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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-06 · Heft 10 (6.3.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 als unwissend und leichtfertig zum Eide sich Anbietende, von männern also bezeichnete Rothling als k. k. Professor der Theologiß Was Wunder also, wenn auch Geistliche mit den Antisemiten gehest und wie gestern mitstimmen trotz des freisinnigen Erlasses der öste^ reichischen Erzbischöfe und Bischöfe. LUI Bielitz, 27. Februar. Am 10. dieses Monats hat Herr L ö bl Münz das Zeitliche gesegnet. Derselbe stammle aus einer angesehenen Rabbiner-Familie. In uneigennütziger Weise wirkte der Verblichene nahezu ein halbes Jahrhundert als Mohel. Von der Hochachtung, die der Verblichene in den weitesten Kreisen genoß, gab der imposante Leichenzug, unter welchem wir viele städtische Beamten und Bürger bemerkten, beredtes Zeugniß. Trotz des stürmischen Wetters wurde die Leiche von einem großen Gefolge bis zum Friedhof begleitet, und die weilen Räume des Leichenhanses, wo die eigentliche Leichenfeier stattfand, erwiesen sich als viel 31t klein, um die Anwesenden aufzunehmen. Nach der vom Herrn Oberkantor Jg. Goldmann vorgetrageuen Rezitation bestieg unser hochverehrter Herr Rabbiner Dr. S. Ho rowitz die Kanzel und entwarf ein wohlgelungenes Lebensbild des Verblichenen. Es sprachen ferner: Herr Rabbiner Münz aus Kempen, der Sohn, uitb Herr Rabbiner Dr. W. Münz aus Gleiwitz, der Enkel des Verstorbenen. Nnßlmrd. * Petersburg, 2. März. Der neueste Bericht der Alliance israelite universelle enthält folgende bemerkenswerthe Stelle: Es hat den Anschein, als ob in den offiziellen russischen Sphären bezüglich der angekündigten verschärften Maßnahmen gegen die Juden eine gewisse Beruhigung eingetreten wäre. Jedenfalls sind die neuen Gesetze, welche nach Ausspruch einiger Zeitungen am 1. Januar 1891 in Kraft treten sollten, noch nicht publizirt worden. Vielleicht steht zu hoffen, daß die Rüthe des Kaisers, davon unterrichtet, welches Hebel für das ganze Land daraus entstehen könnte, wenn eine Gesetzgebung in Kraft träte, die mehrere Hunderte und Tausende Individuen ins Elend und die Verzweiflung stürzt, es aufgeben, bereits sehr beklagenswerthe Zustände noch zu verschlimmern. Die englischen Zeitungen vom 23. Januar citiren einen Artikel der „Nowoje Wremja" , aus welchem hervorzugehen scheint, daß man ait hoher Stelle den Israeliten günstiger gesinnt ist. Wenn man bedenkt, daß diese Zeitung sich stets durch ihre Feindseligkeit den Israeliten gegenüber ausgezeichnet hat, so ist diese neue Haltung bedeutungsvoll und gewissermaßen beruhigend. Türkei. Korrstarrtirropel, 22. Februar. Vor einiger Zeit ist hier eine Deputation der palästinensischen Juden eingetroffen, welche zu Gunsten ihrer durch die Unbilden des überaus harten Winters schwer betroffenen Brüder die Mildthätigkeit der türkischen Glaubensbrüder, sowie anderer Wohlthäter anrufen sollte. Die Deputation hat sich in unserer Stadt einer entgegenkommenden Ausnahme 31t erfreuen gehabt. Besonders hervorzuheben ist, daß auch der Sultan eine Bittschrift der Deputation gnädig entgegeugenommen und aus seiner Privatschatnlle für die palästinensischen Juden den Betrag von 100 türkischen Pfund j1800 M.) gespendet hat. Von hier aus gedenkt die Deputation sich nach Salonichi zu begeben. Von Nah und Fern. ----- Den Herren Rechtsanwälte H. Stern I, Haac und Gimtiewicz zu Berlin ist das Notariat verliehen worden. — In der Aula des Polytechnikums zu Charlottenburg fand eine große Versammlung der Stndirenden statt, in der nach längeren stürmischen Debatten beschlossen wurde, die bekannte famose Petition an den Kulturminister betreffs Ausschlusses russisch-jüdischer Studirender vom Studium an den technischen Hochschulen nicht abzusenden. — Am 2. d. gerieth Liebermann von Sonnenberg in Kassel bei Gelegenheit einer öffentlichen Diskussion mit einem politischen Gegner thätlich zusammen. Der Letztere, ein junger Mann, Namens Lazarus, wollte das jüdische Familienleben gegen dessen unwahre Beschuldigungen vertheidigen. Darauf faßte dieser Herrn Lazarus beim Kragen und stieß ihn vom Podium hinab. Noblesse oblige! — Am 1. März feierte Herr Fleischhacker, Lehrer in Harburg, sein Mjähriges Amtsjubiläum. Derselbe fungirt über 43 Jahre in feinem -jetzigen Amtsort: — Im Äerein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Frankfurt