haben einen guten Mann begraben", so können wir Inden mit noch größerem Recht sagen: „Doch uns war er mehr." Unzählig sind die lobenden Urtheile über Berthold Auerbachs Wirken und Walten aus christlichem Munde; daß aber auch Lin streng orthodoxer christlicher Schulmann, ein Kind und Lobredner der Regulativzeit unseligen Angedenkens, unter den Lobrednern eines glaubenstreuen Juden zu finden sei, das haben wohl die Wenigsten erwartet. Ist das lobende Urtheil aus solchem Munde schon merkwürdig genug, so ist die Form desselben für jeden gebildeten Juden noch charakteristischer:--In einem Buche, das sich in der, unter meiner Verwaltung befindlichen amtlichen Kreislehrer-Bibliothek befindet, also im Aufträge der Behörden für die Volksschullehrer (evangelische, katholische und jüdische) angeschafft wurde und nicht nur in der hiesigen Kreislehrer-Bibliothek, sondern auch in vielen anderen zu finden ist, einem Buche, das seiner Zeit durch Ministeriell- und Regierungs-Verfügungin den Lehrern zum Selbststudium dringend empfohlen wurde, findet sich dieses Urtheil. Das Buch führt den Titel: „Praktische Winke über die Fortbildung des Lehrers im Amte. Zugleich ein Wegweiser zur Einführung in die pädagogische, volksthümliche und klassische Litteratur, von I. G. Zegl i n, Semiuarlehrer in Dramburg." Gütersloh, 1873, bei Bertelsmann. Dort heißt es S. 11 (über den Werth der Bibel als Bildungsmittel), nachdem die Aussprüche vieler Klassiker angeführt worden sind: „Selbst Auerbach, der doch nicht einmal auf christlichem Boden steht, sondern nur in christlicher Umgebung aufgewachsen unb an protestantischer Wissenschaft gebildet ist. sieht in der Bibel das Muster eines Volksbuches und sagt von ihr: „Sie giebt die konkrete Anschauung eines Naturvolkes, stellt die Charaktere unmittelbar hin mit all' den kleinen Lebenszügen der Individualität; die Lehre ergiebt sich von selbst, nicht in kalter Abstraktion oder in überschwänglichen Ergießungen. Alles ist hier noch Eins; das Allgemeinste und Höchste stellt sich tu dem Besonderen dar. Vor Allem aber zeigt sich das Walten der höhern, das Individuum beherrschenden Macht in naiver Gegenständlichkeit." — Seite 177 ff.: „An Hebel haben sich viele unserer neuern Volksschriftsteller gebildet. Am augenscheinlichsten tritt dies hervor bei dem Israeliten Berthold Auerbach, eiuem der begabtesten Schriftsteller für das Volk, der aber trotz seiner Begabung weit hinter Hebel zurückbleibt. Auerbach ist zuerst in weiten Kreisen bekannt geworden durch seine vielgelesenen Schwarzwälder „Dorfgeschichten". Der Lehrer kann aus ihnen manches lernen, sonderlich dies, wie er für sein Theil Sitte, Sage und Sang des Volkes zu beachten nnd zu achten hat. Auch die übrigen Schriften Auerbachs bekunden den begabten Meister in der Darstellung und den feinen Beobachter des Volkes; dennoch aber vermag ich seine Bücher nicht durchweg zu empfehlen. Schon der bedenkliche politische und soziale Standpunkt, der sich wiederholt störend geltend macht, noch mehr aber der Mangel einer christlichen Grundlage, lassen es als geboten erscheinen, von der fortgesetzten Lektüre Auerbach'scher Schriften abzurathen. Bedauerlich bleibt es immer, daß ein so sinniger, begabter Schriftsteller nicht auf christlichem Boden steht. Wie Großes würden wir in diesem Falle ihm zu verdanken haben! Den vielgeleseuen und vielgelobten Roman „Auf der Höhe" kann ich durchaus nicht empfehlen. Dagegen ist „Barfüßele" eine Geschichte von ungemeiner Lieblichkeit und wohl das Beste, was Allerbach geschrieben hat." — Wenn ich hinzufüge, daß in diesem Buche, welches den Lehrern zum Selbststudium dringend empfohlen wird, weder von „Nathan der Weise", noch von Heine und Börne mit einer Silbe die Rede ist, dann werdell die geehrten Leser dieser Zeitung hoffentlich mit mir erfüllt sein von dem „Kiddusch Haschem", welches wir ilnserem unvergeßlichen Auerbach zu danken haben in dem Urtheil eilles so orthodoxen evangelischen Schulmallnes, wie der Verfasser des allgeführten Bilches ist. Wollstein. H. Becker, Lehrer. f ----- Soeben ist Nr. 3 der „Monatsblätter", herausgegeben von D r. Adolf Brüll, erschienen. Das erste Blatt enthält, von schwarzem Tranerrande umrahmt, das wohlgeluilgene Bild des seligen Rabbillers Dr. N. Brüll. Um Freunden und Verehrern des Entschlafenen diese Einzelnummer zugänglich zu machen, wird dieselbe, soweit der Vorrath reicht, durch Herrn Buchdrucker Wilhelm Breidenstein in Frankfurt a. SD1., großer Hirschgraben, gegen Einsendung von 50 Pf. --- 25 Kr. ö. W. in Briefmarken, unter Kreuzband, frei den Bestellern zugesand. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.