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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-13 · Heft 11 (13.3.1891) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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zur Einrichtung und Verwaltung eines gesunden Staatswesens dienen - könnten, dienen sollten, so nehme ich mir heraus, diese patriarchalische Regierung mustergiltig zu nennen. Welch ein majestätisches Staatsbild stellt sich uns in diesem Abram, in dem Manne von Chaldäa und seinen Hirtenvölkern und Kolonnen dar! Es ist unnachahmlich in seiner äußeren Gestalt, auch wenn unsere Kulturwelt mit ihren Kriegsheeren und Flotten, ihren Maschinen und Werfftätten, ihren Theatern und Museen, ihren Palästen und Armenhäusern, ihren Kirchen und Schulen es genau so, wie es äußerlich beschaffen war, brauchen könnte, unsere Staatsmänner es dementsprechend nachahmen wollten. Im einfachen, langen Hirtenkleide saß er in seinen! Zelte, über sich den blauen Aether, unter sich die grünende Flur, rings um sich üppige Weinberge, weithin schone Weizenfelder, hochragende Oel- und Feigenbäume, betend, arbeitend, lehrend, Anordnungen treffend, Befehle ertheilend. Sein einziger Gedanke, seine stete Sorge war auf die Wohlfahrt seiner großen Volksfamilie gerichtet. Er war in der That ein Patriarch, ein Erzpatriarch, das Haupt eines zahlreichen Geschlechts, der Vater seines Volkes, und alle Genossen aller Volksstämme waren seine Kinder, die er alle gleich liebte, gleich schützte, und die ihn mit gleicher Innigkeit verehrten und freiwillig ihm ergeben waren. Und wenn er sich seinen Volksgenossen zeigte, um zu ihnen zu reden, oder sich an ihre Spitze zu stellen, um sie zum Kampf gegen streit- und eroberungssüchtige Könige zu führen, so thronte er auf weiter, grünender Flur, Allen sichtbar, auf dem Rücken eines Kameels. Er war ein politischer Monarch, seiner Völker Oberhaupt und oberster Richter zugleich. Und in seinem Reiche herrschte Gerechtigkeit; und Zufriedenheit und Eintracht waren die Schutzgeister seines Volkes. Alle lebten und strebten für den Einen, und der Eine lebte und strebte für Alle. Die Harmonie der Volkskräfte und der einzelnen Glieder in der großen Staatsfamilie, welche die Staatsweisen lehren und die Staatslenker vergebens anstreben: hier waltete sie in den Seelen aller Volksgenossen und machte dieselben stark und mächtig, edelgesinnt und heldenmüthig. Er war ein Rex im Sinne der Römer, der Lenker und erste Diener des Staates, und er war ein König im germanischen Sinne, das Haupt, der Erhalter und Pfleger seines Stammes, der Erste und Würdigste seines Volkes, und dieses Volk war in allen seinen Gliedern ein Volk von „Gottes Gnaden". Er war auch ein echter „Gottesbote" in Fleisch und Blut, ein „Priester Gottes des Höchsten", dieser Erzpatriarch. Zwar wußte er von Jahve nicht mehr, als sie Alle wußten, die Hirten, die Jäger, die Ackerbauer, die streitbaren Männer; aber sie Alle waren mehr oder weniger von dem Bewußtsein durchdrungen, daß dieser eine ewig seiende Gott es sei, der „Himmel und Erde gemacht hat und das Meer und Alles, was darin ist"; daß er es sei, der ihnen Kanaan, das „heilige Land", das „Land Gottes", angewiesen habe, tvo der „fette Weizen" tvächst und der „rothschimmernde Wein, welcher Gott und Menschen erfreut"; daß er ihnen die zahllosen Rinder und Schafheerden zugeführt und die immer grünen Weiden dazu; daß der eine Gott es sei, welcher die Sonne scheinen und Regen fallen läßt zu seiner Zeit, welcher „die Winde zu seinen Boten und Feuerflanimen zu seinen Dienern" inacht, tvelcher in jeder Natnrkraft, in jeder Naturerscheinung sich offenbart und ein Gesetz gab, „das sich nicht wandelt"; sie Alle glaubten, daß dieser Gott, und kein anderer, die