ä.M. hielt am 18. v.M. Herr Rabbiner Dr. Olitzki aus Cöthen einen Vorträg über Abraham Jbn Esra als Religions- Philosoph. — Bei der am 2. d. M. stattgehabten Wähl eines ersten Vorstehers der jüdischen Gemeinde zu Han n over an Stelle des verstorbenen Geh. Sanitätsraih Dr. Cohen wurde Herr Julius Kanffmann, der bisherige zweite Vorsteher, mit überwiegender Majorität gewählt. - Auf seiner Tournee durch die Rheinprovinz sprach der ehemalige Hofprediger am 21. Februar in München-Gladbach und eiferte in seinem — sonst sehr sachlichem — Vortrage wieder einmal gegen die „Jndenpresse". Man muß die alten Schlagwörter immer wieder einmal anfwärmen. — Nach einer soeben ansgegebenen Statistik bestanden in Bayern zu Ende des Schuljahres 1888/89 im Ganzen 7190 Volksschulen, darunter 89 jüdische; von den Schulkindern, deren Gesammtzahl 851,357 betrug, gehörten 6713 der jüdischen Konfession an. — Die österreichische Regierung hat die bestehenden Gesetze, wonach die russischen Israeliten in Oesterreich gewissen Beschränkungen hinsichtlich des Gewerbeantritts unterliegen, durch Erlaß an die Landesregierungen in Galizien und der Bukowina in Erinnerung gebracht. Ausgesprochenermaßen soll dies eine Repressalie gegen die Behandlung der österreichischen Israeliten in Rußland bezüglich des Gewerbeantritts sein. Haust du meinen Inden, hall' ich deinen Juden — lautet auch hier der . Grundsatz. —- In Lemberg wurde nach beifällig aufgenonnuener Probepredigt Herr Dr. I. Caro, Rabbiner in Pilsen, zum Prediger der israelitischen Gemeinde an Stelle B. Löweilüeins s. A. gewählt. — Wir haben wiederholt bedeutender Spenden gedacht, die in Folge eines vom Syndikat der Pariser Presse erlassenen Aufrufs zur Linderung des durch den abnormen Winter bewirkten Elends gewidmet wurden. Die soeben erschienene Spenderliste zeigt, daß die Gesammteinnahmen etwas mehr als 500,000 Frcs. betragen, von denen über 150,000 Fr cs: von Juden allein zugeschickt wurden. — In London präsidirte Lord Aberdeen der Versammlung eines Vereins zur Unterstützung der russischen Inden und erklärte, der Zweck des Vereins sei, die Juden zu unterstützen unb zu beschäftigen, besonders aber die Gründung einer Jndenkolonie in Palästina zu ermöglichen. Eine hierauf bezügliche Resolution wurde von der Versammlung allgenommen. — Aus Wien wird telegraphirt: Nachdem die Konstituirung der Zwölf- Millionen Stiftnng des Barons Hirsch zur Erziehung der israelitischen sowohl, wie auch der christlichen Jugend in Galizien vollzogen wordeil ist, soll nunmehr auch eine Stiftung in gleicher Höhe in Russisch- Polen ins Leben treten. Die bezüglichen Verhandlungen mit der russischen Negierung sind bereits angeknüpft. Die Nachricht erscheint uns nicht glaubhaft. — Rußland ist das Land der Widersprüche. Auf der einen Seite peinigt es die Juden, auf der andern — adelt es sie. So meldet mau aus Petersburg: Herr Dr. ineck. M. A. Finkelstein, welcher im Jahre 1877 für seine in der Nacht des 14. Juni beim Uebergang der Russen über die Donau in der Nähe von Simnitza bewiesene Tapferkeit mit dem Kreuze des St. Wladimir-Ordens dekorirt wurde, wurde anl 27. Dezember vorigen Jahres in beit erblichen Adelstand erhoben mit der Berechtigung zur Eintragung seines Namens in den dritten Band des Adelslexikons. — Herr Cantagalli, der Vertreter Italiens in Marokko, hat den Israeliten eineu neuen werthvollen Beweis seiner Sympathie gegeben. Trotz der Befehle des Sultans sind die Israeliten von Chechoan nach wie vor den Mißhandlungen der Araber ausgesetzt. Herr Cantagalli, der sich schon früher bei dem Sultan für sie verwendet hatte, hatte neuerdings Schritte gethan und von dem Kaiser einen Brief an den Gouverneur von Tetnan, der auch in Chechoan befehligt, erhalten, worin demselben der Schuh der Juden dringend ans Herz gelegt wird. — Zur Kolonisation von Palästina hat sich in Paris ein Verein unter dem Namen „Societe civile“ gebildet. Die Zahl der Mitglieder, welche sich zur ersten Einzahlung eingetragen, ist bereits auf lausend gestiegen, und werden demnächst einige Delegirte nach Palästina reisen, um daselbst tausend Hektar Landes anzukausen. Die Gründer des Vereins thun Schritte, daß Kenner der Verhältnisse in Palästina den Delegirten bei der Ausführung ihre^ Vorhabens zur Seite stehen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. m

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