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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-13 · Heft 11 (13.3.1891) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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131 Nach und nach legte sich das Tosen der Menge, es ward wieder ruhig; nur hier und da ertönte noch ein leises Aufschluchzen. Der Richter erhob von Neuem das Blatt, um das Urtheil zu verkünden — da fiel sein Blick auf Onkel Jakob, der sich in die vorderste Reihe gedrängt hatte, nun unmittelbar vor ihm stand und, seine Mütze verlegen drehend, sich durch Gesten und Husten bemerkbar machte. „Was wist der Jude?" Und Onkel Jakob erwiederte mit seiner demüthigen und kaum hörbaren Stimme: „Verzeihung, meine Herren Richter; aber die Frau dort ist unschuldig — ich habe das Feuer angelegt!" — Der Richter sah ihn erstaunt und ungläubig an: „Was, Er der Thäter?! Er ist wohl von Sinnen!" — Wiederum bemächtigte sich der Menge eine ungeheure Aufregung, als das Geständniß des Juden bekannt wurde: Ja, ja, wer das nicht schon geahnt hätte, daß der jüdische Hexenmeister die ganze Schuld trüge! Und um seinetwillen wäre beinahe eine ehrliche Christenseele um Freiheit und Ehre gekommen! Solche und ähnliche Ausrufe wurden laut. Von allen Seiten drohten dem Mifsethäter erregte Gesichter, geballte Fäuste, und erbitterte Verwünschungen. Onkel Jakob.duckte sich noch demüthiger als sonst und musterte mit scheuem Seitenblick die feindliche Menge. Auf's Neue wurde das Verhör ausgenommen. Der Richter, welcher sich erst kurz mit den Beisitzenden besprochen hatte, stellte zunächst die Personalien des Verbrechers fest und befragte ihn dann über den Sachverhalt: Er antwortete schüchtern und demüthig, aber in einer Weise, welche jeden Zweifel bannen mußte. Er hatte in der That in der von mir bezeichneten Scheuer übernachtet, in der Nacht aber sich verstohlen in den Stall des Gutes geschlichen, dessen Besitzer ihn jüngst heftig geschmäht und mit Hunden vom Hofe gehetzt hatte. Dort hatte er, um sich zu rächen, Feuer angelegt. Wie sonderbar klangen die Worte „sich rächen" im Munde meines schüchternen Freundes! Als man ihm die Aussagen seines ersten Verhörs vorhielt, fragte er, ob man an der Brandstätte nicht einen Topf mit Theer mit dem und dem Fabrikzeichen gefunden habe. Der Inhalt dieses Topfes sei von ihm zur That benutzt, aber nach erfolgter Brandlegung dort vergessen worden. Diese Aussage deckte sich vollständig mit dem Thatbestande. Ein solcher Topf befand sich wirklich unter den im Stalle gefundenen Gegenständen. Das Erstaunen über dies unerwartete offene Geständniß machte bald, sowohl beim Gerichtshof, als auch bei den Zuhörern der festen Ueberzeugung Platz, den wirklichen Thäter gefunden zu haben. Gar zu gern ergriff man die Gelegenheit, Greta Dierksen von jeder Schuld freizusprechen und den Juden, gegen welchen sich ja auch mit Recht der erste Verdacht gewendet, schuldig zu finden. Zwar hatte der abgefeimte Verbrecher im ersten Verhör aus Mangel an Beweisen und infolge seiner Ableugnung wieder entlassen werden müssen. Aber wie, war es nicht die göttliche Gerechtigkeit, die ihn der weltlichen Strafe überliefernd, die Unschuld im letzten Augenblicke glänzend rechtfertigte? Und während er noch gestand, durchwogte ein freudiges Flüstern den Saal, denn Alle standen unter dem Eindrücke eines wahrhaft freudigen Ereigniffes. Das Verhör war zu Ende. Als dem Jakob nun noch einmal sein zu Protokoll gebrachtes Geständniß vorgelesen wurde, und der Richter ihn ernst und eindringlich fragte, ob er sich im vollen Umfange für schuldig erkläre, da zögerte er einen