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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-13 · Heft 11 (13.3.1891) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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130 FEUILLETON Onkel Jakob. Erzählung von Friedrich Saphra. (Schluß.) Am andern Morgen aber schämte ich mich beinahe meines Mitleides, als mein Vater ganz aufgeregt in mein Schlafzimmer trat und mir die Tagesneuigkeit meldete mit den Worten: „Gott fei Dank, daß ich den Vagabunden nicht beherbergte; Dein Schützling macht Dir wenig Ehre." Und nun erzählte er mir, es sei in der vergangenen Nacht Feuer auf einem Nachbargute ansgebrochen, dessen Besitzer wegen seiner Härte gegen sein Gesinde allgemeill verschrieen war. Mein Vater zweifelte nicht im Geringsten daran, daß dieses ein neuer Streich des Vagabunden Jakob sei, deni er die Herberge versagt hatte. Man arretirte Onkel Jakob desselben Tags, als er in einem der Brandstelle benachbarten Wäldchen Rast hielt. Ein Verfahren wurde gegen ihn eröffnet, aber trotz aller Mühe des Gerichts ergab sich nicht das geringste Belastende gegen ihn. Die Verdachtsmomente häuften sich im Gegentheil auf eine gewiffe Greta Dierksen, welche ain Vorabende des Brandes von dem Gutsherrn mit einer fürchter?- lichen Tracht Schläge fortgejagt worden war. Mit wilden Drohungen hatte sie sich entfernt und war nach der Aussage ihrer Nachbarinnen, sie lebte mit ihrem Manne und ihren drei Kindern in einer Hütte im Dorfe, — erst am Morgen nach Hause gekommen. Onkel Jakob wurde aus der Haft entlassen. Drei Monate später fanden die Verhandlungen bei dem Schwurgericht zu A . . . unter großem Andrange der Landbevölkerung statt. Mein Vater mußte als Beisitzender daran Theil nehmen und willigte ein, mich mitzunehmen. Er ließ mich mit den Pferden im Wirthshause zurück und befahl mir, dort auf ihn zu warten. Er hatte aber nicht auf meine jugendliche Neugierde gerechnet, und so schlich ich ihm nach, drängte mich mit den Uebrigen in den Gerichtssaat, postirte mich in eine Ecke und harrte nun klopfenden Herzens der Dinge, die nun kommen würden. Noch heute ist mir die sich mir darbietende Szene in allen ihren Einzelheiten erinnerlich. Der große, niedrige Saal mit seinen nüchternen, weißen Wänden hatte in seinem Hintergründe eine erhöhte Estrade, auf welcher die Herren des Gerichts saßen. Hinter ihnen an der Wand hingen ein großes Kruzifix und eine runde Uhr. Auf den Bänken zur Rechten saßen die Beisitzenden, unter ihnen auch mein Vater, zur Linken die Zeugen. Die Angeklagte mit ihreuz Vertheidiger, einem blutjungen Advokaten, saßen in der Mitte. Hinter ihnen stand in dichtgedrängten Massen die Zuhörerschaar, in erster Reihe ein Verwandter Gretas mit zwei kleinen Mädchen und einem f Säugling, den Kindern der Angeklagten. Ich kannte Greta. Sie war eine recht ostfriesische hohe, kräftige Erscheinung, mit blauen Augen und blondem Haar. Sie schien gar nicht zuzuhören, als der Gerichtsschreiber mit schläfriger Stimme die Anklage vorlas, sondern sah unverwandt nach dem Kruzifix. Von Zeit zu Zeit drehte sie sich hastig nach ihren Kindern um. Das Zeugenverhör begann, und die Verdachtsmomente waren sehr belastend für Greta. Ihr bisheriger Herr und ihre Bekannten versicherten übereinstimmend, daß sie zwar eine äußerst fleißige Person" sei, die sich für ihre Kinder aufopfere, aber dabei einen sehr rohen>nd.rachsüchtigen Charakter habe. Ihr Mann, ein guter, friedlicher Mensch, habe sich darum als Matrose verheuert und sei schon über ein Jahr