Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
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129 „Nein, besser könnt' er nicht verwaltet werden, Behaltet ihn zum festen Eigenthum. Verwendet ihn, so lang ihr weilt auf Erden, Zum Wohl der Menschen und zu Gottes Ruhm." — „„Was ich an meines Leibes Nothdurf wende, Bleibt meinem freien Willen heimgestellt. Doch handelt sich's um eine fromme Spende. Das Urtheil nach dem Können sei gefällt. II. Das war schon so vor langen, langen Zeiten, Daß Wissenschaft mit Reichthum sich nicht paart, Den Jüngern, die der Wissenschaft sich weih'ten Nur selten Noth und Mangel blieb erspart. Drum mahnt das alte Wort: Habt Acht der Armen, Die ihre Kinder weih'n der Wissenschaft, Schenkt ihren Mühen Hülfe und Erbarmen, Nllr solcher Boden edle Früchte schafft. Zwei Lehrer gingen einst — wozu die Namen? — Zur Sammlung für die Schüler Haus bei Haus, Wohin im heiligen Geschäft sie kamen, Sie traten ohne Beitrag nicht heraus. Zuvörderst richteten sie ihre Schritte Zum Haus des reichen Abba Judan hin, Das Haus stand auf des Marktes Mitte, Gefüllt — das wußte man — mit reichlichem Gewinn. Noch nicht hinein! — Besonnen sie verweilen, Als sei des Zimmers Eingang nicht mehr fern; Befehle hören sie dem Knecht ertheilen, Den reichen Herrn störet man nicht gern. „Geh auf den Markt und schau Dich um unb frage Nach bill'gem Kraut, das kochst Du mir dann gar, Sei's auch vertrocknet, weites vom vor'gen Tage, Zwei Maaß davon erwirbt Dir ein Denar." „„Das ist ein Geizhals, laßt uns weiter wandern,"" So flüstern die Gelehrten vor der Thür- „„Wir gehen erst und bitten bei den Andern, Zum Schluß der Sammlung sind wir wieder hier."" Und da sie späterhin vor ihm erscheinen Und zagend ihre Bitte vorgebracht, Spricht er: „Gern geb' ich von dem Meinen, Was Gottes Segen mir hat eingebracht. Ich bitt' Euch, geht hinein zu meinem Weibe, Bestellt ihr, daß sie einen Scheffel voll Denare gebe, und das sei unb bleibe Von meinem Dank an Gott ein kleiner Zoll." Erstaunt die beiden Lehrer sich begeben Zu Abba Judan's Ehefrau hinein. „Den Scheffel voll? Sagt' er nicht auch baneben, Soll er gehäuft, soll er gestrichen sein?" „„Den Scheffel voll, so hat er uns beschieden."" „Nun denn, gehäuften Scheffel geb ich Euch. Und Hab' den rechten Sinn ich auch gemieden, Es zu ersetzen bin ich selbst so reich." Zum Hausherrn voller Dank sie kehren Und melden, wie von Zweifeln seine Frau bewegt, „Sie wußte, wie ich meine, zu erklären, Im Innern sie ein Herz gleich meinem trägt. Doch saget mir. warum so spät Ihr kämet, Nachdem Ihr schon die ganze Stadt besucht?" Da zaudern sie, die Zunge fast erlahmet, Zu Boden drücket sie des Jrrthums Wucht. Da können sie die Wahrheit nicht verschweigen: „So wisse und verzeih'! Wir waren hier, Durch Zufall mußten unfer Ohr wir neigen, Als wir uns schon genahet Deiner Thür. Wir hörten, was dem Knechte Du befohlen, Als Du ihn nach dem Markte schicktest hin. Wir Thoren dachten: Hier ist nichts zu holen, Dem Manne fehlt für mildes Werk der Sinn." Bedürft ihr wieder einmal milder Gaben, So schenket Eure Gegenwart auch mir. Doch hütet Euch, auf das Bedacht zu haben, Was Ihr durch Zufall hört vor meiner Thür."" III. Vergänglich ist das Geld, des Glückes Gabe, Du hast es kaum geschaut scholl ist es aus. So gülg es auch mit Abba Judan's Habe- Stets neues Unglück nimmt ihm Hof unb Haus. Die Kinder haben längst das Haus verlassen, Hub Segen ruht auf ihrer jungen Kraft, Doch er mag nimmer den Gedankeil fassen, Voll dem zu zehren, was die Kinder allgeschafst. Eill kleines Feld hat er sich noch erhalten, Das pflegt er selbst mit feiner letzten Kuh, Er preist in Demuth seines Gottes Waltell, Fügt in die Schickullg sich mit frommer Ruh. Er denkt mit Wehmuth glücklicherer Zeiten, Da er Denare noch mit Scheffeln bot, Da sieht — o Schrecken — er von ferne schreiten Die Lehrer, sammelnd für der Schüler Noth. „Sie kommen auch zu mir, wie soll ich's fassen, "Noch jedesmal Hab' ich sie reich beschenkt. Ich kunll sie so nicht von mir gehell lassen, Nichts Hab' ich und sie'wären tief gekränkt." Der Arme läuft davoil unb kommt zum Weibe Nach Hause mit verstörtem Allgesicht, Er athmet schwer, er bebt am gallzen Leibe Wie Einer flieht vor schrecklichem Gericht. Gewiß! Wer sich ein bied'res Weib erkoren, Der hat für sich ein gutes Theil bestellt. „Du hast", spricht sie, „noch Alles nicht verloren, Dir bleibt ja noch was Du gepflegt, Dein Feld. Die Hälfte gieb den Lehrern, wenn sie kommell, Verschreib' es ihnen nach Gesetz und Fug. Gott sorget schon — Du weißt's — für seine Frommen, Wir haben an der Hälfte auch genug." Der Rath ist bald befolgt, das Feld gespelldet, Noch bleibet Abba Judall seine Kuh Zur Pflege seines Restes er sich wendet Jll neuer Arbeit und in Demuth zu. Sieh' unter des getreuen Thieres Hufen Sillkt unverhofft der feste Boden ein. Elia naht! — hinunter führen Stufen, Voll unten leuchtet heller Goldes Schein. Gebrochell fiitb des armen Thieres Glieder, Bald haucht es aus den testen Athemzug, Ter Fromme steigt bestürzt die Stufen nteber, Da ist für den Verlust Ersatz genug! Was einst, in längst vergang'lleu Zeiteil Dem Boden unbekannte Hand vertraut, Das wollt' seinem Knechte Gott bereiten, Der seine frommen Werke hat geschailt. Wenn auch der alte Glanz nicht wiederkehrt, Des reichen Abba Judan Herrlichkeit, So ist dem greisen Paare doch gewähret Des Lebens schönste Zier, Genügsamkeit. Elia erscheint scholl lange nicht mehr auf Erden; aber glücklicher Weise ist Mildthätigkeit, ist Fürsorge für die Armen und Leidendell in Israel auch heute noch nicht zur Legende geworden. U