Augenblick, aber, als er Gretas Kinder erblickte, bejahte er vernehmlich. Der Gerichtshof zog sich zurück, um ein neues Urtheil zu fällen. Da stand der Verbrecher von haßerfüllten Gesichtern umgeben schmacherfüllt sein Haupt senkend. O, Gott, wie litt ich sin diesem Augenblick! War mein armer schüchternder Freund wirklich einer solchen That fähig? Ein tiefes Mitleid erfaßte mich um den unglücklichen Greis, der sein armselig Dasein nun hinter dicken Kerkermauern beschließen sollte. Ich hätte laut aufschluchzen und ihm zurufen mögen: „Nicht alle sind Dir feindlich gesinnt in dieser großen Menge, Du armer unglücklicher Freund!" Der Gerichtshof kehrte wieder und unter athemlosen Schweigen ward folgendes Urtheil verkündet: „Jakob Bialowicz wird wegen vorsätzlicher Brandstiftung, jedoch wegen seines offenen Geständnisses unter Zubilligung mildernder Umstände zu fünfzehn Jahren schweren Kerkers verurtheilt und ist sogleich zu verhaften. Die Angeschuldigte Greta Dierksen ist hingegen kostenlos frcizusprcchen." Ein Befallssturm durchbrauste den Saal Jmnier von Neuem toste er auf. Als der Verurtheilte von Gensdarmen umgeben durch die erregte Menge abgeführt wurde, gelang es mir infolge einer vor der Saalthür entstandenen Stockung in seine dichte Nähe zu kommen. Heimlich drückte ich ihm die Hand und flüsterte ihm zu: „Lebe wohl, Onkel Jakob!" Er warf mir einen unbeschreiblichen Blick zu: „Gott segne Dich, junger Herr; es schadet ja nichts, Keiner Wirdum den armen Juden weinen." Der Gensdarm sah mich grimmigen Blickes an, und schob den Unglücklichen unsanft durch die Thür. Ich aber erinnerte mich plötzlich, daß ich bei seiner letzten Anwesenheit in demselben eigenthümlichen Tone fast dieselbe Antwort erhalten hatte. Unterdeffen waren Greta und ihre Kinder von einer dichten beglückwünschenden Menge umgeben. Immer und immer wiederholte sie weinend: „Gelobt sei Gott! O, der verfluchte Jude, der mich verderben wollte!" Im Triumph wurde sie wieder in ihr Haus zurückgeführt, und am Abend ging es hoch her in ihrer Hütte! — Noch lange Zeit lieferte die denkwürdige Gerichtsverhandlung reichen Gesprächsstoff. Als aber die abgebrannten Häuser neu erstanden waren und andere Ereignisse eintraten, da wurde auch dies vergessen. . . . Jahre entflohen, ich wuchs heran, besuchte das Gymnasium, bezog die Universität und kehrte nun als flotter Student in das staunende Dorf zurück, um bei den Eltern die Ferien zu verleben. Neue Eindrücke hatten die alten fast verwischt, und an neuen .Eindrücken mangelte es wahrlich im Kreise fröhlicher Mitschüler und Studenten nicht! Aber dennoch tauchte dann und wann das demüthige Gesicht und der eigenthümliche Blick des alten Freundes in mir auf, und von Neuem vernahm ich die Worte: „Was thut's? Es wird doch Keiner um mich weinen!" Wie mag's Dir gehen, armer Freund? Eines Morgens, als wir im Garten Kaffee tranken, sahen wir den Pastor ganz bestürzt herbeieilen: „Göttliche Gerechtigkeit! Wißt Ihr, was geschehen ist?" so rief er uns schon aus der Ferne entgegen. „Ich weiß es schon," entgegnete mein Vater, „der Müller ist von der Leiter gestürzt und hat sich tödtlich verletzt. Er ist wohl todt? Nun, wir verlieren nicht viel an ihm — ein hartgesottener Sünder, ein wahrer Bauernschinder!" „Aber Ihr wißt nicht Alles! O Gott, es ist schrecklich — der arme Unglückliche! . . . Der Mensch hat mich, als er sein Ende nahen fühlte, rufen lassen. „Vater," sagte er, „ich bin ein großer Sünder — ich habe den Brand angelegt, um mich an dem Menschen zu rächen, denn er hat meinen Sohn, der als Knecht bei ihm diente,

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