Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 daß die Gerechtigkeit in Deutschland noch nicht verloren gegangen ist. -- Unermüdlich thätig nach innen wie außerhalb der Gemeinde ist der Vorstand, und die letzte Wahl mit Ablauf der Session zeigte wohl am besten durch die fast einstimmige Wiederwahl des früheren Vorstandskörpers, wie sehr die wirksame Thätigkeit desselben anerkannt wird. Die Bemühungen um die Schöpfung einer neuen jüdischen Armenordnung, welche durch eine große Anzahl von Armenpflegern dem Distriktvorsteher zur Erörterung imb persönlichen Prüfung der Gesuche zur Seite stehen und unter Oberaufsicht des Gemeindevorstandes die wohlthätige Wirksamkeit entfalten soll, lassen die voraussichtliche Hoffnung zu, die Sachlage nach Würdigkeit der Bedürfnisse zu bemessen und dem Uebel möglichst zu begegnen. — Die Einrichtungen der Leipziger israelitischen Gemeinde, neben dem Festhalten an religiösen Vorschriften, bei Beerdigungen der Toleranz im weitesten Sinne Raum zu geben und bei Mischehen der überlebenden Ehehälfte die Bestimmung für die Beisetzung auf dem jüdischen Friedhofe frei zu lassen, zeigen wohl zumeist, welcher zeitentsprechende Geist in der Gemeinde lebt und in rein menschlichem Sinne gepflegt wird. — Ob die Humanität im Kampf gegen den Antisemitismus siegen wird — ob das hier herrschende System die antisemitischen Anfeindungen bekämpfen wird - ob Haß durch liebevolles Wohlwollen allein gehoben wird? - „Nicht was wir meinen, siegt, nein, wie wir es meinen, das nur überwindet." * Leipzig, 27. Februar. Bei der jüngsten Verurtheilung des Antisemitenhäuptlings Fritsch wegen Beleidigung der Firma Baum hat der Vorsitzende Amtsrichter Wolfram in der Urtheilsbegründung u. A. ausgeführt: „Die Geldstrafe habe man hoch zu bemessen geglaubt, denn der Aufsatz beruhe auf dem bei Fritsch wiederholt beobachteten System, in leichtfertiger Weise Beschuldigungen auszus prechen. . . . Erklärt wurde die ganze Handlungsweise Fritfchs nur dadurch, daß er, wie das Gericht aus anderen Fällen weiß, in geradezu seltenen Fanatismus geräth, wenn er nur etwas hört oder sieht, was nach Jude aussieht. Es solle Fritsch aber ernstlich gesagt sein, mit diesem System zu brechen und seinen Fanatismus zu beherrschen, wenn er nicht in neuen Fällen auf das Ernsteste zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden will." Die in Vorstehendem enthaltene Charakteristik der Kampfesweise eines Hauptführers der deutschsozialen Partei bedarf keines Kommentars. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 26. Februar. Die Wogen der Wahlbewegung gehen sehr hoch. An der Spitze der Antisemiten marschiren Arm in Arm Fürst Alois Lichten stein mit dem sattsam bekannten Schneider, der Stampillen gefälscht, zu falschen Zeugenaussagen verführt hat und sich Schurke, Schuft n. nennen läßt, ohne zu erwiedern. Es ist gut, daß Fürst Lichtenstein dieses Mal mit offenem Visir kämpft, das vorige Mal hat er die Wahlkosten für Schneider bestritten, der in der Leopoldstadt als Gegenkandidat des Professor Sueß auftrat; die Chancen der Reichsrathswahlen lassen sich vorläufig nicht seststellen. Man hofft, daß auf dem Lande die Antisemiten unterliegen werden; in Wien selbst stehen die Aussichten nicht am günstigsten.') * Wien, 2. Februar. Ueber die ö st e r r e i ch i s ch e n A n t i s e m i t e n bei den Reichsrathswahlen giebt die Berliner Volkszeituug nachsolgende Schilderung: „Infolge des Abfalls des Großgrundbesitzes von ihm läßt Taaffe den Antisemiten, die in vier Gruppen zerfallen, in der Wahlbewegung wieder mehr Spielraum. Da sind die Schönerianer, die Christlich-Sozialen, die Anhänger Vergani's und die Pattai's. Die Schönerianer sind nicht nur Antisemiten, sondern auch sehr deuschnational, daß sie jedes Gefühl für österreichischen Patriotismus verloren haben. Die Christlich-Sozialen wollten die kapitalistisch-manchesterlichen Ausschreitungen bekämpfen, und gelangten so bei den Reaktionären an. Die Verganianer haben sich aus persönlichen Gründen von den Schönerianern getrennt,' sie suchten den Schein des Oesterreicherthums festzuhalten und spielen sich antiklerikal auf. Pattai hat ein,konservatives Sonderprogramm und will von den Klerikalen auch nichts wissen. Gemeinsam ist den vier antisemitischen Gruppen, die sich den Wühlern als die „Vereinigtell Christen" vorstellen, der Haß gegen den Liberalismus und die Inden, das hält sie abernicht ab, daß sich diese antisemitischen Größen zur Belustigung der österreichischen Hauptstadt in den Wählerversammlnngen uitb in der Presse auf's Heftigste *) Nach den neuesten telegraphischen Meldungen hat sich diese Hoffnung nicht bestätigt. In Niederösterreich wurden bis jetzt 7 Antisemiten gewählt, in Mähren und Schlesien je einer. Die Red. bekämpfen. Unter der antisemitischen