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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-13 · Heft 11 (13.3.1891) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Jude in den letzten hundert Jahren das Christenthnm ernstlich angegriffen hat, sie wissen so gut wie wir, daß noch nie ein deutscher Jude gegen das deutsche Vaterland, gegen die deutsche Nation aufgetreten ist. aber sie wollen ihren Gläubigen nichtsdestoweniger dieses Ammenmärchen aufbindcn. Und da nützt keine Polemik, keine Klage, keine Beweisführung. Mit einem Gegner, der nicht belehrt ein will und keine Waffe verschmäht, kann man kaum kämpfen. Da bleibt wirklich nichts übrig, als ruhig seines Weges 311 ziehen und auf die siegreiche Kraft der Wahrheit .zu vertrauen, die ja schließlich doch durch die dichten Nebel antisemitischer Verhetzung siegreich durchbrechen und jene Klarheit verbreiten wird, die wir nur aus vollstem Herzen und mit größter Ruhe herbeiwünschen können! U Nie Kadbiner der Zukunft. Von Georg Minden. Der Entwurf zum neuen Volksschulgesetz ordnet an, daß in jeder bürgerlichen Gemeinde die Verwaltung der Volksschulangelegenheiten durch einen „Schulvorstand" geführt werden soll. Ist die Gemeinde zu klein, um allein eine Schule zu haben, so wird sie mit anderen Gemeinden zu diesem Zweck zusammengelegt und der Selbstverwaltungskörper, der in solchen Fällen den Schulvorstand ersetzt, heißt „Schulausschuß". Beide Behörden werden hauptsächlich aus Bürgern bestehen, die diese Thätigkeit als unbesoldetes Ehrenamt ausllben und auf sechs Jahr gewählt werden. Nun schreibt aber § 75 vor, daß dem Schulvorstande bezw. Schulausschuß außer ein oder 2 Schullehrern und — wo dies angeht — einem Arzte noch folgende Personen beitreten, welche von der Regierung widerruflichbestellt werden: je ein Geistlicher oder Religionsdiener der betreffenden Religionsgesellschaften aus der Zahl der im Schulbezirk mit der Leitung, des Religionsunterrichtes betrauten und in dieser Stellung zum Besuch derselben befugten Personen. Aus dem Zusammenhänge der gesetzlichen Bestimmungen ergiebt sich demnach, daß überall da, wo entweder eine besondere jüdische öffentliche Volksschule besteht, oder wo der Vorstand der jüdischen Gemeinde den Antrag gestellt hat, daß den in der christlichen Volksschule eingeschulten jüdischen Kindern jüdischer Religionsunterricht ertheilt werdet und wo er die Aufsicht über diesen Unterricht dem Rabbiner übertragen hat — was in der Regel wohl der Fall sein wird — daß überall da im Schulvorstand und Schulausschuß neben dem evangelischen und katholischen Geistlichen ex officio ein Rabbin er sitzen wird. Wir wissen nicht, ob ein solches Verhältniß schon irgendwo auf der Erde existirt. Der Vorschlag eröffnet aber eine weite Perspektive in die Zukunft. Bekanntlich sind die Geistlichen — ohne Unterschied des Bekenntnisses — häufig etwas schwierig zu behandelnde Leute. Sie sind gewöhnt von einem Orte aus zu reden, wo ihnen Niemand widersprechen kann und sie beschäftigen sich ferner fortdauernd mit Angelegenheiten, an die der gewöhnliche Sterbliche nur in besonders feierlichen Monienten denkt. Bei unfern Rabbinern kommen dazu zwei Umstände, die die Schwierigkeit noch vergrößern. Zunächst haben sie Talmud studirt und dabei eine scharfe Geistesdisziplin durchgemacht. Aber die feine Dialektik, die in der ckcscfiida.fi und in öctfi-fiamickrascfi gepflegt wird, hält nicht immer vor der Macht der Thatsachen Stand, sobald die Schlußfolgerungen unter dem Sonnenlichte der modernen ') Es bedarf dazu einiger Bedingungen, die hier nicht weiter interessiren. Weltanschauung nachgeprüft werden'). Schon Herders, ein warmer Freund des Judenthums, sagt, indem er