vom Hause abwesend. Am Abend ihrer Entlassung, so beschwuren zahlreiche Zeugen, habe sie unter anderen Verwünschungen und Drohungen auch ausgerufen: „Ich werde dem Hund den rothen Hahn aufs Dach stecken!" Am selben Abend, das beschworen ihre Nachbarn, habe sie sich vom Hause entfernt und sei erst am anderen Morgen verstört, übernächtig und mit schmutzigen Kleidern zurückgekehrt, und habe vorgeblich nichts vom Brande gewußt. Auf Befragen des Richters, was sie die ganze Nacht im Freien gethan habe, erwiederte sie, daß sie des Abends sich wie sinnlos im Walde umhergetrieben habe und dann von Ermüdung und Erschöpfung überwältigt vom Schlaf erfaßt worden sei, aus dem sie Morgens erstarrt und erschöpft erwachte. Diese Erklärung machte einen sehr schlechten Eindruck. Der Vertheidiger, wie schon erwähnt ein ganz junger Mensch, beschränkte sich darauf, mildernde Umstände zu beantragen, in Anbetracht des brutalen Charakters des Gutsherrn, der rachsüchtigen Natur der Angeklagten, die durch die Mißhandlung aufs Aeußerste gereizt worden sei, und in Rücksicht auf die armen Kinder, welche dadurch ihrer Ernährerin und Mutter beraubt würden. Der junge Mann machte seine Sache brav. Besonders als er mit beredten Gesten auf die Kinder hinweisend ausrief: „Erbarmet Euch, übet Milde uni dieser armen Waisen willen, welche die Mutter so nöthig brauchen! Wer wird für die unschuldigen Kinder sorgen? wer ihnen die Mutter ersetzen?" —durchzitterte eine tiefe Bewegung den Saal, und die Frauen schluchzten laut. Der Präsident ergriff nun das Schlußwort. Man hörte es seiner bewegten Stimme an, wie er, einer schönen, menschlichen Regung folgend, nur zögernd, wie widerwillig, die schweren Verdachtsgründe aussprach, die Gretas Bestrafung unvermeidlich machten. Der Gerichtshof zog sich zurück, um bald wiederzukehren. Mein Vater überreichte dem Präsidenten ein Papier, worauf dieser sich zum Urtheilsspruch erhob. Da begriff die Unglückliche, daß jede Hoffnung auf Freisprechung vergeblich sei. Mit einer jähen Wendung sprang sie empor, entriß den Säugling der überraschten Wärterin, zog mit der andern Hand die beiden Kinder mit einem heftigen Ruck zu sich, stürzte sich, dem Kruzifix zugewandt, mit ihren erschreckt aufschreiendcn Kindern in die Kniee und rief in herzzerreißenden Tönen: „Mein Heiland, errette mich, mein Heiland, habe Mitleid mit mir, Deiner Dienerin und ihren armen Kindern; ich bin unschuldig, erbarme Dich!" Unbeschreiblich war die Szene, die nun folgte. Zunächst herrschte Todtenstille; Richter, Zeugen und Zuhörer standen erstarrt. Man hörte die leisen, gemessenen Pendelschlüge der Uhr; diese Uhr war es auch, welche die Todtenstille unterbrach — sie verkündete die Mittagsstunde. Bis sie zitternd verhallten, lauschten Alle den tiefen und ernsten Schlägen. — Da löste sich der Bann — ein furchtbarer Tumult brach los — die Frauen stürzten auf die Kniee und weinten und beteten, die Männer ballten die Fäuste und schrieen zornig, einige drängten sich sogar vor, um die Angeklagte mit Gewalt zu befreien. Wie Brandung der Meereswogen an felsiger Küste dröhnte das Toben der Menge! . . . Da geschah etwas Unerwartetes. Neben mir tauchte plötzlich eine wohlbekannte Gestalt mit langem Rock und Pelzmütze auf — Onkel Jakob. Seine Augen irrten schüchtern im Saale umher — über die tobende Menge zu den Richtern hin; aber als sie die knieende Greta und ihre Kinder trafen, da leuchteten sie auf mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen werde.

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