Flagge sammelt sich in Wien das Kleinbürgerthum, das sich gegen das starke Kapital und den Großbetrieb wehrt und bei seinem engen Horizont blos die zufällig im Großkapital stark vertretenen Juden ins Auge faßt. Je ausgedehnter in einem Lande lloch der Kleinbetrieb ist, um so mehr gedeiht der Antisemitismus. * Wien, 2. März. Nach dem Vorgang in Deutschland ist gegenwärtig hier ein Verein zur Bekämpfung des Antisemitisnuls in der Bildung begriffen. Der Aufruf zuln Beitritt ist bereits festgestellt. Es wird darin hervorgehoben, daß der Antisemitismus Staat und Gesellschaft gleichmäßig bedrohe, daß er zur gefährlichsten Verrohung des Volkes führen muß und bereits höchst schädlich auf die Gesittung der akademischen Jugend eingewirkt habe. Der Aufruf ist von Herrn Dr. Karl von Kißling in Linz, dem bekannten Vorkämpfer gegen die Uebergriffe der Antisemiten, ausgegangen. * Wien, 27. Febr. Heute fand die Konstituirullg des Kuratoriums der Baron Hirsch-Stiftung statt, bei welcher Statthaltereirath Ritter v. Szawlowski als Negierilttgs-Kommissär intervenirte. Jll Vertretung des Baron Hirsch eröffnete der Direktor des Wiener Ballkvereins, Dr. Joly, die Versammlung nnb konstatirte, daß von Seite der Staatsverwaltung die Herren Hofrath v. Gniewosz, Hofrath Dr. v. Roza, Sektionsrath R. v. Chledowski und Professor Dr. Charkiewicz zu Kuratoren ernannt wurden, daß die Herren Siegmund Ritter v. Bauer, Joseph R. v. Fürth, David R. v. Gutmann. Dr. Adolph Jelliuek, Moriz Edler v. Kuffner, Wilhelm Naschauer, Heinrich Nirensteiu, Alexander Freiherr v. Popper, Hofrath Joseph R. v. Pfeiffer, Dr. Arnold Rapoport, Professor Dr. Rosenblatt, Philipp Thorsch, Siegmnnd Trebitsch, Dr. Julius Freiherr v. Wäldberg ihren freiwilligen Eintritt erklärt haben. Dr. Joly begrüßte die Versammlung und schloß seine Ansprache mit einem Hoch auf den Kaiser. Hierauf nahm der Regierungs- Kommissär das Wort nnb erklärte im Namen der Regierung, daß j dieselbe der Stiftung das größte Wohlwollen entgegenbringe und dem! Kuratorium vollste Unterstützung angedeihen lasten werde, auf daß die! Stiftung, den Intentionen des Stifters gemäß, zum Wohle der! Bevölkerung Galiziens und der Bukowina wachse und gedeihe. Bei > der hierauf folgendenden Wahl wurde Herr Joseph N. v. Fürth i einhellig zum Präsidenten des Kuratoriums gewählt. Dieser dankte für! die auf ihn gefallene Wahl und legte in kurzen, markigen Zügen die j Ziele dar, welche die Stiftung zu verfolgen haben wird. Hierbei hob der Präsident hervor, daß die Stiftung, deren Wohlthaten statutengemäß nicht nur den israelitischen, sondern auch den christlichen Kindern zugute kommen, bezwecke, die arg vernachlässigte Jugend mancher Landestheile Galiziens uub bet Bukowina durch Heranziehung zu regelmäßigem Unterricht und zum Handwerk und Ackerbail zu nützlichen und anhänglichen Bürgern des Landes auszubilden, ohne dabei jedoch beit religiösen Gefühlen derselben nahetreten oder selbe ihrem engeren Vaterlande entfremdell zu wollen. Als Vize-Präsident wurde Herr j Dr. Arnold Rapoport v. Porada gewählt, welcher im Nanlen Galiziens! dem Stifter den Dank für die Stiftllng aussprach. Zrun Präsidenten- - Stellvertreter wllrde Herr Hofrath v. Gniewosz, zum Schatzmeister i Herr Siegmund R. v. Bauer, zu dessen Stellvertreter Herr Heinrich l Nirelistein nnb znm Sekretär Herr Dr. Friedlällder bestellt. Zum! Schluß gab Herr Hofrath Dr. Roza in seinem Namen und dem der! anderen von der Regierung in das Kuratorium entsendeten Herreil die! Erklärung ab, daß sie llicht als fremder Körper inmitten des Kuratoriums I erscheinen, sondern daß sie als Kollegen bestrebt sein werden, an dem gemeinsameil Werke mitzlllvirken. Da die Koupons der als Stiftungsj vermögen erlegten Werthpapiere momentan llicht fällig silld, hat Baroll j Hirsch dem Kuratorium zur Deckung der ersten Auslagen einen Betrag! von 26,000 fl. zligewiefen, welcher demselben von Dr. Joly übergeben , wllrde. Das Kllratorium beschloß noch, sofort dem Baron Hirsch! telegraphisch den Dank für die hochherzige Stiftung auszusprechen, lind damit wurde die Versammlung geschloffen. m. Prag, 22. Februar. Gestern, wie wiederholt schon mehrmal seit einigen Jahren, lnaßeu einander die „dentschnationale", richtiger „antisemitische", und die „liberal-fortschrittliche" Partei der deutschen Stlldelltellschaft Prags im Wahlkampfe der Lese- und Redehalle l der deutschen Studeliten. Die vorausgehende Agitation war beiderseits > eine lebhafte nnb intevejfirte allgemein auch das nicht studirende Publikum. Der Sieg blieb der „libernt-fortschrittlichell" Partei. Nichtsdestoweniger wäre es zu verwundern, daß fast die Hälfte der hiesigen deutschell Studentenschaft trotz aller Bemühullgell der meistell Professoren antisemitisch angekränkelt ist; allein noch immer fungirt hier der befannte,