Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-13 · Heft 11 (13.3.1891) · p. Seite 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227889--47783-3270266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Pädagogische Briefe über Erziehung und Unterricht. Voll A. Treu, Seminarlehrer in Münster. „Wer ^äbe sich ohne Menscheuachtung die Mühe der Erziehung"? Iran Paul. „Wie der Mensch, so seine Gefühle, darum ist frühe itub nie vernachlässigte tfuttuv des Gefühls von entscheidender Wirkung für das ganze Leben!" . B o u t e r w e k. IV. Mit Recht »eimen Sie, verehrte Freundin, die ersten Kundgebungen der Sprache und ihre an Ueberraschungen reiche, schnelle Fortentwickelung bei Kindern ein Wunder. Das Wunder soll der Verkünder der Wahrheit werden, und das lautere Gold der Wahrheit soll sich durch Wahrhaftigkeit in gangbare Münze ausprügen. So wird die Sprache zum Wnnderbauine,, dessen feinste Wurzelfasern sich in des Geistes Urgrund verästeln, unserem Auge gleich unerreichbar, wie unmeßbar die Krone, aus der Freud und Leid, Segen und Fluch, begeisternde Erkenntniß wie verdunkelnder Wahn sprechen. Denken wir uns nun, vor einem rein geistigen Auge läge das Vor und Nach als Gegenwärtig entschleiert; dies Auge schaute mit der Eichel zugleich ihren früheren Träger snimnt dem in der Keimkraft sich erhebenden, mächtigen Eichbaum mit allen Zwischen-Entwickelungsstufen; es erblickte das Menschengeschlecht vom ersten Erdenbewohner an durch alle Geschlechter hindurch und zählte auch in diesen jedes einzelne Menschenkind, als zum Ganzen nothweildig bestimmt, gleichwie das Sandkorn und der Erdball die Wechselbeziehung mit Nothwendigkeit zu ihrem Dasein bedingen. Und nun sei der Erzieher ausgerüstet mit einer solchen Einsicht in die Gebilde der Sprache und deren Folgen, und habe auch stets inahneud vor Augen: Tod und Leben liegen in der Zunge; und die Zeugnisse der Weltgeschichte lehrten, daß wenige Worte hinreichten, Völker zu fesseln oder zu beglücken. Die Vorübung, welche die jungen Eheleute mit dem Kleinen als Anleitung zum Sprechen begonnen haben, bringt Sie, geehrte Frau, auf das Sprachwunder und giebt mir den Vorwand oder die angenehme Gelegenheit zur Bezugnahme auf die uns liebgewordenc Gruppe. — Sie werden mir zugeben, das sinnige Elternpaar wird das Kind nicht vor die peinliche Frage stellen: Wen hast Du lieber, den Papa oder die Mama? Sie fordern von ihrem Kinde keine Liebeserklärung zu Gunsten des Einen auf Kosten eines Andern. Eine solche Vergleichung, zumal bei schon aufdämmerndem Bewußtsein, rüttelt an der zr> pflegenden Menschenachtung. Zwar will man beobachten, daß Kinder schon sehr früh von einzelnen Personen ihrer täglichen Umgebung, wie von Fremden sich angezogen fühlen und sich ihnen zutraulich hingeben, während sie gegen Andere Abneigung zeigen. Aus dieser Zu- oder Abneigung wollen manche sogar ein moralisches Wahrzeichen erblicken. Aber ich sehe, wie Sie lächelnd den Kopf schütteln, und höre Ihre warnende Mahnung: Kinder können und dürfen keine Sittenrichter sein; und wer will bestimmen, wie viele Aeußerlichkeiten, als: gefälliger Kopfputz, Bartwuchs, Kleidung und dgl., das Kind stutzig gemacht und einen nachwirkenden Eindruck hinterlassen haben? Mag auch in vielen Füllen das Kind gleichsam instinktmäßig oder zufällig das Richtige treffen; das aber soll und darf der Erzieher nicht als untrüglichen Gradmesser auf Gut oder Böse gelten lassen. Das Kind soll lange in seinem Paradiese weilen, seine Harmlosigkeit und Unschuld soll ihm lange erhalten bleiben. Dem Kinde soll Alles, sollen Alle gut sein, und es muß zu allen 125 -- erwachsenen Menschen