Schicksale der Menschen lenkt, das Gute belohnt und das Böse bestraft, und daß es höchste Weisheit sei, diesen Gott zu lieben und ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Darum auch konnte dieser hohe Priester der rechte „Bote Gottes" und der natürliche und berufene Vermittler zwischen diesem Gott und seinen Volksgenossen sein, und darum war er ohne Hoffart, ohne Eigendünkel, ohne Geheimnißkrämerei, ohne Unwahrhaftigkeit, ohne Scheinheiligkeit. Esoterische und exoterische Priesterweisheit, die bis auf den heutigen Tag getrieben wird, kannte er nicht. Niemand auch lehrte die „Furcht Gottes" als den Anfang aller menschlichen Tugenden. Man fürchtete nichts in der Welt, am wenigsten Gott, der ihnen ja ein gerechter und liebevoller Vater war, und von dem sie Alles empfangen hatten, was sie besaßen und hoffen durften, ferner zu besitzen. Und dieser Erzpatriarch war auch ein sozialer König! Denn ein Jeglicher in seinem Staate fühlte sich als ein nützliches Glied seines Stammes, seines Volkes, und er wußte, daß sein Wohlergehen, ja seine Existenz von dem Wohlergehen und der Existenz aller seiner Volksgenossen unzertrennlich war. „Der höchste Gott, welcher Himmel und Erde besitzet", hatte den Stammvater der Hebräer in das Land, da „Milch und Honig fließt", geführt, damit er und seine Nachkommen die Heerden weiden, das Feld bebauen, die Erde füllen und sie sich unterthan machen sollten und sie Alle Theil hätten an der Benutzung und Bebauung des Feldes, und ihnen Allen die Arbeit scgenvoll sei. Er hatte zu Abram gesprochen: „Alles Land, das du siehest, will ich dir geben und deinen Nachkommen ewiglich, und deinen Namen machen wie den Staub auf Erden. In dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden." Gott wollte, daß „Alle sich satt essen sollten an Brod und ruhig im Lande wohnen", und „ein Jeder sitze unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum". Aber das konnte und sollte nur unter dem Segen der Arbeit geschehe». Die starke, auf einen kleinen Raum zusammengedrängte Bevölkerung erforderte einen besonders fleißigen Ackerbau. Dann jedoch war die Fruchtbarkeit des Landes groß genug, um den fleißigen Anbau mit hundertfältigem Ertrag zu lohnen. Die Arbeit dünkte den Hebräern nur dann ein Fluch, wenn cs dem Arbeiter unmöglich sei oder unmöglich gemacht werde, „im Schweiße seines Angsichts" mehr als „Dornen und Disteln" zu ernten. Man kann darum wohl mit Recht sagen, daß die für die Wohlfahrt der Völker wichtigste Frage unserer Zeit, die Bodenbesitzreform- Frage, grundsätzlich schon längst int Allgemeinen richtig beantwortet worden war, ehe sie aufgeworfen wurde. Erst dann konnte sie in den Köpfen der nach Glückseligkeit der Völker ringenden Staats- und Volksmänner aufgeworfen werden, als die Mächtigen und materiell Starken anfingen, von der Erde für sich und ihre Erben willkürlich Besitz zu nehmen, und somit den occupirten Grund und Boden als ihr alleiniges Eigenthum anzusehen. Als der Verfasser der Genesis die ewige Wahrheit enthüllte, daß Himmel und Erde einzig dem gehöre, der sie gemacht hat, nämlich Jahve, und er alles Land allen Menschen zur Benutzung und Pflege übergeben habe, damit ein Jeglicher sich satt essen und ruhig im Lande wohnen könne, war der Kärdinalgrundsatz aller Bodenbesitzreform, ja allerSozialreform für alle Zeit ausgesprochen worden. Und diese Wahrheit erfüllte die Seele des Abram und aller seiner Volksgenossen. Und daß die Arbeit auf der starken Grundlage des gemeinsamen Besitzes des ganzen Landes allen fleißigen Arbeitern im höchsten Maße segensreich sei, darauf war die gesammte Thätigkeit des großen Mannes ans Chaldäa gerichtet, dieses ersten sozialen Königs! (Schluß folgt.)

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