Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 55. Jahrgang. Nr. 11 Berlin. 13. Mär? 1891. Begründet von Kablrrner Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Crpedition: iöerlm, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Antisemitische Kampfweise. — Die Rabbiner der Zukunft. Von Georg Minden. — Ein Normalftaal innuce. Von W. E.Backhaus. — Wissenschaft und Litteratur: Pädagogische Briese. Von A. Treu. — Auch ein Gedenkblatt. Von Emil Lehmann. — Elia in der Legende. Von Dr. David Cassel. (Schluß.) — Feuilleton: Onkel Jakob. Von Friedrich Saphra. (Schluß.) — Litterarische Mittheilungen: Ein christlicher Schulmann über Berthold Auerbach. Von H. Becker. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Hamburg. Gleiwill, Pleß, Samter, Frankfurt a. M.. Elberfeld, Hanau, Hameln, Wien, Budapest. Paris, Petersburg. — Bon Rah und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Briefkasten. Antisemitische Kampfweise. Berlin, 9. Mürz. Es verlohnt sich wohl der Mühe, einmal einen Blick in die Werkstätte antisemitischer Polemik zn werfen. Ja, vielleicht ist ein solcher Blick niemals lohnender, als gerade in diesen Tagen. Daß in litterarischen Fehden seit jeher nicht mit Glacehandschuhen gekämpft wurde, ist eine bekannte Sache. Daß die Antisemiten noch überdies nrit allen Waffen der Lüge und der Fälschung gegen uns ankämpfen, versteht sich bei dein Charakter ihrer Agitation wohl von selbst. Aber ihre Kainpftattik hat noch etwas ganz Besonderes, etwas Originelles, wodurch sich ihr journalistischer und litterarischer Krieg gegen das Judenthnm von allen bisherigen Angriffen und Fehden wesentlich unterscheidet. Diese Taktik ist einfach folgende: Die Antisemiten behandeln die Juden und das Judenthum, als wenn Heide vogelsrei wären; sie bekämpfen beide ohne jede Scheu und ohne die geringste Scham. Der „Antisemiten-Katechismus", der jetzt in zehnter Auflage vor uns liegt, bietet hierfür ein geradezu klassisches Beispiel. Selbstverständlich lassen sie es auch an den gehässigsten Provokationen nicht fehlen. Wagt nun aber der Jude zn antworten, d. h. thut er ihnen den Gefallen, ans den antisemitischen Leim zu gehen, dann beginnt sofort ihre wilde Hetzjagd: Seht, der Jude schmäht unsere Religion, verleumdet unser Vaterland, setzt unsere Nation herab! Und es ist merkwürdig, daß sie mit dieser Taktik immer noch einige Gimpel hüben und drüben einfangen. Der Kampf, der gegen den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" jetzt geführt wird, bietet in dieser Beziehung das lehrreichste Beispiel. Sie dürfen Vereine gegen die Juden gründen, wagen es aber die Judenfreunde, d. h. die Freunde der Humanität und der Wahrheit, dagegen sich zu sammeln, dann ist das ein Kapitalverbrechen, ein Hochverrath und wer weiß, was noch. Man muß sich nur diesen obenerwähnten „Antisemiten-Katechismns" einmal vornehmen und, nicht etwa auf den Inhalt, nein, ausschließlich auf die Kampftaktik hin dnrchlesen. Soviel Worte, soviel Lügen, so viele Behauptungen, so viele Verleumdungen und Entstellungen! Wagte es nun ein Jude, dagegen aufzutretcn, so ist es ja in der Natur des Kampfes begründet, daß er in der Hitze des Gefechts leicht scharf und vielleicht hie und da sogar aggressiv wird. Da wird gleich die Trommel gerührt und das ganze Antisemitenlager geweckt, und nach Leibeskräften wird — der Staatsanwalt gerufen. Der aber weiß sehr wohl zwischen berechtigter Nothwehr und frivolen! Angriff zu unterscheiden und wird, wenn er die Agitation überhaupt vor sein Forum zieht, genau wisien, wer der Angreifer, wer der Angegriffene gewesen ist. Wir würden die Hilfe der Gerichte niemals gegen die Antisemiten anrufen, weil wir nicht glauben, daß dadurch irgend etwas gebessert oder geändert wird, wenn ein Verleumder dreihundert Mark Strafe zahlt oder im Unvermögensfalle acht Tage iin Gefängnis; sitzt. Wir halten es vielmehr für die Aufgabe der Inden, in Schrift und Wort offen und ehrlich gegen alle antisemitischen Angriffe energisch aufzutreten, unbekümmert darum, welche Motive die unehrliche Taktik unserer Gegner diesem Auftreten unterschieben wird. Das ist natürlich und berechtigt, und das werden auch alle gerecht denkenden Menschen, welcher religiösen und politischen Partei sie immer angehören mögen, natürlich und erklärlich finden. Aber freilich, das Natürliche und Erklärliche gilt für die Antisemiten nicht, wenn es sich um Juden handelt. Da wird allemal nur das Unbegreifliche Ereigniß, und mit dem vollen Ingrimm blinden Hasses stürzen sie sich in jedem einzelnen Falle auf die willkommene Beute mit ihrer oben geschilderten Kampftaktik. Nicht, das; wir die Angegriffenen, die Herausgeforderten oder wenn man will: die zur Anssprache über eine mögliche Verständigung Eingeladenen sind! O nein, sie stellen uns frech als die Angreifer, als die Herausforderer hin. Die Worte, die wir citiren, haben wir erfunden, die Conscguenzcn, die wir ziehen, sind unser Eigenthum. Und damit ist die Beweisführung zu Ende. Sie wendet sich ja mit Vorliebe an die Armen im Geiste, und da bedarf es keiner großen logischen Kraft. Merkwürdig aber bleibt es bei alledem doch, wie auch diese roheste Angriffstaktik, die an die Kampfweise wilder Jndianerstüinme erinnert, selbst hie und da vorurtheilsfreie Geister stutzig machen kann. Man sollte doch bedenken, welchen Zweck diese Kampfesweise hat. Es handelt sich nicht um Begründung der Wahrheit, nicht um Besserung -sozialer Mißstände, sondern es handelt sich einzig und allein darum, den Haß gegen die Juden zu wecken, zn nähren, zu verbreiten. Die Antisemiten wissen so gut wie wir, daß kein deutscher