mit Glauben und Vertrauen hinaufschauen, cmporblicken können. Darum ist auch die gegentheilige Erfahrung, die das Böse von dem Guten unterscheiden lehrt, als herzzerreißend, von ihm fern zu halten. Abfälliges an einem Menschen erschüttert seinen Glauben an die Menschen überhaupt. Ist an der Rose ein Blatt zerpflückt, so hat die ganze Blume ihren vollen Reiz eingebüßt. Das erste Menschenpaar wandelte in seiner Unschuld glücklich im Paradiese; es brach vom Baum der Erkenntniß die Frucht, nach deren Genuß sich das Gute kennbar vom Bösen schied- Nun versteckten sich die ersten Menschen vor dem Göttlichen, ihr Glück war hin, und auf ihrem Lebenswege wuchsen Dornen und Disteln. — Und Gott gab die Stadt Ninive nicht dem Verderben preis, weil so viele Menschenkinder darin waren, die das Böse vom Guten, nicht rechts von links zu unterscheiden wußten. Zn früh und von selbst öffnet sich dem Heranwachsenden Menschen der Einblick in „die Beiuhüuser und Wolfsschluchten", und wohl ihm, wenn der Glaube an das Gute lind die Güte ihn ungefährdet vorbeiführt. In dieser Hinsicht hat und behält der Satz in Rousfcaus „Emil" für die Erziehung seine hohe Bedeutung, der Satz nämlich, daß Alles, was aus der Hand des Schöpfers hervorgehe, gut sei. Das stimmt auch ganz lind gar mit dem ersten Kapitel der Bibel überein. Dieses Kapitel führt uns in die unendliche Werkstütte, worin Alles und Jedes, nämlich das Universum mit seiner Ausstattung vom Großen bis zum Kleinsten, in sechs Tagen fertig gestellt und auf jedes größte Stück mit allen seinen Fächern und Einschachtelungen der Stempel der Echtheit, die Pateutmarke „Tob meod" zu deutsch „gut, sehr gut" gedrückt wurde. Das Glite ist wirklich naturgemäß, uitb sein Zwillingsbrudcr, das Wahre, nicht minder, beide sind unzertrennlich. Das Kind äußert sich nur nach seinen Enlpfindungcn und Wallungen in der Weise, wie die Natur ihm dazu die Möglichkeit gegeben. Verdrchungen, Umschweife, Verhüllungen werden gedankenlos und unvorsichtig air das Kind herangebracht und hineingeredet. Doch die Mutter jenes Knübleins, wir haben sie ja solveit schon genugsam kennen gelernt, sie wird, lvenn ihr Liebling eilte Unschicklichkeit oder Ungeschicklichkeit begeht, etwas zerbricht, oder in Unachtsamkeit etwas überhört, oder übersieht, oder gar falsch verstanden, sie wird das Alles nehmen, für was es gilt, und darnach ihre Lektion liebend und belehrend einrichten. Sie wird ihm aber nimnier Arges unterschieben, nicht die Schlange an das Herz legen und sagen: „€>, du böses Kind, du willst mich wohl ärgern!" Ebenso ist es ihr aber auch nicht gegeben, eine ihr bekannte Dame, die bei ihr vorspricht, mit Liebkosungen und Schmeicheleien zu empfangen, dieselbe zum Kaffee bei sich zu behalten, lind nach deren herzlichem Abschiede ihr Fehler, Bosheiten und Gehässigkeiten vor Anderen, am wenigsten vor den Ohren ihres Kindes, als Steckbrief nachznsenden. Wie dem Ohre Lästerung, abfälliges Urtheil, so soll dem Auge der Kinder der Anblick der Menschenerniedrigung erspart bleiben. Nur an Mustern, nicht nach Mängeln können wir die Mcnscheil bessern. Das zur Schau gestellte Laster wird das Uebet nur vergrößern. (Lehrer-A. B.C.) „Suche keinen Menschen in seiner Erniedrigung zu schauen", was mit deni Gebote übereinstimmt: „Die Leiche soll nicht lange am Galgen hängen, dieweil sie eine Herabwürdigung des Ebenbildes Gottes ist." Wird ein eines schweren Verbrechens Angeklagter geschlossen durch die Straßen zum Gefängniß geführt und hinterher laufen nicht nur neugierige Erwachsene, sondern auch die Jugend —; wie muß auf diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.