Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1-26 der Anblick wirken! Was müßte in dem Herzen der Eltern Vorgehen, die sich Angesichts der Schaulust ihrer Kinder sagten: „es wirkt abschreckend". So hat auch jede körperliche harte Züchtigung für den, der sie ertheilt, etwas Herabdrückendes, für den Empfänger eine Herabminderung der Menschenwürde und des Werthes, für den Zuschauer etwas Häßliches. Sollte sie aber an einem Kinde, im Hause oder in der Schule, in einem ganz abnormen, höchst seltenen Falle nothwendig erscheinen, als einziges Mittel zur Sühne, dann folge die Abrechnung im abgelegenen Kämmerlein unter vier Augen, nicht aber vor andern Kindern. Auch hat der Weg bis dahin das Gute, er bricht die schäumenden Sturmwogen, er kühlt ab, auf daß das Maß nicht überläuft. Wenden Sie, verehrte Freundin, sich nicht von mir ab, nicht nnwillig von meinem grellfarbigen Gemälde! Ich habe meine Gegenstücke bereit, die zudem den Vortheil haben, daß sie keme erdachten, sondern wie alle meine eingestreuten Beispiele, der Wirklichkeit entnommen sind. Aber haben Sie Nachsicht mit der Darstellung zweier Beläge fiir meine Ansicht, daß unverdorbene Kinder keinen Gefallen an der Heruntersetzung Anderer finden. Von Ihrer Häuslichkeit und Ihrer lieben Meta muß ich nur das Opfer einer kurzen Zeit erbitten, damit Sie mich, Ihr Einverständniß vorausgesetzt, zur Schule eines bekannten Lehrers, und von da nach einem Hause begleiten. Aber auch den Genius, auf den der feinfühlige Wieland so viel hält, wollen wir uns zur Seite bitten. Denn wir gehen nicht in die Schule, nicht in das Haus, sondern nehmen Posto an einein Fenster, und der Genius wird ein Mittel finden, daß wir nicht bemerkt werden, selbst aber Alles deutlich sehen und hören können. Zum Zweiten ist ihm das Vor und Nach zur Gegenwart verschmolzen, und so kann er uns, wie ein kundiger Mentor in einem Museum mit guten Winken aushelfcn. Das nenne ich eine liebenswürdige Bereitwilligkeit! Kaum gedacht, und wir sind mit Gedankenschnelle, wie auf Fausts Mantel getragen, auf der gewünschten Stelle. Sehen Sie den Lehrer, einen Mann in den mittleren Jahren, er beginnt die erste Tagesstunde mit dem Rechnen, welches die ungetrübte Geistesfrische fordert. Das Fach verträgt keine Lücke; ist eine Stufe, ein Uebergang nicht verstanden, nicht gut geübt, dann ist der Fortgang unsicher, oft ganz haltlos. Er hat eben allen Abtheilungen seiner einklassigen Schule ihre Beschäftigung angewiesen, um heute die Elf- und Zwölfjährigen zuerst mündlich vorzunehmen. Er fordert die häuslichen Arbeiten; Alle zeigen diese bis auf ein Mädchen. „Zum dritten Male bist Du nun die Einzige, die nicht gearbeitet, also auch nicht geübt hat." Das Mädchen schaut verlegen zur Erde. Der Genius flüstert: „Das ist für den Lehrer gewiß betrübend, denn das Kind war immer pünktlich und gehorsam, was um so höher anzuschlagen, als in seiner häuslichen Umgebung an eine Unterstützung der Schule nicht sonderlich gedacht werden kann." „Emma," fährt der Lehrer in ernstem Tone fort; „ich wollte Dir und mir es nicht anthun, Dich in der Klasse zurückzulassen, und damit die Anderen nicht darunter leiden, habe ich wiederholt. In der letzten Stunde habe ich bestimmt, daß ich Dich eine Abtheilung zurücksetzen müsse, wenn Du heute wieder Deine Pflicht vergessen hättest." Nun überschaut er ernsten Blickes die Klasse, geht nachdenkend einige Schritte rechts und links; ein Gedanke scheint in ihm aufzublitzen, er stellt sich vor das Mädchen und sagt: „Nun wohl, ich will Deine Mitschüler und Mitschülerinnen fragen: darf und soll ich es noch einmal mit einer Stunde versuchen, oder soll