die Verschiedenheit der Methoden betont: „Wo der Rabbi am scharfsinnigsten gewesen war, ward er am dümmsten; eben wo er den feinsten Witz angebracht hatte, schien er ein rasender Schwärmer. Man machte lächerlich, was man hin und wieder gar nicht verstand; und indem man den schönen glänzenden Staub auf dem Flügel des Schmetterlings mit groben Händen angreifen, sie gar zersägen und zertheilen wollte, freilich, so ging der Schmetterling und sein Flügel verloren, und man besudelte sich nur die Hände." Und seit Herder hat der Unterschied der Methode noch Fortschritte gemacht. Das jetzige Zeitalter steht voll und ganz unter dem Zeichen der Naturwissenschaften. Die trennende Kluft ist heut weit größer geworden. Dann aber sind die Rabbinen auch streng an die Speisegesetze gebunden, und dadurch in ihrem Umgang mit Andersgläubigen, — ja auch, wie die Sachen in Deutschland stehn, mit der Mehrzahl der Gebildeten unter ihren eigenen Glaubensgenossen — recht erheblich beschränkt. Zwar wird Jeder, der nicht innerlich ganz roh ist, diese Art der Enthaltsamkeit mit Ehrfurcht und Hochachtung betrachten. Immerhin bleibt aber ein gewisses Gefühl der Entfremdung zwischen Personen, die gar nicht, oder doch nur unter großen Schwierigkeiten mit einander essen und trinken können. Alle diese Umstände erschweren die Beurtheilung dessen, wie die Kollegien mit den Geistlichen verschiedenen Bekenntnisses aussehen werden. An persönlichen Reibungen unter ihnen wird es kaum fehlen; aber auch die Fälle, wo die Geistlichen gemeinschaftlich Front gegen alle übrigen machen, werden nicht selten sein. Wie andere Theologen sind auch manche unter unseren Rabbinen nicht immer gerade sehr höflich, weder unter einander, noch;u ihren sonstigen Glaubensgenossen?) Wer die Polemik in den betreffenden Zeitschriften darauf hin durchlesen wollte, würde eine hübsche Blumenlese anlegen können. Werden nun die Herren im Kollegium das dem Geistlichen wohl anstehende suavitcr in modo, fortiter in re durchführen? Wird etwa aus der Berührung eine neue Art des Studiums der jüdischen Theologie erwachsend Wird man gar versuchen, die rabbinische Wissenschaft mit neuen Methoden zu ergründen? Wird in den vornehmen jüdischen Familien Deutschlands die in diesem Jahrhundert rapid niedergegangene Neigung wieder erwachen, ihre Söhne dem geistlichen Stande zu widmen? Es ist nicht das erste Mal in der Weltgeschichte, daß die Neigungen der Großväter in den Enkeln wieder lebendig werden, und einige Anzeichen deuten in der That darauf hin, daß eine solche Wandlung kommen wird. Indessen — wie auch die Rabbiner und Religionsdiener der Zukunft aussehen mögen — das Eine wäre ihnen sicher zu wünschen: daß man sie nämlich materiell besser stellen möge, als dies heute geschieht; denn es giebt nur wenige gut und nicht allzuviel genügend dotirte h Unsere modernen Rabbiner haben aber doch wohl auch noch eine andere Bildung in sich ausgenommen und sind mit der Weltanschauung der neuen Zeit sehr vertraut. Die Red. -) Cotta'sche Ausgabe von 1862 Bd. 21, Seite 6. •*) Ich habe neulich an mir selbst das Experiment gemacht. Herr Landrabbiuer Dr. Buchholz in Emden hatte) in der „Israelitischen Wochenschrift" den Sinn eines von mir geschriebenen Leitartikels unrichtig wiedergegeben. Meinen desfallsigen Protest hat der gedachte Herr mit solchen Anmerkungen versehen veröffentlicht, daß ich auf weitere Diskussion gern verzichte. Freilich, das jedem Israeliten zustehende Recht, sich in Religionssachen seine eigene Meinung zu bilden und dieselbe gelegentlich zu äußern, werde ich mir weder vom Herrn Landrabbiner Dr. Buchholz, noch von sonst Jemand nehmen lassen.

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