ich weitergehen und Emma eine Abtheilung niedriger setzen?" Allgemeine Spannung und geheimnißvolle Stille hält die Klaffe wie im Zauberbann. „Nun?" Dieses „Nun" löst den Bann; alle Kinder heben den Zeigefinger und sagen, befragt, nach einander: „Bitte, Emma wird ihre Aufgaben künftig abliefern, wird bei uns bleiben wollen." Die klugäugige Jda setzt noch hinzu: „Sie werden auch künftig zufrieden sein können. Ich will zur Emma gehen und mit ihr zusammen arbeiten, oder, nicht wahr Emma, Du kommst zu mir, wir wohnen ja auch nebeneinander!" In Emma zuckt es krampfhaft, sie schluchzt und reicht dem Lehrer unter einem Strom von Thränen die Hand; sie verspricht Besserung und stammelt einige den Kindern unverständliche Worte. Der Lehrer aber weiß, woran er ist, er schaut mit tiefem Mitleid auf das Kind. Der Genius zieht uns weg und sagt: „Unerquickliche häusliche Verhältnisse, Aeußerungen über Lehrer und Schule haben das Kind aus seiner Bahn gebracht. Körperliche Strafen hätten es gar verstockt gemacht; das Vertrauen seiner Genossen und die bewiesene Rücksicht des Lehrers haben all das Eis um sein Herz weggeschmolzen; diese Stunde wird mein Genosse, ein guter Genius auf dem Lebenswege der Emma sein. Ich sehe sie nach Jahren und bin mit ihr zufrieden, sie ist es ja auch selbst." Ist es rathsam, Schüler zu Mitrichtern zu ernennen? Und war es in diesem Falle vom Lehrer pädagogisch vorbedacht? Der Genius raunt uns zu: „Darüber ein anderes Mal. Es hat auch mancher Lehrer einen meiner Sippschaft, der zuweilen dein Schulmeister urplötzlich einen Gedanken durch das Gehirn oder eine wunderliche Regung durch's Herz jagt, die, steht sie auch in keiner Regel, sich in der Praxis trefflich bewährte. Bitte, schauen Sie durch dieses Fenster!" Wir stehen vor dem Fenster einer Wohnstube. Ein Mann sitzt an einem Tische und blättert in einem Notizbuche. Er wird unliebsam gestört. In der Thür erscheint die gutherzige, etwas derbe Frau Nachbarin, sie ist aufgeregt. Sie schiebt den elfjährigen Robert des Nachbars beim Kragen vor sich in die Stube und führt die neunjährige Johanna an der andern Hand. Der Mann stutzt und fragt: „Guten Morgen, Frau Nachbarin, was giebt's?" „O, nichts weiter, als der Robert hat einmal wieder seinem Muthwillen und seiner Zank- und Necksucht die Zügel schließen lassen." „Das ist ja — da soll ihn — gestern noch habe ich ihn gewarnt, ihin eine nachdrückliche Strafe bei dem ersten Vergehen angedroht. Was hat er begangen?" „Er rnag's selber gestehen, oder die Johanna es sagen." Der Knabe schaut schuldbewußt und finster zur Erde; Johanna, des Vaters Augapfel, wischt sich Thränen ab und bringt zögernd und begütigend nur „sei nicht böse, lieber Papa!" hervor. Der Genius raunt uns zu: „Den Jungen kenne ich, wie seine Mutter, auch die war früher etwas heißblütig, gereizt." Der Vater drängt um Bericht, den die Frau giebt: „Die Beiden spielen im Garten, der Junge oben mit seinem Windvogel, das Mädchen sitzt bei einem Blumenbeete und glättet an dem Kleidchen der Puppe. Jener ruft: „Johanna, hol' aus meiner Schieblade Bindfaden!" Das Kind hat den Zuruf wohl überhört; Jener ruft gereizt noch einmal, dieses giebt zurück: „gleich, noch das Hütchen aufsetzen!" Da stürzt der Junge herbei, rüttelt das Kind auf, schlägt es auf den Rücken, zerrt es beiin Arme, es fällt an die Mauer, schürft sich Haut vom Arme; hier, sehen Sie, es quillt noch Blut. Jst's nicht so, Aennchen? Ich kann nun gehen!" Zorngeröthet blickt der Vater auf seinen Sohn und befiehlt in einem Tone, der Zaudern und Uinschweife unmöglich macht: „Junge, schnell, hole die Peitsche dort aus dem Winkel!" Der Junge thut,